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Die Ruhezeit für die Grabstätten im Vordergrund ist abgelaufen, in den nächsten Tagen werden sie eingeebnet.

Friedhof

Zweiter Abschied: Nach 30 Jahren werden die Gräber eingeebnet

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Das Grab ist über Jahrzehnte ein Ort der Trauer. Doch die Ruhezeit endet meist nach 30 Jahren. Wenn die Grabstätte dann eingeebnet wird, ist dies noch einmal ein Moment des Abschieds.

Kurz nach Opas Tod war die Familie jeden Tag auf dem Friedhof. Jedes herabfallende Blatt wurde aufgelesen, regelmäßig der Blumenstrauß gewechselt. Mit der Zeit wurden die Abstände zwischen den Besuchen größer. Die Vase für die Blumensträuße wurde nur noch am Geburts- und Todestag gebraucht. Die Bepflanzung sollte nun schön, aber auch pflegeleicht sein und möglichst einen Sommer halten. Die Grabpflege ist wie der Prozess des Abschiednehmens, sie verändert sich über die Jahre. Und dennoch gibt es einen Moment, der noch einmal aufwühlt: Wenn das Grab abgeräumt wird, vom Ort der Trauer nur noch ein Stück Wiese übrigbleibt.

In Lang-Göns ist dieser Moment nun für eine Reihe Grabstätten gekommen. Grüne Aufkleber zeigen an, dass die Ruhezeit abgelaufen ist. In wenigen Tagen werden die Gräber eingeebnet. Einige sind bereits von den Angehörigen abgeräumt worden. Um die restlichen Grabsteine und Einfassungen kümmert sich eine Fachfirma.

Bürgermeister Marius Reusch kann die gemischten Gefühle der Angehörigen in solch einem Moment verstehen. Als Kind hat er seine Urgroßeltern noch kennengelernt. Nun war für zwei der Gräber die Ruhezeit nach 27 Jahren abgelaufen. "Das ist noch mal ein Abschiednehmen", sagt Reusch. Darum gehe die Gemeinde Langgöns mit dem Thema sensibel um. Die Angehörigen werden informiert, dass die Ruhezeit endet. Sie können dann eine Verlängerung beantragen. "Gerade wenn die Familie einen hohen persönlichen Bezug zur Grabstelle hat, wird die Möglichkeit genutzt", sagt Reusch. Besonders bei Kindergräbern sei dies der Fall. Insgesamt aber seien es nur Einzelfälle, die den Grabstein behalten wollen.

Gerade bei Friedhöfen in kleineren Orten, etwa Espa, komme es vor, dass pro Jahr nur ein oder zwei Grabstätten verschwinden. Dann müsse die Fachfirma besonders sensibel und umsichtig arbeiten, da die angrenzenden Gräber teils noch mehrere Jahre erhalten bleiben.

Die Stellen auf dem Langgönser Friedhof, wo die Gräber verschwinden, werden zunächst einmal leer bleiben. Die Bestattungskultur hat sich gerade in den vergangenen zehn Jahren deutlich verändert, nicht nur in Langgöns. "Die Bestattungsform Nummer eins ist die Urne", sagt Reusch. Auch Urnendoppelgräber sind mittlerweile sehr beliebt. Die Grabstätten werden dabei aufwendig gestaltet, mit Blumen, Bepflanzung und einem individualisierten Stein. Hier müsse die Gemeinde teils darauf achten, dass dies noch im Rahmen der Friedhofssatzung sei, damit das Gesamtbild der Urnengrabflächen würdevoll bleibt.

Die Wahl der Ruhestätte fällt immer seltener auf das Reihengrab. Dieser Trend ist überall auszumachen. Von der Urnenbestattung unter einem Baum über den Ruheforst bis hin zu einer anonymen Beisetzung reichen mittlerweile die Wünsche.

Die Gemeinde Langgöns, so erzählt Reusch, hat sogar Anfragen erhalten, ob auch eine Seebestattung rechtlich möglich sei. Man sei das Thema alternative Bestattungsformen aktiv angegangen, sagt Reusch. Mit dem Gemeindevorstand und dem Seniorenbeirat habe man sich alle Friedhöfe in der Kommune angeschaut und darüber gesprochen, welche Möglichkeiten jeweils umsetzbar sind. Reusch sagt, das auf allen Friedhöfen ein Urnenhain - also die Bestattung unter einem Baum - nutzbar sein soll. In Lang-Göns selbst ist ein "Memoriam-Garten" geplant. Dabei handelt es sich um eine parkähnlich angelegte Grabanlage mit mehreren Grabstellen, die von einem privaten Anbieter gepflegt und betreut wird. Die Hinterbliebenen schließen dabei im Vorfeld einen Pflegevertrag über die gesamte Ruhezeit ab.

Auch in Oberkleen sei man dabei, den Friedhof umzugestalten, sagt Reusch. Die Wege sollen etwa geschwungener werden. Doch das Umgestalten eines Friedhofs ist ein zeitlich langjähriges Projekt, denn Grabsteine lassen sich nicht einfach so versetzen. In Oberkleen wird es mehrere Jahrzehnte dauern, bis das neue Konzept umgesetzt ist.

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