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In Dornholzhausen erinnert diese Straße an Paul Schneider. Er war in dem Langgönser Ortsteil Pfarrer.

Vor 80 Jahren ermordet

Pfarrer im Gießener Land: Wie sich Paul Schneider gegen das NS-Regime stellte

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Am 18. Juli 1939 endete das Leben von Pfarrer Paul Schneider im Konzentrationslager Buchenwald. Die Nazis wollten damit einen Kritiker ausschalten. Doch das mutige Einstehen von Schneider ist bis heute unvergessen - vor allem in Hüttenberg und Dornholzhausen, wo der Pfarrer einst predigte.

Die Rolle Paul Schneiders fasziniert viele Menschen, darunter auch Pastorin Uta Barnikol-Lübeck vom Öffentlichkeitsreferant der Evangelischen Kirche an Lahn und Dill. "Er war konsequent", sagt sie. Paul Schneider war der Sohn des Pfarrers von Hochelheim und Dornholzhausen. Nachdem er im Ersten Weltkrieg in Russland verwundet und danach noch in Frankreich stationiert war, studierte er Theologie. 1926 kehrte er nach Hochelheim und Dornholzhausen zurück, um die Pfarrstelle seines Vaters zu übernehmen.

An seinen ersten Tagen als Pfarrer in der Gemeinde stand er gleich vor einem Problem: Damals war es üblich, ein Paar ohne Brautschmuck in der Studienstube und nicht in der Kirche zu trauen, wenn die Braut schwanger war. Paul Schneider stand sehr exakt zu dieser Lehre. Doch das Presbyterium in Hochelheim war für seine Zeit bereits sehr liberal. So traute Schneider das Paar doch im Gottesdienst. "Er wollte das nicht", erzählt Barnikol-Lübeck.

Ermordeter Pfarrer Paul Schneider: Kein Glockenläuten an politischen Feiertagen

Schneider war zunächst kein Gegner der Nationalsozialisten. Schließlich hatte sich Adolf Hitler zunächst positiv zur Kirche gestellt. Doch der Pfarrer merkte schnell, dass die Nazis mit ihrem Rassenhass und ihrem Umgang mit anderen Menschen sich nicht mit den Lehren der Bibel vereinbaren ließen. Er wurde Mitglied des Pfarrernotbundes, der bekennenden Kirche. Gleichzeitig weigerte er sich, zu politischen Feiertagen die Glocken läuten zu lassen. Als er Goebbels und Röhm in seinen Predigten kritisierte, war für die Nazis das Maß voll. Im Oktober 1933 wurde Paul Schneider auf Betreiben der NSDAP Wetzlar erstmals für elf Tage beurlaubt. Im Januar 1934 erhielt er zum zweiten Mal Predigtverbot und wurde beurlaubt, danach in den Hunsrück nach Dickenscheid und Womrath versetzt.

Paul Schneider

Der Pfarrer hielt an seiner kritischen Haltung weiterhin fest. Eine mutige Haltung - schließlich war er auch Familienvater. Bei der Beerdigung eines Hitlerjungen geriet er mit dem Kreisleiter der NSDAP aneinander, nachdem dieser während der Beisetzung erklärte, der Junge sei in den "himmlischen Sturm Horst Wessels" eingezogen. Der Pfarrer kritisierte diese Worte scharf. Einen Tag drauf wurde er verhaftet. Die Gemeinde konnte aber noch seine Freilassung erreichen. Sie mochten ihren Pfarrer, der nicht nur predigte, sondern auch mal beim Heumachen tatkräftig anpackte. Als er und seine Frau nicht zur Wahl gingen, wurde das Haus beschmiert. Zu seiner alten Kirchengemeinde hielt er weiterhin Kontakte. Die Hochelheimer Frauenhilfe etwa reiste extra in den Hunsrück, um Schneider zu besuchen.

Ermordeter Pfarrer Paul Schneider: Standhaft auch im Todeslager Buchenwald

1937 wurde Paul Schneider aus dem Rheinland ausgewiesen. Auf Bitten des Presbyteriums kehrte er dennoch in seine Gemeinde zurück. Am 3. Oktober 1937 wurde er nach dem Erntedankgottesdienst in Dickenscheid verhaftet und wenige Wochen später in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht.

Seine Haltung blieb ungebrochen. Beim Fahnenappell zu Hitlers Geburtstag weigerte er sich, die Mütze abzunehmen. Er nannte die Hakenkreuzflagge ein Verbrechersymbol. Daraufhin kam er in Einzelhaft. Der sadistische SS-Aufseher Martin Sommer drangsalierte ihn und andere Pfarrer.

Paul Schneider begann, aus dem Zellenfenster heraus zu predigen. Er rief den Häftlingen auf dem Appellplatz Trostworte und Bibelsprüche zu, trat für die jüdischen Mithäftlinge ein, klagte die Grausamkeiten der SS-Männer an. Am 18. Juli 1939 wurde er vom Lagerarzt mit einer Überdosis eines Herzmittels ermordet. In Dickenscheid wurde Schneider unter großer Anteilnahme beigesetzt. Neben ihm gab es weitere Pfarrer, die sich gegen das Dritte Reich stellten und bei der Kirchenführung aneckten.

Ermordeter Pfarrer Paul Schneider: In der DDR verehrt

Die Rolle Paul Schneiders wird nach dem Zweiten Weltkrieg vielfältig interpretiert. In der DDR wird er als Widerstandskämpfer wahrgenommen. Die katholische Kirche würdigt ihn als Märtyrer, bildet ihn in Rom in der Bartholomäuskirche ab.

In seinen Heimatgemeinden erinnern eine nach ihm benannte Straße, das Paul-Schneider-Freizeitheim und das Paul-Schneider-Gemeindezentrum an ihn. Andere sehen ihn als Vorreiter für eine Kirche, die nicht wegschaut. Heute wendet sich die evangelische Kirche gegen Rechtsextremismus, da sich Rassenhass nicht mit dem Grundsatz "Liebe deinen Nächsten" vereinbaren lässt.

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