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Vorsorge in den Blick nehmen

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Unwetter mit großen Regenmengen können überall in Deutschland auftreten. Sie lassen sich nicht verhindern - die Folgen kann man aber mit Vorsorge abmildern. Der Starkregenexperte André Assmann empfiehlt Kommunen, das Thema nicht erst dann anzugehen, wenn das Unwetter gewütet hat.

Wenn sich bei André Assmann eine Kommune meldet und eine Starkregenanalyse bestellt, dann ist dies meistens dann, wenn nachdem ein Unwetter einen Ort heimgesucht und für Verwüstungen gesorgt hat. »Besser wäre es, wenn das Thema schon auf der Agenda stünde, bevor etwas passiert«, sagt Assmann.

Der Heidelberger Geograf ist Experte für Starkregen und dessen Folgen. Unter anderem analysierte er 2020 die Lage im Kleebachtal nach den beiden Unwettern, als etwas Teile von Niederkleen unter Wasser standen (Foto). Derzeit erhält Assmann zahlreiche Anfragen - die Unwetter in Westdeutschland haben einige Verantwortliche wachgerüttelt.

In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz fielen Mitte Juli enorme Regenmengen auf gesättigte Böden, da die Niederschlagsgebiete aufgrund besonderer Wetterverhältnisse an einem Punkt stehen blieben. »So etwas kann überall in Deutschland passieren, da ist man nicht sicher vor«, sagt Assmann.

Würden die gleichen Regenmengen im Landkreis Gießen herunterkommen, wären die Folgen ein wenig anders. Die Täler in Rheinland-Pfalz sind recht steil. Dadurch waren die Flutwellen schnell unterwegs, erklärt Assmann. Im Kleebachtal hingegen sind die Hänge flacher, das Wasser dadurch langsamer unterwegs.

Bei Niederschlägen von 100 Litern pro Quadratmeter in der Stunde würde es allerdings auch in wenig hügeligen Gebieten zu Überschwemmungen kommen, da sich das Wasser dann in Mulden und Senken sammeln würde.

Ob ein Starkregen oder Unwetter für schwere Überflutungen sorgt, das hängt von vielen Faktoren ab, erklärt Assmann. Dies fängt bei der jeweiligen Bodenbeschaffenheit an. »Die Vorsättigung hat auch einen Rieseneffekt.« Ist ein Boden bereits komplett vollgesogen, fließt der Niederschlag großteils ab. Aber auch ein zu trockenes und hartes Erdreich kann große Starkregenmengen nicht ohne weiteres aufnehmen.

Bei einem Regen von 50 bis 60 Litern pro Stunde spricht der Experte von einem Starkregen, der statistisch betrachtet einmal in 100 Jahren einen Ort trifft. »Kann man sich gegen solche Wassermengen rüsten? Nein.« Für solche Extreme lassen sich Abwasserkanäle nicht auslegen. Die Folgen lassen sich jedoch durch Vorsorge abmildern.

Beim Starkregenschutz spielen andere Faktoren als beim klassischen Hochwasserschutz eine Rolle. Beim Hochwasser steigt ein Fluss oder Bach über Stunden an und sorgt für Überflutungen. Dafür werden Rückhaltebecken angelegt und Überflutungsflächen vorgesehen. Bei einem Starkregen hingegen kommen auch an den Stellen Wassermassen zusammen, wo gar keine Bäche existieren.

Der Schutz beginnt im privaten Bereich. »Man kann die Schäden durch Vorsorge minimieren. Kleine bauliche Veränderungen entscheiden, ob ein Haus danach gut aussieht oder nicht«, sagt Assmann. Diese sollten so beschaffen sein, dass sie automatisch funktionieren - also nicht in aller Eile noch montiert werden müssen. Dazu zählen etwa Rückschlagklappen oder druckfeste Fenster, die auch dann nicht brechen oder undicht werden, wenn das Wasser davorsteht und drückt. Werden Schächte von Kellerfenstern mit einem zehn bis 15 Zentimeter hohen Kranz umgeben, sorgt dies dafür, dass das Wasser bei einem stärkeren Gewitter nicht gleich hinein läuft.

Kommunen sollten nach Ansicht des Experten ein stärkeres Augenmerk auf die Gefahrenlage legen. Bislang würden die Gemeinden meist nur dann aktiv, wenn sie gerade von einem Unwetter getroffen wurden oder Fördergelder winken. Dann würden Starkregenanalysen und Gefahrenkarten beauftragt.

Diese hätten jedoch nur einen Nutzen, wenn sie langfristig benutzt würden. »Auch neue Mitarbeiter in der Verwaltung müssen sie kennen.« Wenn Bauprojekte anstehen, sollte geprüft werden, ob sich Verbesserungen im Starkregenschutz erreichen lassen. So lassen sich etwa Problemstellen bei der Sanierung einer Straße nebenbei entschärfen - wenn man sie auf dem Schirm hat.

»Der Starkregenschutz sollte auch ein fester Faktor sein, wenn man ein Neubaugebiet plant«, sagt Assmann. So könne man in den Bauvorschriften etwa festlegen, dass Sicherungskästen in überflutungsgefährdeten Bereichen nicht im Keller eingebaut werden dürfen. »So lässt sich der Schaden möglichst gering halten.«

Zudem sollte eine Kommune sich überlegen, ob wichtige Einrichtungen - etwa Feuerwehr, Kindergarten, Altenheim - ausreichend geschützt sind.

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