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Jakob Nolte

»Erst mal vor der eigenen Haustür kehren«

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Laubach (jwr). Jakob Nolte aus Röthges hat schon mehrere Preise eingeheimst, ist ein gefragter Experte für Artenvielfalt - und das mit erst 20 Jahren. Im Interview spricht der Student über seine Erkenntnisse und verrät, was jeder Einzelne tun kann.

Herr Nolte, Sie haben im Rahmen von »Jugend forscht« kürzlich den Preis der Bundeskanzlerin für die »originellste Arbeit« verliehen bekommen. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Das hat sich toll angefühlt. Die Online-Preisverleihung war unheimlich spannend - ich dachte schon, ich würde leer ausgehen. Inzwischen habe ich Post vom Kanzleramt bekommen, der Preis wird noch in Berlin überreicht. Für meine Arbeit habe ich drei Jahre geforscht, 17 Quadratkilometer Offenlandschaft kartiert. Manche haben gesagt: Das schaffst du nie! Nach so vielen Situationen, in denen ich mich immer wieder selbst ermutigen musste, ist diese Auszeichnung umso schöner.

In Ihrer ausgezeichneten Arbeit haben Sie den Wildpflanzenbestand in und um Laubach mit Daten von 1887 verglichen und ein massives Artensterben dokumentiert. Ist es schon zu spät, um die Vielfalt zurückzuholen?

Ich wurde ein paarmal mit dem Satz zitiert, dass es für manche Pflanzen fünf nach zwölf ist - das stimmt. Unter anderem bei den Orchideen sind im untersuchten Gebiet neun von zehn Arten, die es 1887 noch gab, ausgestorben. Die werden wir absehbar in den nächsten Jahrzehnten nicht zurückbringen können. Hinzu kommt das Insektensterben. Und weil die Öko-Systeme in einem so schlechten Zustand sind, können sie schwerer auf Umwelteinflüsse reagieren.

Inwiefern trifft das auch die Landwirtschaft?

Auch auf landwirtschaftlich genutzten Flächen brauchen wir mehr Vielfalt. Es gibt bei uns schon Äcker, auf denen man Steppenvegetation sieht. Wenn wir jetzt nicht umdenken und auch handeln, herrscht in wenigen Jahrzehnten dort Wüste, die keine Erträge mehr erzeugt - ein Drama! Wir können mit dem Status quo nicht zufrieden sein.

Was kann jeder Einzelne zu größerer Artenvielfalt beitragen?

Erst mal vor der eigenen Haustür kehren. Jeder zeigt auf den anderen - alle auf die Landwirte, die Landwirte auf die Verbraucher. Ich finde wichtig, sich mit dem eigenen Konsumverhalten auseinanderzusetzen, etwa beim Fleisch: Wir bauen auf einem Großteil der Nutzflächen Viehfutter an und es werden viele Ressourcen aufgewendet, um Fleisch zu erzeugen. Außerdem haben viele die Möglichkeit, in ihrem Garten mehr Vielfalt zu wagen.

Was gilt es dabei zu beachten?

Mein Appell ist: Bei Blühstreifen bitte das richtige Saatgut nehmen, keine Exoten! Viele Hersteller haben sich auf hier heimische Arten spezialisiert, auf die hiesige Insektenarten eingestellt sind. Auch viele Kommunen verfügen über eigene Flächen, die sich für solche Projekte eignen.

Sehen Sie mittlerweile ein Umdenken in Sachen Artenschutz?

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie verletzlich wir Menschen sind, wie sehr wir als Organismen von der Natur abhängig sind. Forscher der Uni Gießen haben nun festgestellt, dass wir mitten in einem dramatischen Artensterben sind. Es braucht viel mehr politischen Druck, denn es geht um die Zukunft der Menschheit. FOTO: PM

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