Bellersheim am 27. Mai 2018: Das Dorf steht unter Wasser, nachdem ein Gewitter mit Hagel und Starkregen für 150 Liter Niederschlag pro Quadratmeter in einer Stunde gesorgt hat. 		ARCHIVFOTO: EINSATZBILDER.TV
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Bellersheim am 27. Mai 2018: Das Dorf steht unter Wasser, nachdem ein Gewitter mit Hagel und Starkregen für 150 Liter Niederschlag pro Quadratmeter in einer Stunde gesorgt hat. ARCHIVFOTO: EINSATZBILDER.TV

Nach Unwettern in Langgöns

Überflutungen im Kreis Gießen: Warum der klassische Hochwasserschutz bei Starkregen versagt

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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2018 in Bellersheim, 2020 im Kleebachtal: Unwetter mit Hagel und Starkregen sorgen für Überflutungen. Was Regenwürmer damit zu tun haben, erklärt der Starkregenexperte.

Den 27. Mai 2018 haben die Menschen in Bellersheim nicht vergessen: Am Abend zog ein Unwetter über das Dorf. Erst Hagel, dann Sturzregen, 150 Liter Regen fielen innerhalb weniger Minuten pro Quadratmeter. Straßen wurden überflutet, zahlreiche Keller liefen voll. Zwei Jahre später sorgen gleich zweimal innerhalb weniger Wochen schwere Gewitter für Überschwemmungen und Schlammlawinen im Kleebachtal.

Folge des Klimawandels

Dr. André Assmann aus Heidelberg kennt diese Gewitter. Der studierte Geograph ist Starkregenexperte. Insgesamt habe sich die Unwetterlage in den letzten Jahren verschärft. An wärmeren Tagen sei mehr Energie in der Atmosphäre, dadurch würden Gewitter häufiger. »Das ist physikalisch eine Folge des Klimawandels«, hält er fest.

Das stellt die Kommunen vor neue Herausforderungen, denn der klassische Hochwasserschutz greift bei solchen Unwettern nur unzureichend. Bei einem klassischen Hochwasser sorge eine langgezogene Welle dafür, dass ein Fluss oder ein Bach über die Ufer tritt. Der Pegel steigt über mehrere Stunden, erreicht dann den Peak - die Scheitelwelle - und sinkt über eine lange Zeit wieder ab, erklärt Assmann. Der Hochwasserschutz ist daher auf eine über einen langen Zeitraum anfallende große Masse Wasser ausgelegt.

Beim Starkregen fällt hingegen innerhalb kürzester Zeit viel Niederschlag - und dies abseits von Fluss- und Bachläufen. Das Wasser sucht sich seinen Weg, sammelt sich in Mulden oder Senken. »Es kommt zu einer starken Belastung, der Peak ist schnell erreicht. In der Regel ist nach drei Stunden alles abgeflossen«, sagt Assmann.

Wurmlöcher lassen Wasser versickern

Eine wichtige Rolle spielten zudem die Beschaffenheit des Bodens und der Ackerbau. Regenwurmlöcher und Wurzelhöhlen würden dafür sorgen, dass viel Wasser schnell in den Boden einsickern kann. Wenn auf einem Acker die Pflanzen schon gut gewachsen sind, sinkt die Gefahr, dass das Wasser schnell abfließt.

Beim Gewitter am Muttertag in Dornholzhausen gab es »eine Verkettung blöder Zufälle«, sagt Assmann. Wegen der Trockenheit seien die Pflanzen auf dem Acker, von dem sich die Schlammlawine löste, zu klein gewesen. »14 Tage später wäre erheblich weniger passiert.«

Hagel zerstört Wurmlöcher

Dann habe der starke Hagel die Poren des Erdbodens und die Regenwurmlöcher zugeschlagen. Der Regen konnte so nicht versickern. »Der Boden war in zehn Zentimetern Tiefe trocken«, berichtet Assmann. Der starke Regen in kurzer Zeit habe dann sein übriges getan. »50 Liter Niederschlag in fünf Stunden wären versickert. In einer halben Stunde schafft das der Boden nicht.«

Solche Unwetter können jedes Dorf treffen. Während bereits Jahrzehnten die Hochwassergefahr untersucht wird, es zu den meisten Fließgewässern Gefahrekarten gibt, ist die Betrachtung der Starkregenproblematik noch recht neu.

Um kritische Stellen zu erkennen, schaut sich der Experte die Topografie des Geländes, aber auch die Bodenbeschaffenheit und die Bepflanzung an. »Je steiler der Hang, desto schneller fließt es ab.« Feldwege und Straßen könnten dabei das Problem verschärfen, da sie Wasser in eine bestimmte Richtung lenken. Teils können auch kleine Dinge - etwa die Höhe einer Bordsteinkante - entscheiden, ob das Wasser in den Ortskerne geleitet wird oder auf ein Feld abfließen kann. »Bei der Analyse wird Problempunkt für Problempunkt durchgegangen und Handlungsempfehlungen entwickelt.«

Größerer Abwasserkanal bringt nichts

Von der pauschalen Forderung, Abwasserkanäle für solche Unwetter auszubauen, hält Assmann wenig. »Einen Kanal kann man für diese Mengen nicht ausbauen.« Zum einen sei dies zu teuer, zum anderen würde er dann bei normalen Betrieb nicht freigespült. Zudem bestehe dann noch immer das Risiko, dass Hagel die Senkkästen verstopft.

Zudem sei man in den letzten Jahren von dem Konzept abgerückt, Schäden völlig vermeiden zu wollen. Hingegen versucht man Risiken auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Wenn man etwa für mehrere Millionen Euro eine anderthalb Meter hohe Mauer bauen würde, nur um eine handvoll Grundstücke vor einem Jahrhundertstarkregen bewahren zu wollen, sei dies unwirtschaftlich.

Zudem fühle sich hinter solch einer Mauer niemand wohl. Stattdessen müsse man schauen, wie man verhindert, dass das Wasser in die Häuser eindringt. »Dann steht es zwar alle 20 Jahre im Garten, fließt aber nicht durchs Wohnzimmer.«

Unwetter-Hauptsaison ist vorbei

Bereits beim Bau sollte darauf geachtet werden, dass Wasser nicht problemlos durch Kellerfenster und -türen ins Innere laufen kann. Kritische Fenster könnten mit Schutzplatten nachgerüstet werden.

Eine gute Nachricht hat Assmann: Die Hauptsaison für solche Unwetter ist von April bis Juni. Im Sommer würden diese wesentlich seltener auftreten.

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