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»Adam« (l.) und »Eva« sind zwei von zwölf Feldhamstern, die in der Langgönser Artenschutzstation für Nachwuchs sorgen sollen. Beim Ortstermin sprach alles dafür, dass dies auch geschehen wird.

Naturschutz

Vom Aussterben bedroht: Schutzstation im Kreis Gießen will die Feldhamster retten

  • Alexander Geck
    VonAlexander Geck
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Viele Feinde sind des Feldhamsters Tod - das wollen engagierte Naturschützer im Kreis Gießen nicht einfach so geschehen lassen. Sie haben eine Artenschutzstation eingerichtet.

Langgöns – Kurz nach 21 Uhr in der Artenschutzstation auf Hof Niederfeld bei Lang-Göns: »Adam« ist soeben in eine der beiden Verpaarungsboxen zu »Eva« gesetzt worden. Er interessiert sich für sie. Auch die Feldhamsterdame scheint ihn nicht unsympathisch zu finden. Die Chancen für ein nachwuchsträchtiges Rendezvous stehen also gut. Doch die beiden nachtaktiven Tiere müssen weiter genau beobachtet werden, weil bei ihnen eine natürliche Aggressivität besteht. Im Laufe der nächsten 20 Minuten geht das gegenseitige Beschnuppern ohne brisante Zwischenfälle weiter. Ein umgedrehter irdener Blumentopf dient zeitweise als Rückzugsort. Sägespäne werden aufgewirbelt. Dann kommt es mehrmals zur Begattung. Das Weibchen kippt schließlich zur Seite.

Feldhamster im Kreis Gießen: Schwangerschaft dauert nur 17 Tage

»Sie ist umgefallen. Das ist ein gutes Zeichen«, sagt Melanie Albert von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON). Die Diplom-Biologin ist hauptamtlich damit beschäftigt, das Zusammenführen von zwei Feldhamsterpopulationen für die nächsten fünf Jahre wissenschaftlich zu begleiten.

»In 17 Tagen gibt es Nachwuchs«, prophezeit sie. Sie geht von sechs kleinen Hamstern aus, Martin Wenisch vom örtlichen Naturschutzbund dagegen tippt auf fünf Nachkommen.

Es ist eine Diskussion mit etwas Augenzwinkern. Zusammen mit Tobias Reiners und Landwirt Werner Müller setzen sich die beiden dafür ein, dass der Feldhamster auch weiterhin auf den Feldern aktiv ist und im Kreislauf der Natur seinen Platz einnimmt. Denn die possierlichen Tiere sind vom Aussterben bedroht. Auf den Felden südlich von Lang-Göns und bei Grüningen gibt es allerdings noch zwei Populationen, die nördlichsten in Hessen.

Feldhamster im Kreis Gießen: Landwirte lassen Schutzstreifen stehen

Das hat die HGON zum Anlass genommen, in der Gegend eine Artenschutzstation aufzubauen. Nach der Kartierung im Frühjahr sind nun zwölf Gründertiere in der Station, jeweils drei Männchen und drei Weibchen aus den beiden Gebieten.

Man habe in den vergangenen 20 Jahren zwar schon einige Maßnahmen umgesetzt, die den Bestand an Feldhamstern positiv beeinflussen sollen, erzählt Wenisch. So lassen manche Landwirte einige Streifen Weizen ungeerntet stehen, um so dem Hamster einen reich gedeckten Tisch vor dem Winterschlaf anbieten zu können.

Doch damit ist es offensichtlich nicht getan. Eine Vielzahl an anderen widrigen Faktoren machen den Feldhamstern zu schaffen. Einer, der über die Jahre immer mehr Wirkung zeigt, ist die genetische Isolation. Die einzelnen Populationen sind getrennt voneinander. Autobahnen und Wälder wirken wie Schneisen. War 1982 noch eine flächige Ausbreitung in Mittel- und Osteuropa zu verzeichnen, sind es nun nur noch kleine Inseln.

Feldhamster im Kreis Gießen: Bestand ist rückläufig

Aber nicht nur der Bestand an sich ist stark rückläufig. Die genetische Isolation mindert auf lange Sicht auch die Widerstands- und Anpassungsfähigkeit der kleinen Nager, da das Erbgut nicht gemischt wird, erklärt Reiners, der beruflich bei der Senckenberg-Gesellschaft tätig ist.

Zu schaffen macht den Feldhamstern auch die Häufung von Dürreperioden wie in den Jahren 2018 und 2019. Jene sorgen ebenso für eine Dezimierung des Bestands wie die Zunahme von Starkregen.

Der starke Rückgang an Feldhamstern hat auch das Land auf den Plan gerufen. 2017 wurde ein Artenhilfskonzept erstellt. 2018 wurde ein Feldflurprojekt initiiert, auf fünf Jahre angelegt. Es sieht vor, dass die zur Zucht gefangenen Tiere noch dieses Jahr wieder an ihre angestammten Plätze gebracht werden. Mit den Jungtieren wird weiter gezüchtet. Diese sollen dann in den benachbarten Regionen wie etwa in Hüttenberg ausgewildert werden. Finanziert wird das Projekt mit Mitteln der HGON, Geldern der HIT-Stiftung und der Stiftung »Unsere Erde« sowie Spenden. (Alexander Geck)

Auch das Wetter kann zum Problem werden: Den Hitze-Sommer 2018 hatte nur ein Bruchteil der Feldhamster-Population im Landkreis Gießen überlebt.

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