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Steffi Riemer hat Igel Gino wieder aufgepäppelt. Foto: pad

Igelhilfe Schöffengrund

Vielen mittelhessischen Igeln geht es schlecht

Für den Igel ist 2019 kein gutes Jahr. Bei der für den Landkreis Gießen zuständigen Igelhilfe wurde nun der 222. Igel in Not abgegeben. Viele Tiere werden in freier Wildbahn den Winter nicht überleben.

Heike Todhunter aus Cleeberg hat derzeit besondere Gäste. Diese sind eigentlich nur zum Schlafen zu ihr gekommen. Vor dem Frühjahr werden sie nicht aufwachen - und das ist gut so. Denn bei den Übernachtungsgästen handelt es sich um Igel. Todhunter ist eine der Außenstellen der Igelhilfe Schöffengrund, die von Steffi Riemer geleitet wird.

Für den Igel war es ein miserables Jahr, berichtet Riemer. In einem normalen Jahr kümmert sie sich um rund 90 Tiere. Diese kommen in den Sommermonaten mit Verletzungen und Krankheiten, im Herbst vor allem wegen zu geringen Gewichts in die Igelhilfe. "Ich hab gestern meinen 222 Igel für dieses Jahr aufgenommen." Ein trauriger Rekord, welcher der Igelexpertin Sorgen macht.

Bei Igelmännchen Gino steht heute eine Routinekontrolle an. Normalerweise würde er wie andere Männchen seit Oktober im Tiefschlaf liegen. "Nur die Weibchen und Jungtiere sind noch Mitte bis Ende November aktiv", erklärt Riemer. Sie müssen sich oft noch von der Aufzucht der letzten Jungen erholen und Fettreserveren sammeln. Gino wurde tagsüber apathisch auf einer Wiese gefunden, berichtet Riemer. "Ist ein Igel tagsüber aktiv, ist dies zu 99 Prozent ein Hilferuf." Denn normalerweise sind die Tiere nachtaktiv. Gino war abgemagert, dehydriert und schwer krank, hatte mit zahlreichen Parasiten zu kämpfen. Den Winter hätte er nicht überlebt.

Igel nicht selbst behandeln

Das Verfahren ist bei allen Fundigeln gleich: Stabilisieren, eine Untersuchung des Kots per Mikroskop auf Innenparasiten und deren Behandlung. Ziel ist dabei, dass der Igel schnellstmöglich wieder in die freie Wildbahn kann. Dass ein Igel Parasiten mit sich herumschleppt, sei eigentlich normal, erklärt sie. Bei einem gesunden Igel würde das Immunsystem diese problemlos in Schach halten. Ist das Tier jedoch geschwächt oder kommen Infektionen hinzu, wird es lebensgefährlich.

Die Expertin rät dringend davon ab, Igel selbst zu behandeln. Präparate, die Hund und Katze entwurmen oder zeckenfrei machen, können einen Igel umbringen. Da der Igel zudem nicht auf dem Unterrichtsplan der Veterinärmedizin steht, sollte man ihn auch nicht zu irgendeinem Tierarzt bringen. Über die bundesweite kostenlose Hotline 08 00/72 35 750 des Igel-Notnetzes erhalten Finder Hilfe und werden zu den örtlichen Igelnothilfen vermittelt. Die Igelnothilfe Schöffengrund kümmert sich beispielweise um Igel aus ganz Mittelhessen, auch dem Landkreis Gießen und den Wetteraukreis.

Igel braucht Winterschlaf

Auch Gino ist ein echter Mittelhesse. Mittlerweile hat er sich ein ordentliches Gewicht angefuttert, darf in den nächsten Tagen schlafen gehen. Sobald die Temperatur längere Zeit unter fünf Grad fällt, die Tage kürzer werden und der Igel keine Nahrung mehr findet, schaltet sein Körper quasi automatisch auf Winterschlaf. "Jeder Igel braucht den Winterschlaf, und wenn es nur eine Woche ist", sagt Riemer. "Sonst verändert sich das Verhalten der Tiere." Auf Gino wartet ein sicheres Plätzchen im Garten für den Winterschlaf in menschlicher Obhut. Der Igel braucht zum Überwintern die Außentemperaturen.

Während Gino im Frühjahr zwar um ein Drittel seines Körpergewichts leichter, aber dafür gesund wieder aufwachen dürfte, sieht es für viele Igel schlecht aus. "Rund 80 Prozent der Jungtiere werden nicht mehr aufwachen", schätzt Riemer. Ein Igel mit einem Gewicht unter 600 Gramm hat nicht genügend Reserven gesammelt. Ihm fehlt spätestens im Frühjahr die Energie zum aufwachen.

Igel finden zu wenig Futter

Dass es den Igeln derzeit so schlecht geht, hat mehrere Gründe. Zum einen wirkt sich noch der Dürresommer 2018 weiter aus. Denn schon da fanden die Igel nur wenig Nahrung. 2019 gingen gerade die Igelweibchen praktisch ohne Reserven an die Aufzucht der Jungen. "Wir haben Igel gefunden, die sind vor ihrem Nest vor Erschöpfung zusammengebrochen."

Aufgrund des Insektensterbens finden die Igel weniger Nahrung. Er ist auf Insekten und Fleisch angewiesen. Darum rät die Igelhilfe mittlerweile dazu, das ganze Jahr Igel zu füttern. Katzenfutter mit mindestens 70 Prozent Fleischanteil oder ungewürztes Rührei schmecken dem Igel. Von speziellen Igelfutter rät Riemer ab: "Da wird nur der Hersteller reich." Mit seinem kurzen Darmtrakt kann der Igel kein Gemüse, Obst oder Getreide verdauen.

Im Garten Ecken für Igel lassen

Das Hauptproblem des Igels ist jedoch der Mensch. Insektengifte vernichten seine Nahrung, in aufgeräumten oder gar Schottergärten ist zudem meist sowieso nichts mehr zu finden. Nicht selten geraten Igel unter billige Mähroboter, deren schlechte Sensoren das Tier nicht erkennen. Sie wirbt dafür, in jedem Garten eine kleine gruschelige Ecke zu lassen, in der Laub und Totholz liegen bleiben und Wildblumen wachsen. Dann hat der Igel eine Chance.

Wann brauchen Igel Hilfe?

Wann sollte man einem Igel helfen? Ein sicheres Anzeichen ist, wenn das Tier tagsüber unterwegs ist, erklärt Igelexpertin Steffi Riemer. Ein Igel findet nur nachts die Insekten, die auf seinem Speiseplan stehen. Tagsüber ruht er darum in seinem Versteck. Auch Tiere, die auf der Seite liegen oder laut Atemgeräusche haben, sind nicht gesund. Ebenso Igel, die noch bei Frost oder Schnee unterwegs sind. Hilfe bekommt man an der kostenlosen Hotline 08 00/72 35 750. Übrigens: Falls man nachts auf einer befahrenen Straße einen Igel findet, kann man diesen problemlos mit Handschuhen oder auch einem Tuch aufheben und in Sicherheit bringen.

Die Arbeit der Igelhilfe Schöffengrund kann man mit einer Zuwendung an Steffi Riemer, DE63515500350002887172, Sparkasse Wetzlar, oder über PayPal (skysteffi@web.de) unterstützen

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