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Bei einem extremen Hochwasser würde das Wasser den Damm an dieser Stelle überspülen. Sie ist so befestigt, dass das Bauwerk dabei unbeschädigt bleibt.

Hochwasser

Wie ist die Region auf extremes Hochwasser am Kleebach vorbereitet?

  • VonPatrick Dehnhardt
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Im Einzugsgebiet des Kleebachs etwa können die Bauwerke ein 50-jähriges Hochwasser abfangen und würden bei extremeren Ereignissen zumindest die Folgen in der Region Gießen mildern.

Gießen – Quer durch das Schwingbachtal zwischen Rechtenbach und Hüttenberg verläuft ein 160 Meter langer Damm. Er ist nicht besonders auffällig, da er großteils mit Gras bewachsen ist. Doch für den Hochwasserschutz flussabwärts - unter anderem im Ortsteil Hüttenberg und Allendorf (Lahn) - ist er ein wichtiger Baustein.

Der Bach ist an diesem Tag nicht besonders eindrucksvoll. Gut anderthalb Meter breit ließe er sich problemlos mit einem geschickten Sprung überwinden. Dass selbst so kleine Bäche zu reißenden Strömen anschwellen können, haben die verheerenden Unwetter in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen eindrucksvoll vor Augen geführt.

Die Problematik ist seit langer Zeit bekannt. Beim Wasserverband Kleebach hat man sich darum bereits vor Jahrzehnten darüber Gedanken gemacht, wie sich Hochwasserlagen in den Griff bekommen lassen. Dafür wurde das gesamte Einzugsgebiet des Kleebachs inklusive aller Zuflüsse und Bäche betrachtet, erklärt Julia Scheerer. Sie ist beim Wasserverband Kleebach für den Hochwasserschutz zuständig. »Unser Ziel ist es, den Abfluss größerer Wassermengen aufzuhalten und Hochwasserwellen auszubremsen.«

Hochwasser-Gefahr im Kleebach bei Gießen: Rückhaltebecken wichtiger Faktor

Das Ergebnis war ein Hochwasserschutzkonzept, das den Bau von neun Hochwasserrückhaltebecken (HRB) vorsah. Bis auf zwei sind mittlerweile alle realisiert. Scheerer hat beim Ortstermin eine Karte der Standorte dabei. Die HRB befinden sich nicht nur am Kleebach, sondern auch an den Nebenbächen - jedoch nicht an allen: »Wenn genügend Rückhalteräume, also Überschwemmungsgebiete in der freien Landschaft, vorhanden sind, ist solch ein Becken nicht nötig.«

Bei der Planung des Standorts für ein Rückhaltebecken spielen viele Faktoren eine Rolle, erklärt die Betriebsleiterin. Am wirtschaftlichsten und für das Landschaftsbild am vorteilhaftesten ist es, wenn ein Damm bei möglichst niedriger Höhe und Länge möglichst viel Wasser aufstauen kann. Daher sind Engstellen in Tälern ein guter Platz.

Zudem sollen die Schutzanlagen flussaufwärts möglichst dicht an den Orten liegen. Flussabwärts hingegen brauchen sie möglichst viel Abstand, »sonst staut das Wasser bis ins Dorf zurück«. Nicht zuletzt spielen Landschafts- und Naturschutz eine Rolle - und auch die Frage, ob das Land überhaupt für den Bau zur Verfügung steht. Denn wenn sich ein Eigentümer querstellt, kann sich der Bau über Jahrzehnte verzögern.

Teile des Damms bei Hüttenberg. Durch den Grundablass fließt der Schwingbach.

Das HRB Hochelheim-Hörnsheim durchlief das Verfahren recht zügig: 2002 fand die Genehmigungsplanung statt, 2003 traf der Bewilligungsbescheid für Fördermittel ein. »Bevor der nicht da ist, sollte mit dem Bau nicht angefangen werden«, sagt Scheerer. Ein Jahr drauf begannen die Arbeiten, 2006 war es schließlich fertig, ebenso wie die Anlagen bei Dornholzhausen und Niederkleen.

Mit einem Gesamtstauraum von 78 200 Kubikmetern und einer Dammhöhe von 4,50 Metern über Geländeniveau ist es eine kleine Anlage. Eine der größten in Hessen steht an der Ohm bei Kirchhain - mit zehn Kilometern Dammlänge und einem Stauraum von 17 Millionen Kubikmetern.

Die HRB des Kleebachtals funktionieren alle ähnlich: Im Damm befindet sich eine Betonwand mit einem kleinen Tor für den Bach - der Grundablass. Durch diesen passt nur eine bestimmte Menge Wasser. Normalerweise fließt der Bach problemlos hindurch. Erst wenn der Bach eine kritische Menge Wasser mit sich führt, kommt es zum Rückstau.

Die Anlagen sind so dimensioniert, dass sie auch ein Hochwasser zurückhalten könnten, das statistisch gesehen einmal in 50 Jahren auftritt. Bei noch heftigeren Hochwassern würden die Becken zumindest die Flutwellen abschwächen. So würde die Anlage auch ein 500-jähriges oder noch schlimmeres Hochwasser verkraften, ohne das ein Dammbruch droht.

Becken schützt Hüttenberg, Großen-Linden und Gießen-Allendorf

So wie eine Badewanne besitzt auch das Becken einen Überlauf. Beim HRB am Schwingbach kann das Wasser die Spitze der Betonwand überfließen, zudem gibt es eine gut 18 Meter breite Scharte in der Dammkrone. Diese wurde mit Wasserbausteinen und Beton befestigt und mit nur leichtem Gefälle angelegt, damit das Wasser dem Damm nicht schaden kann.

»Die Anlagen sind für die Dörfer unterhalb eine große Hilfe«, sagt Scheerer. So schützt das Becken am Schwingbach nicht nur den Ortsteil Hüttenberg, sondern auch Großen-Linden und Gießen-Allendorf.

Die HRB können jedoch nicht bei allen Unwetterlagen Schutz bieten. Die Dämme schützen nur vor Wassermengen, die flussaufwärts anfallen. »Regnet es auf der falschen Seite des Damms, bringt er nichts«

Wichtig ist zudem, dass der Bachlauf unterhalb der Schutzanlage regelmäßig gepflegt wird. Da die Ablässe fest eingestellt sind, ist exakt berechnet, wie viel Kubikmeter Wasser pro Sekunde bei welchen Pegelständen im Becken durch den Grundablass drücken. Ist der Bach unterhalb jedoch über die Jahre verschlammt, zugewuchert oder mit Gartenabfällen verengt, kann er weniger Wasser abtransportieren als einst kalkuliert. Dann kommt es trotz HRB zu Überflutungen.

Drei wichtige Fakten zum Hochwasserschutz im Kreis Gießen

  • Im Landkreis Gießen gibt es bereits zahlreiche Hochwasserrückhaltebecken (HRB), weitere sind geplant. So wird in Hungen über ein HRB an der Horloff diskutiert. Im Einzugsgebiet des Wasserverbands Kleebach sind die HRB Watzenborn-Steinberg am Lückenbach zwischen Pohlheim und Leihgestern und das HRB Langgöns am Gönsbach noch nicht realisiert worden, in Wettenberg sollen ebenfalls weitere Rückhaltebecken entstehen.
  • Der Wasserverband Lumdatal hat dieser Tage mit den Bauarbeiten für ein HRB zwischen Allendorf und Treis begonnen. Dieses wird eine bauliche Besonderheit haben: Da der Damm besonders lang und flach ist, kann er auf voller Breite im Ernstfall überspült werden, ohne Schaden zu nehmen. Ein Überlauf an nur einer Stelle wäre technisch nicht möglich gewesen.
  • Eines der größten HRB im Landkreis Gießen liegt bei Lich an der Wetter. Das 1982 errichtete Bauwerk hat ein Rückhaltevolumen von 3,28 Millionen Kubikmeter und ist für ein 100-jährliches Hochwasserereignis ausgelegt. »Die Anlage selbst ist aber sowohl auf ein 1000-jährliches wie auch 10 000-jährliche Hochwasserereignis bemessen«, sagt Betriebsleiter Stefan Schulz. Dies bedeutet, dass auch bei Ereignissen, die wesentlich extremer als die jüngsten in Rheinland-Pfalz wären, der Damm halten und kein Wasser unkontrolliert über die Krone laufen würde. pad

Wo besteht in der Stadt Gießen die größte Hochwasser-Gefahr durch die Lahn? Die Fachleute haben drei Brennpunkte ermittelt.

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