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Blick ins Archiv: Schon Ende der 1990er Jahre kontrollierte die Polizei die Motorradfahrer an der B 276. (Foto: Archiv)

B 276

B 276: Einst war es die "Todesstrecke"

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Sie ist bei Motorradfahrern im ganzen Bundesgebiet geliebt und hat eine blutige Vergangenheit: Die B 276 zwischen Laubach und Schotten. Blick in Vergangenheit und Gegenwart der "Todesstrecke".

Samstag, 19.20 Uhr: Ein 22-jähriger Motorradfahrer aus Heuchelheim fährt aus Schotten kommend auf der B 276 in Richtung Laubach. In einer Kurve verliert er die Kontrolle, rutscht in den Graben und verletzt sich schwer. Mit einem Oberschenkelhalsbruch und anderen Verletzungen muss er ins Krankenhaus nach Gießen geflogen werden. Sachschaden: 3000 Euro. Keine fünf Stunden vorher: Ein 20-Jähriger fährt ebenfalls in Richtung Laubach, rutscht in einer Kurve weg in die Leitplanke. Er bricht sich die Nase und kommt ins Krankenhaus nach Schotten. Ursache in beiden Fällen laut Polizei: überhöhte Geschwindigkeit.

Die rund 15 Kilometer lange Strecke zwischen den beiden mittelhessischen Kleinstädten ist eine Legende. Sie ist seit Jahrzehnten einer der Unfallschwerpunkte im Landkreis Gießen. Ein Großteil der Unfälle geht auf das Konto von Motorradfahrern, die den aus ihrer Sicht angenehmen Straßenbelag und die kurvige Streckenführung dazu nutzen, ihre Maschine auszufahren, sich gegenseitig an ihre Grenzen zu bringen und dabei nicht selten auch am Motorrad technische Veränderungen zu testen, von der Auspuffanlage und dem Motor bis hin zu verbotenen Rennreifen. Immerhin keine "Todesstrecke" mehr Dass die Beliebtheit trotz – oder gerade wegen der Gefahr – groß ist, zeigt der rapide Verkehrsanstieg, sobald die Temperaturen bei trockener Witterung in den zweistelligen Bereich klettern. Vor allem am Wochenende kommen dann Fahrer aus allen Ecken Deutschlands, um sich in der "Applauskurve" (eine langgezogene 180°-Kurve, an der oft viele Zuschauer die Motorradfahrer fotografieren, filmen und bejubeln) den Kick zu holen. Leider nicht selten mit fatalen Folgen: In den 1990er Jahren zählte die Polizei 15 tödliche Unfälle auf der Strecke – alles Motorradfahrer.

Seitdem ist einiges getan worden: Tempolimit auf 80 km/h, teilweise sogar auf 60 km/h, doppelte Leitplanke, die verhindern sollen, dass gestürzte Biker unter den normalen Straßenbegrenzungen hindurchrutschen und gegen Bäume prallen, außerdem Rüttelstreifen in der Fahrbahn, auf denen die Motorradfahrer schlicht nicht schnell fahren können, sowie regelmäßige Kontrollen durch die Polizei. Und trotz allem: 2016 gab es immer noch 23 Unfälle auf der Strecke, 15 davon mit Motorrädern – 18 Schwerverletzte und rund drei Millionen Euro Sachschaden sind die Bilanz. Immerhin: "Wir haben in den letzten Jahren einen merkbaren Rückgang an Toten, aber die Strecke ist und bleibt für uns ein Schwerpunkt", sagt Jörg Reinemer, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Der Rückgänge hänge aber nur teilweise mit den durchgeführten Maßnahmen im Verkehr zusammen, andererseits würden auch die Ausrüstung und vor allem die Helme deutlich sicherer werden, was im Ernstfall Leben rettet. Einziger Ausweg: Fahrverbot

Kontrollen gab es auch schon in diesem Jahr. Die B 276 war etwa ein Standort beim bundesweiten "Speed-Marathon", speziell an Kradfahrer richtete sich die Präventionskampagne "Du hast es in der Hand", die zu Beginn der wärmeren Tage Ende April durchgeführt wurde. Doch nicht selten sind auch Autofahrer teilweise Schuld an schweren Unfällen. Neben überhöhter Geschwindigkeit würde auch immer wieder die Geschwindigkeit der Zweiradfahrer beim Überholen oder Abbiegen unterschätzt – oder sie würden gleich übersehen, erklärt Reinemer. "Letztlich sind es immer die gleichen Fehler: Zu viel PS, Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, Unterschätzung der Maschinen, viele Fehler im Frühjahr und falsche Einschätzungen des Verkehrs. Reinemer rät deshalb dazu, dass Motorradfahrer ihre Räder vor dem Start technisch überprüfen sollten, sich außerdem gerade nach längeren Fahrpausen erst wieder langsam an das Fahren und die Geschwindigkeit ihrer Maschinen gewöhnen sollten. Außerdem sei ein Fahrsicherheitstraining sinnvoll.

Ganz werden wir es nie in den Griff bekommen

Polizeipressesprecher Jörg Reinemer "Ganz werden wir es nie in den Griff bekommen", ist sich aber auch Reinemer sicher. "Wir machen so oft Kontrollen, wie es geht, aber mir scheint es so, dass es viele nicht interessiert, solange es nicht richtig ins Geld geht oder das Fahrverbot ordentlich weh tut." Ein besonders krasser Fall, den er von einem Kollegen vor Jahren erzählt bekam, ist ihm dabei als Beispiel in Erinnerung geblieben: Ein Motorradfahrer verunglückte schwer, wachte im Krankenhaus mit einer Metallplatte im Schädel wieder auf und bestellte sich noch vom Krankenbett aus die nächste Maschine mit weit über 100 PS. Die einzige Möglichkeit, die noch bliebe, wäre ein vollständiges Fahrverbot für Motorräder auf der Strecke, entweder nur am Wochenende oder gleich ganz. Doch hier habe die Polizei nur ein Vorschlagsrecht, entscheiden müsste das die Straßenverkehrsbehörde. Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Und so stehen Reinemers Kollegen an den Wochenenden an der Strecke rund um den beliebten Bikertreff Falltorhaus und versuchen mit Worten und Strafen so viele zu retten, wie zu retten sind. Alles andere ist Statistik.

Info

Auch 2017 schon wieder einige schwere Unfälle

Auch in diesem Jahr gab es bereits wieder einige schwere Unfälle auf der Strecke:

  1. Ende Mai: Ein Fahrer aus Flieden stürzt mit seinem Krad in einer Kurve, nachdem er nicht mehr rechtzeitig abbremsen konnte. Er wurde schwer verletzt.
  2. Anfang Mai: Ein 27-Jähriger wird schwer verletzt. Auch er war zu schnell unterwegs gewesen und in einer Kurve gestürzt.
  3. Ende April: Ein 22-Jähriger verliert nach einem Überholmanöver die Kontrolle, stürzt und rutscht in das Auto eines 56-jährigen Hungeners. Er wird ebenfalls schwer verletzt. Die Einschätzung der Polizeibeamten: Wäre er mit voller Geschwindigkeit in das Auto gefahren, wären die Verletzungen deutlich schlimmer gewesen.

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