Der Besuch der Ideensammlerin

  • Thomas Brückner
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Laubach(tb). "Das sieht schon ganz anders aus, ich bin beeindruckt", schilderte Priska Hinz ihre ersten Eindrücke. Fast auf den Tag fünf Jahre nach ihrem "Antrittsbesuch" - damals befand sich die Dorfschmiede noch im Rohbau - machte Hessens Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz erneut Halt in Freienseen.

Das Dorf im Seenbachtal war eine Station ihrer Sommertour, auf der die Grünen-Politikerin Ideen für einen Aktionsplan "Entwicklung des ländlichen Raums" sammeln will.

Mit einer Sonnenblume hatte Ulf Häbel den Gast begrüßt - "auch wenn wir kein Wasser haben". Was nur eines, aber ein spezielles Problem des ländlichen Raums im Vogelsberg ist. Der Pfarrer i. R. erinnerte an die Anfänge der Begegnungsstätte vor nunmehr zehn Jahren. Im Oktober 2016 eröffnet, habe man die Dorfschmiede zum Erfolg geführt. Dies trotz der üblichen Zweifler: "Wenn einer übers Wasser geht, fragen sie den noch, ob er zu blöd zum Schwimmen sei." Seit zwei Jahren, mit Eröffnung der stundenweise besetzten Arztpraxis - wie Tagespflege, betreutes Wohnen für Senioren, Dorfladen samt Café und Versammlungsraum gut angenommen - sei nun alles umgesetzt.

Freilich planen die "Macher" bereits ein sechstes Projekt: eine Dorfwerkstatt, um so ein Miteinander von Senioren und Kindern, hier besonders von Grundschülern, zu fördern. Selten zu hörende Worte Häbels wurden hier laut: "Da fehlen uns noch ein paar Ideen."

Dass sich bereits viele Delegationen die Dorfschmiede angeschaut hätten, merkte Bürgermeister Peter Klug an. Oft aber sei deren erste Frage: "Woher habt Ihr die Zuschüsse?" Gut, auch dieses Projekt - 95 Prozent Anteile der gemeinnützigen Gesellschaft hält die Kirche, die Stadt den Rest - brauche Geld. Doch was nütze dies, wenn die Menschen nicht dahinterstünden. "In Freienseen ist dies der Fall."

Zwar nicht ihr Ressort, bat Häbel wie auch der Bürgermeister und Stadtverordnetenvorsteher Joachim M. Kühn die Umweltministerin doch um "Amtshilfe" bei den Kollegen vom Finanzressort: Obgleich Bestandteil eines sozialen, nicht gewinnorientierten Projekts, werde der Dorfladen doch steuerlich wie ein normaler Wirtschaftsbetrieb behandelt. "Jede Spende wird vom Finanzamt gleich als unzulässige Subvention verdächtigt."

Spätestens die Maskenpflicht beim Gang durch den Laden erinnerte hernach an die aktuelle Corona-Krise. Dass diese aber auch eine Chance fürs flache Land sein könne, da die Arbeit im Homeoffice mehr und mehr Usus werde, war Konsens in der Runde. Ohne schnelles Internet aber gehe es nicht - was für Flächengemeinden jedoch schwer zu machen sei. Klug: "Allein für die Erschließung der letzten fünf Prozent weißer Flecken müssen wir eine halbe Million aufbringen. Und das ist noch nicht das Ende." Hilfe wäre da angesagt. Auch das ein Anliegen, das man der Ministerin mit auf den Weg gab.

Deren Resümee fiel rundum positiv aus: Für den Aktionsplan zur Entwicklung des ländlichen Raums habe sie doch einiges an Ideen sammeln können, sagte Hinz. Die Dorfschmiede freilich sei ja mittlerweile ein "bundesweites Vorzeigeprojekt": Dafür, wie Kommunen auf dem Land den demografischen Wandel angehen, wie sie Leerstand sinnvoll nutzen und gleichsam soziale Infrastruktur erhalten können. Und nicht zuletzt einen Treffpunkt der Generationen schaffen können.

Orte wie diese, in denen sich Zusammenhalt, Eigeninitiative und Ehrenamt spiegelten, trügen dazu bei, das Leben auf dem Dorf (wieder) attraktiv zu machen. Auf dass sich der Trend in die Städte, wo heute bereits jeder zweite Hesse wohnt, nicht weiter verstärke.

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