Der jüdische Friedhof am Rande von Laubach. FOTOS: TB
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Der jüdische Friedhof am Rande von Laubach. FOTOS: TB

"Die Erinnerung schmerzt"

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Laubach(pm/tb). Wo sich im Vorjahr zahlreiche Laubacher einfanden, um an dem Schweigemarsch zur ehemaligen Synagoge und zum jüdischen Friedhof teilzunehmen, wo an die Novemberpogrome 1938 erinnert wurde, wo vor 82 Jahren Nazi-Schergen aus dem jüdischen Gotteshaus geraubte Kultgegenstände verbrannten, wird es in diesem Jahr kein Gedenken geben. Dort, auf der "Helle", wie der Platz an der Grundschule heißt, werden erstmals seit vielen Jahren also keine Vertreter von Stadt, Schulen, Kirchen und Friedenskooperative für die ehemaligen Mitbürger Blumen an die Gedenkstele legen und in ihren Reden an das Leid der Laubacher Juden erinnern.

Die Namen der jüdischen Opfer finden sich auf der Plakette an der ehemaligen Synagoge (Foto), wo eine Vertreterin der Friedenskooperative in stillem Gedenken weiße Nelken niederlegen wird. Der traditionelle Mahngang entfällt, wie Roland Wilhelm (Friedenskooperative) namens der Veranstalter schreibt. Man bedauere die coronabedingten Einschränkungen, wolle aber doch auf das Besondere dieses Tages hinweisen und an die Mitbürger appellieren, ihn nicht zu vergessen.

Bei den 37 Heynemanns, Katzens, Kaufmanns, den Steins, Straußens und Zodicks, so Roland Wilhelm, handelte es sich nicht um Zugereiste, Fremde, Ausländer. Sondern um Laubacher Männer, Frauen und Kinder, die mit allen übrigen Bürgern wohnten, arbeiteten, zur Schule gingen, den Ausschuss feierten. "Aber dann geschah etwas Unerhörtes. Schritt für Schritt, boshaft und gemein, wurden ihnen die Rechte entzogen, sie wurden aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Schließlich bekamen sie für alle sichtbar als Kainsmerkmal den Judenstern angehängt. Auf einmal waren sie keine Laubacher mehr, sie waren Laubacher Juden!"

Am Tiefpunkt der Entwicklung, in der Nacht auf den 9. November 1938, wurden in ganz Deutschland Synagogen angezündet, Geschäfte geplündert, jüdische Bürger gedemütigt; an die 200 ermordet. In Laubach gab es keine Toten, auch kein Abfackeln der Synagoge in der "Lippe", weil sonst die Innenstadt abgebrannt wäre.

Dafür wurde geplündert und Mobiliar auf dem Totenwagen zum Festplatz "Helle" geschleppt und zu einem gewaltigen Scheiterhaufen aufgetürmt.

Weiter Roland Wilhelm: "Der Zynismus der Machthaber drückte sich aus zum einen in der verhübschenden Bezeichnung ›Kristallnacht‹ - wegen der Millionen Scherben aus den Schaufenstern jüdischer Kaufhäuser - und erst recht in der den Opfern auferlegte Kontribution von einer Milliarde Reichsmark zur Behebung aller Schäden! Und das war nur der Anfang einer Entwicklung, an deren Ende etwa 40 Millionen Menschen ihr Leben verloren hatten (jeder zehnte davon jüdischer Abstammung) und Deutschland und halb Europa in Trümmern lag. Die Erinnerung schmerzt. Sie darf aber nicht verloren werden."

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