Die "Körperwelten"-Ausstellung bietet ungewöhnliche Perspektiven auf die menschliche Anatomie. FOTOS: PM/LUN
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Die "Körperwelten"-Ausstellung bietet ungewöhnliche Perspektiven auf die menschliche Anatomie. FOTOS: PM/LUN

Nach dem Tod

Warum eine Langgönserin ihren Körper spenden will

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Tamara Wüst ist erst Mitte 20, doch sie hat schon eine konkrete Vorstellung davon, was einmal mit ihrer Leiche geschehen soll: Sie will ihren Körper spenden. Was hat sie zu diesem Entschluss motiviert?

wie geht es weiter, wenn ein Lebewesen zur Leiche wird? Die meisten Menschen werden nach dem Tod zu Asche oder allmählich zu Erde - je nachdem, ob ihre sterblichen Überreste verbrannt oder bei einer Erdbestattung beigesetzt werden. So oder so verschwinden ihre Körper, sie werden unsichtbar. In aller Regel erinnern Grabsteine an die Verstorbenen, damit diese nicht in Vergessenheit geraten.

Bei Tamara Wüst aus Langgöns ist es anders: Wenn sie einmal stirbt, könnten Teile ihres Körpers zu Blickfängen werden, die die Betrachter ins Staunen versetzen. Die 26-Jährige hat sich als Körperspenderin registrieren lassen. Nach ihrem Tod wird ihr Leichnam dem Heidelberger Institut für Plastination zur Verfügung gestellt. Dort wird der Körper quasi haltbar gemacht, Teile könnten dann in einer "Körperwelten"-Aussstellung landen oder Hochschulen als Präparate dienen.

Wüst hat nicht lange mit sich gerungen. Sie hat die stationären Ausstellungen in Berlin und Heidelberg besucht und bei einem Probearbeiten im Institut für Plastination von der Möglichkeit der Körperspende erfahren. Der Entschluss sei dann "relativ spontan" gefallen: Wüst füllte die nötigen Formulare aus, leistete mehrere Unterschriften, schickte alles zur Post.

Körperspenderin: Nicht alle sind begeistert

Die junge Langgönserin könnte ihre Entscheidung jederzeit widerrufen. Bislang habe sie den Entschluss zur Körperspende aber noch nie bereut, sagt sie voller Überzeugung. In ihrem Umfeld kam das jedoch nicht überall gut an: "Meine Mutter war überhaupt nicht begeistert davon", berichtet Wüst, und daran habe sich wohl auch nichts geändert. "Aber sie kriegt es ja wahrscheinlich nicht mehr mit", fügt die junge Frau hinzu. Im Freundeskreis sei diese Entscheidung dagegen kein großes Thema gewesen, "aber es müssten eigentlich alle wissen".

Für viele Menschen ist der eigene Tod und alles, was danach mit ihnen geschieht, ein sensibles oder sogar ein Tabuthema.

Die Langgönser Körperspenderin geht mit diesen Fragen sehr offen um. Auch damit, dass es - wenn sie bei ihrem Entschluss bleibt - einmal keine Grabstätte geben wird, an der ihre Nachkommen ihrer Gedenken können. "Zum Trauern braucht es nicht unbedingt ein Grab", findet die junge Frau. "Für manche ist es vielleicht eine komische Vorstellung, aber ich brauche kein Loch, wo man dann drin liegt." Und natürlich sei es trotzdem möglich, dass Hinterbliebene einen Ort des Gedenkens anlegen.

Wüsts Schwester hat sich als Kontaktperson eintragen lassen. Das bedeutet: Im Todesfall würde die Schwester das Heidelberger Institut informieren und auch den Totenschein anfordern. "Es ist am einfachsten, wenn das jemand aus der Familie macht", sagt Wüst.

Was bewegt Menschen dazu, Körperspender zu werden, ihre sterblichen Überreste einer Organisation zur Verfügung zu stellen? Das Institut für Plastination hat dazu Zahlen veröffentlicht: Demnach möchten neun von zehn befragten Spendern "einem guten Zweck dienen". Mehr als jeder zweite möchte Angehörige von der Grabpflege befreien. Knapp 50 Prozent "empfinden es als unangenehm, verbrannt oder begraben zu werden". 42 Prozent der Befragten gaben an, dass sie "der Nachwelt erhalten bleiben möchten". Auch der finanzielle Aspekt ist nicht von der Hand zu weisen: Etwa jeder Dritte möchte den Zahlen des Instituts zufolge Beerdigungskosten sparen. Die Körperspende an sich sei, sagt Wüst, kostenlos - für Spender und Institut. Immerhin aber habe sie als Spenderin freien Eintritt zu den Ausstellungen.

Körperspenderin: Ausstellungen haben überzeugt

Die Langgönserin erklärt, für sie habe ein anderer Aspekt den Ausschlag gegeben, den auch jeder zweite Körperspender nennt: Sie war begeistert von den Exponaten, die sie in "Körperwelten"-Ausstellungen gesehen hat.

Körper oder Körperteile, die beinahe wie Kunstobjekte daherkommen und ungewohnte Perspektiven auf die menschliche Anatomie eröffnen - für manche ist das befremdlich. Wüst gehört nicht dazu: "Es sieht nicht mehr unbedingt nach Körpern aus", sagt sie. Auch durch die vorherige Behandlung mit Formalin wirkten die Exponate "nur noch halb real". Die sogenannten Plastinate in den Ausstellungen seien oft nur Körperteile, mittlerweile lande ein Großteil der Körperspenden bei wissenschaftlichen Instituten.

Wüsts Interesse für die Plastination mag auch mit ihrem beruflichen Werdegang zusammenhängen: Sie arbeitet als Einzelhandelskauffrau - und außerdem als biologisch-technische Assistentin. Wüst ist in der Marburger Biobank beschäftigt, wo Gewebe- und Blutproben untersucht werden. Im Rahmen der Ausbildung war sie auch bei einer Obduktion dabei.

Apropos: Obduzierte Leichen sind laut Wüst von der Körperspende ausgeschlossen. Wer nach dem Tod zum Organspender wird, dessen Körper kann trotzdem vom Institut für Plastination angenommen werden. Wüst trägt neben ihrem Körperspende- auch einen Organspendeausweis bei sich. Denn klar ist für sie auch: "Lebensretten hat Vorrang."

Zusatzinfo: "Körperwelten"-Ausstellung in Kassel

Die Ausstellung "Körperwelten – Eine Herzenssache" in Kassel (Documenta-Halle) ist noch bis zum 17. Mai geöffnet. Gezeigt werden rund 200 Ausstellungsstücke, darunter Ganzkörperexponate, Teilplastinate und einzelne Organe. Schwerpunkt ist das menschliche Herz. Für Abonnenten der Gießener und Alsfelder Allgemeinen gibt es vergünstige Tickets im Vorverkauf. Sie erhalten 4 Euro Rabatt auf Familien- und 2 Euro auf Erwachsenenkarten. Der Rabatt ist nur in der Geschäftsstelle (Marburger Straße 20 in Gießen) erhältlich. Bei Besuchen an Feiertagen oder Wochenenden ist die Buchung eines Zeitfensters erforderlich. Tickets können auch für Gruppen gebucht werden. Weitere Infos zu der Ausstellung sind online verfügbar unter https://koerperwelten.de/stadt/kassel/.

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