Wildnisgebiet »Laubacher Wald«

Auf 225 Hektar führt nun allein die Natur Regie

  • Thomas Brückner
    VonThomas Brückner
    schließen

Alte Buchenwälder sind von hohem Wert. Als Refugium für bedrohte Arten, als Kohlendioxid-Senke. Anlass für den Bund, intakte Ökosysteme wie diese als »Wildnisgebiete« auszuweisen. Im Laubacher Wald sind nun 225 Hektar hinzugekommen.

Mit jährlich bis zu 20 Millionen Euro unterstützt das Umweltministerium Maßnahmen, um das »Wildnisziel« der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt zu erreichen. Heißt konkret: Auf zwei Prozent der deutschen Landfläche soll sich die Natur wieder nach ihren Gesetzen entwickeln. Vorgesehen sind dafür etwa ehemalige Truppenübungsplätze, Gebiete an Fließgewässern, in Mooren oder im Hochgebirge. Sowie und nicht zuletzt: Wälder.

Mit Geldern aus dem Wildnis-Fonds hat die NABU-Stiftung »Nationales Naturerbe« vor knapp zwei Jahren die Nutzungsrechte für 224,5 Hektar Wald aus dem Besitz von Karl Georg Graf zu Solms-Laubach erwerben können. Ein Glücksfall, nicht nur wegen der wertvollen Altbuchenbestände im FFH-Gebiet »Laubacher Wald«: Gemeinsam mit dem bereits bestehenden Wildnisgebiet im benachbarten Staatswald ist eine über 1000 Hektar große Wildnis entstanden.

Pandemiebedingt mit einiger Verzögerung fand gestern die Eröffnung des Wildnis-Projektes »Laubacher Wald« statt. Dessen Ziele schilderte eingangs Christian Unselt, Vorsitzender der Nabu-Stiftung Nationales Naturerbe: »Mit dem Erwerb der Nutzungsrechte können wir die Forstwirtschaft in dem alten Laubwald konsequent einstellen. Und damit eine beeindruckende Artenvielfalt weiterentwickeln und dauerhaft bewahren.«

Wald als wichtige Kohlendioxidsenke

Alle Phasen eines natürlichen Waldes, vom Keimling über den majestätischen Altbaum bis zum reich besiedelten Totholz, würden hier erlebbar sein und bleiben. Unselt hob die Bedeutung für den Klimaschutz hervor, werde doch dieser Buchenwald, gelegen südlich von Gonterskirchen, in Obhut der Stiftung als Kohlendioxidsenke noch an Wert gewinnen.

Zu den Gästen der Eröffnung zählte Dr. Christiane Paulus. Für die Abteilungsleiterin Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung im Bundesumweltministerium entsteht hier ein »Hotspot biologischer Vielfalt«, der nun kommenden Generationen erlebbar bleibe. Unzerschnittene Altbuchenbestände wie dieser seien heute etwas ganz Besonderes. Paulus’ Dank galt daher den Initiatoren vom NABU, namentlich dem Laubacher Biologen Dr. Markus Dietz und Stiftungsvorstand Christian Unselt sowie Graf Solms. »Sie alle hatten den Mut, Neuland zu betreten.«

Auf die Verantwortung Hessens als Bundesland mit dem europaweit höchsten Anteil an Buchenwäldern machte Oliver Conz, Staatssekretär im Hessischen Umweltministerium, aufmerksam. Deren Schutz gelte es dauerhaft sicherzustellen, das Wildnis-Projekt leiste da einen wichtigen Beitrag.

Beim anschließenden, gut zweistündigen Waldspaziergang gab Markus Dietz tiefergehende Informationen über den Wert des nun geschützten Bestandes. Neben kleineren Anteilen von Fichten, Eichen oder Erlen machten hier die Buchen mit 70 Prozent das Gros aus. Die meisten seien über 160 Jahre alt, böten damit hervorragende Bedingungen für eine schnell einsetzende natürliche Waldentwicklung. Zahlreiche in Europa geschützte Arten - wie Schwarz-, Grau- oder Mittelspecht, die Bechsteinfledermaus oder das Grüne Besenmoos - fänden hier ein geeignetes Habitat.

Hungen: Bürger sollen entscheiden

Dietz verwies auf weitere wichtige Funktionen der Buchenwälder: Sei es, weil sie jährlich drei Millionen Liter Wasser je Hektar speicherten, sei es, weil sie als Kohlendioxidsenke »unser natürlicher Verbündeter im Klimaschutz« sind«. An dieser Stelle lenkte er den Blick auf eine 40 Meter hohe Buche: »Nur dieser eine Baum bindet 3,6 Tonnen CO2 im Jahr«. Nicht minder bedeutsam der Wert als Biotop: »Ab 120 Jahren werden diese Wälder erst richtig lebendig.« Als Beleg des immensen Artenreichtums nannte Dietz die rund 60 Vogel- und 20 Fledermausarten im neuen Wildnisgebiet. Diese gelte es dringend zu schützen, ihre Populationen zu stärken.

Bleibt noch zu erwähnen: Zwischen den Wildnisgebieten von NABU und Staatsforst befinden sich 160 Hektar Wald der Stadt Hungen, mit denen ein »Lückenschluss« gelänge. Wie Bürgermeister Wengorsch gestern sagte, wolle man zeitnah das Votum der Bürgerschaft einholen, wobei neben dem Ja oder Nein zur Ausweisung als Wildnisgebiet auch die Eröffnung eines Ökopunktekontos zur Wahl stehen soll.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare