Seit Mittwoch empfangen Karim und Saskia Rühl im Landhotel Waldhaus Laubach wieder Gäste. In der Eventscheune findet am Wochenende sogar die erste Hochzeit des Jahres statt.
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Seit Mittwoch empfangen Karim und Saskia Rühl im Landhotel Waldhaus Laubach wieder Gäste. In der Eventscheune findet am Wochenende sogar die erste Hochzeit des Jahres statt.

Corona-Lockerungen

Tourismus im Kreis Gießen: Die Gäste kehren zurück

  • Lena Karber
    vonLena Karber
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Nach Monaten des Lockdowns dürfen die Betreiber von Hotels und Co. hierzulande aufatmen: Der Tourismus läuft in diesen Tagen wieder an. Und vielleicht kann die Region ja langfristig von dem Trend zum Urlaub in Deutschland profitieren.

Nach 71 Jahren unter der Leitung ihrer Großeltern und Eltern haben Saskia und Karim Rühl im vergangenen Jahr das Landhotel Waldhaus in Laubach übernommen - mitten in der Pandemie. »Das war natürlich ein Oberbrett, was wir da präsentiert bekommen haben«, sagt Karim Rühl. Doch nun geht der Blick nach vorne. Seit knapp zwei Wochen sind touristische Übernachtungen wieder erlaubt, und die Impfquote lässt hoffen, dass es keinen weiteren Lockdown geben wird. Viele Betriebe haben daher nach Abschluss der Vorbereitungen zum Monatsbeginn oder zu Fronleicham wieder geöffnet - auch das Waldhaus »Seit dem Moment, in dem gesagt wurde, dass gelockert wird, steht das Telefon nicht mehr still«, sagt Rühl.

Landhotel Waldhaus Laubach: Nachholeffekt bei Hochzeiten

Überall im Haus laufen am Mittwochmittag die letzten Vorbereitungen. Es ist der erste Tag, an dem das Hotel wieder Touristen empfängt, einen Tag später soll auch das À-la-carte-Restaurant öffnen. Zudem steht am Wochenende die erste Hochzeit des Jahres an - für den Betrieb mit zwei Banketträumen und einer Eventscheune ein wichtiger Schritt. »Wir sind von Hochzeiten abhängig, das ist ganz klar«, sagt Rühl. Nicht alle der für dieses Jahr geplanten 50 Feiern werden stattfinden, doch viele Paare halten an ihrem Termin fest, erzählt er. »Bei den Hochzeiten sehen wir definitiv einen Nachholeffekt.«

Doch auch die ersten Touristen beziehen an diesem verlängerten Wochenende ihre Betten: Im Laubacher Waldhaus in schicken Zimmern, in Hungen-Nonnenroth in urigen Schäferwagen. Den ersten Gast der Saison hat Werner Leipold allerdings bereits in der Vorwoche empfangen: einen jungen Mann, der von Worms nach Eisenach pilgert. Er war durch die Dokumentation über den Lutherweg, die 2020 im ZDF ausgestrahlt wurde, auf die Herberge aufmerksam geworden und konnte Dank der Lockerungen kurzfristig buchen.

Schäferwagenherberge in Hungen-Nonnenroth: Wochenenden sind „heiß begehrt“

Das dürfte jedoch nicht immer so einfach sein, denn für die kommenden Wochen und Monate ist die Nachfrage laut Leipold bereits hoch. »Vor allem die Wochenenden sind heiß begehrt«, sagt er. Und zwar bei einem bunt gemischten Publikum: Fahrradfahrer, junge Leute, Großeltern mit ihren Enkeln.

Anzufragen lohnt sich laut Leipold aber immer, da durch Stornierungen auch kurzfristig immer mal etwas frei wird. Storno-Gebühren? Gibt es nicht. Für die Kirchengemeinde, die als Betreiber 300 Euro Miete pro Monat an die Stadt Hungen bezahlt, gehe es nicht um Gewinne, sagt Leipold. »Wir wollen schwarze Zahlen schreiben und ein bisschen was für Renovierungsarbeiten zurücklegen können.«

In der Corona-Zeit ist diese Situation ein Luxus, den Menschen, die vom Tourismus leben, nicht haben. Mit 238 626 Übernachtungen verzeichnete der Landkreis im Jahr 2020 ein Minus von 48,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Auslastung der Schlafgelegenheiten lag bei 17,3 Prozent und somit am zweitniedrigsten in ganz Hessen. Hinzu kam eine kurze Verweildauer von nur 2,1 Tagen, während der hessische Durchschnitt bei 2,7 Tagen lag.

Kreis Gießen: Tourismus in Regionen am Rande des Vogelsbergs stärker

In den östlichen Regionen des Kreises am Rande des Vogelsbergs ist der Tourismus traditionell stärker. Doch letztlich ist es nicht nur die Lage, die zählt, findet Waldhaus-Betreiber Rühl. »Klar bietet die Region einiges, aber es liegt auch immer in der eigenen Hand«, sagt er. »Sich darauf zu verlassen, dass die Region das hergibt, ist ein Trugschluss. Man muss aktiv sein und schöne Arrangements schnüren, damit die Gäste ins Haus kommen.« Nur so lasse sich der Tagestourismus ankurbeln.

Leipold sieht das ähnlich, obwohl das Modell der Schäferwagenherberge natürlich ein ganz anderes ist. Doch auch sie ist ein Beispiel dafür, wie touristische Konzepte gelingen können. 2000 Übernachtungen innerhalb von zwei Saisons nach der Eröffnung - das kann sich nach Ansicht des Betreibers sehen lassen. »Ich denke, dass wir mit dem, was in Nonnenroth läuft, für Hungen und die Region einen guten Beitrag geleistet haben«, sagt er. »Wir sind angedockt an den Vogelsberg, aber wir haben auch etwas eigenes zu bieten.«

Tourismus im Kreis Gießen: In den Dörfern Aufmerksamkeit erregen

Die Schäferwagenherberge ist seit ihrer Gründung 2018 in den hessischen Medien sehr präsent, für Leipold ist das ein wichtiger Faktor. »Wir spielen auch in das Rhein-Main-Gebiet hinein, weil wir merken, da ist ein Publikum, das auch zu uns kommen kann«, sagt er. »Das Ziel ist es, dass wir in unseren Dörfern Aufmerksamkeit erregen und den Leuten zeigen: das macht Spaß, hier bleibe ich länger als eine Nacht.«

Beim ersten Gast der Saison ist Leipold das bereits gelungen. Mit Geschichten wie der über den Reformator Johannes Calvin, dessen Statue in Nonnenroth mit einer Rolex versehen wurde. »Das ist doch spannend, wenn da ein paar Rentner sind, die schöne Geschichten erzählen«, sagt Leipold und lacht.

Der junge Pilgerer jedenfalls fand die Story unterhaltsam. Er wäre laut Leipold am liebsten noch länger geblieben. Dieses Mal musste er weiter, er hatte seine Folge-Unterkunft längst gebucht. Doch vielleicht kommt er ja wieder - und dann für mehr als eine Nacht.

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