Helge Braun, Björn Erik Ruppel, Dr. Günter Stephan und Dr. Alexander Koch diskutieren im Laubacher Schlosshof, wie Ärzte aufs Land geholt werden können. FOTO: CON
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Helge Braun, Björn Erik Ruppel, Dr. Günter Stephan und Dr. Alexander Koch diskutieren im Laubacher Schlosshof, wie Ärzte aufs Land geholt werden können. FOTO: CON

Gute Infrastruktur Grundvoraussetzung

  • vonConstantin Hoppe
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Laubach(con). Die klassischen Landärzte werden immer weniger - und mit ihrem Schwinden sinkt auch die Lebensqualität vor Ort. Was könnte in der Bundespolitik oder in den Kommunen getan werden, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken? Das war die Frage bei einer Diskussionsrunde, zu der Bürgermeisterkandidat Björn Erik Ruppel drei Kenner der ärztlichen Szene eingeladen hatte: Kanzleramtsminister Helge Braun sowie die Laubacher Ärzte Günter Stephan und Alexander Koch. Das Thema stieß auf großes Interesse: Die bereitgestellten Plätze im Hof des Laubacher Schlosses waren komplett belegt.

Stellschrauben für Lokalpolitik

Zunächst ging es um Veränderungen im Arbeitsumfeld: "Das Arbeiten von heute unterscheidet sich erheblich von dem vor 40 Jahren", berichtete Stephan. "Früher waren wir rund um die Uhr erreichbar und haben uns dann noch gefragt, ob wir nicht noch mehr hätten arbeiten können. Aber das ist heute nicht mehr üblich, was man auch niemandem verdenken kann."

Den Weg eines Allgemeinmediziners auf dem Land ergriffen hat Koch: Nach seinem Studium an der JLU Gießen (bis 2016) hatte er unter anderem einen Lehrauftrag in Boston. "Wenn man in Boston bleiben kann, warum geht man dann nach Laubach?", fragte sich nicht nur Ruppel. Irgendwann müsse man entscheiden, wo man seine Tochter aufwachsen sehen will - es ist Laubach geworden, sagte Koch. "Die Vernetzung und Beziehungen vor Ort machen einen großen Unterschied bei der Wahl des Berufs." Wenn es eine gut ausgebaute Infrastruktur gibt, sei man viel eher bestrebt, sich auf dem Land niederzulassen, sagte der Mediziner.

Ein wichtiger Punkt sei die Modernisierung der Arbeitsplätze: Denn wenn ein junger Arzt eine Praxis übernehme, übernehme er meist auch einen Investitionsstau. "Wenn man gleich viele Tausend Euro in die Hand nehmen muss, schreckt das erst einmal ab", erklärte Koch. Weitere Aspekte seien Glasfaserausbau und schnelles Internet, Telekommunikation und Funklöcher. Gerade diese Standortfaktoren sind auch für Ärzte wichtig. Und natürlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: "Es gibt nach wie vor eine Ungleichbehandlung von Mann und Frau - das hat man in der Corona-Zeit wieder besonders gemerkt", sagte auch Stephan. Denn wenn die Kinder zu Hause bleiben müssen, sei es meist die Frau, die sich um diese kümmert. "Die berufliche Unterstützung der Frau muss ein wichtiger Punkt in der Politik sein."

Auch das Ansehen der sogenannten Landärzte sei ein entscheidender Faktor: "Das Image eines Leitenden Oberarztes in einer Klinik ist ein anderes als das eines Arztes auf dem Land", meinte Koch. Nur rund sieben Prozent der Ärzte in Ausbildung sehen sich später als niedergelassener Arzt im ländlichen Raum. "Aber nur die wenigsten können Oberarzt werden", fügte Helge Braun hinzu.

Die Kommunen haben einige Möglichkeiten, zu einer Verbesserung der Situation beizutragen - insbesondere bei der Infrastruktur vor Ort gebe es viele Stellschrauben. Bei anderen Aspekten ist jedoch der Bund gefragt.

Wie wichtig die Thematik ist, sehe man am durchschnittlichen Altersniveau der Hausärzte - viele Praxen finden keinen Arzt, der diese weiterführen möchte. Doch gerade die aktuelle Pandemie zeige die großen Vorteile einer guten Versorgung mit Hausärzten: Denn in den kleinen Praxen fällt die Umsetzung der Hygienemaßnahmen oft leichter als in großen Kliniken.

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