Sechs Jahre lang hat Anna Förderer (l., mit IHK-Prüfer Detlef Kopmann) Haare geschnitten, Frisuren gelegt und die Dauerwellen ihrer Kundinnen gepflegt. Die Wellen, mit denen sie sich heute beschäftigt, sind Gelenk-, Kurbel- und Nockenwellen. 
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Sechs Jahre lang hat Anna Förderer (l., mit IHK-Prüfer Detlef Kopmann) Haare geschnitten, Frisuren gelegt und die Dauerwellen ihrer Kundinnen gepflegt. Die Wellen, mit denen sie sich heute beschäftigt, sind Gelenk-, Kurbel- und Nockenwellen. 

Abschlussprüfung in Langgöns

Ungewöhnlicher Berufswechsel: Warum eine Friseurin lieber als Lkw-Fahrerin arbeitet

  • vonStefan Schaal
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Haare waschen, schneiden, legen - das war sechs Jahre lang der Beruf von Anna Förderer. Nun ist sie Lkw-Fahrerin, in Langgöns hat sie nach drei Jahren Lehre ihre Prüfung abgelegt. Dieser Zeitung hat sie verraten, was sie zum Berufswechsel motiviert hat.

Im 40-Tonner fährt Anna Förderer täglich über Autobahnen und Landstraßen. Bei Kunden klettert sie über eine Leiter fünf Meter nach oben auf den Lkw und öffnet einen Deckel, um den Tank- oder Siloauflieger zu befüllen - meistens mit Kalk in flüssiger oder Pulverform. Und wenn sie den Auflieger entlädt, schleppt sie zuerst einen schweren Schlauch. Das ist seit drei Jahren der Alltag der 27 Jahre alten, zierlichen Frau.

"Als Friseurin war mir der Menschenkontakt zu extrem"

"Klar, hin und wieder ist es körperlich anstrengend", sagt sie. Doch mit Übung und zunehmender Erfahrung komme sie damit gut zurecht. "Und es ist immer auch ein schönes Gefühl, wenn man es geschafft hat." Ende vergangener Woche hat Förderer in Langgöns auf dem Gelände der Firma Bork die Abschlussprüfungen ihrer Lehre zur Kraftfahrerin abgelegt. Es ist gleichzeitig der Abschluss eines ungewöhnlichen Berufswechsels.

Sechs Jahre lang hat Förderer zuvor Haare geschnitten, Frisuren gelegt und Dauerwellen ihrer Kundinnen gepflegt. Die Wellen, mit denen sie sich heute beschäftigt, sind Gelenk-, Kurbel- und Nockenwellen. Auf die Frage, warum sie sich von ihrem früheren Beruf als Friseurin verabschiedet hat, hält sie kurz inne. Sie habe Spaß am Fahren, sagt sie. Dann fügt sie hinzu: "Als Friseurin war mir der Menschenkontakt zu extrem."

Lehrlinge fahren mit 18 Lkw, die 250.000 Euro kosten

Für ihre Berufswahl gibt es weitere Argumente. Kraftfahrer werden gebraucht. Die Logistikbranche floriert, Schätzungen zufolge fehlen in Deutschland bis zu 45 000 Lkw-Fahrer. Zwei Zahlen verdeutlichen, was sich landesweit in den vergangenen Jahren getan hat: "Wir hatten 2003 in ganz Hessen nur 45 Auszubildende", sagt Jörg Biemer, Lehrer von angehenden Berufskraftfahrern an der Werner-von-Siemens-Schule in Wetzlar und Prüfer der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg. "Heute sind es 500 Azubis."

Für viele junge Menschen ist der Job weiterhin nicht attraktiv genug, auch aufgrund langer Arbeitszeiten, das Einstiegsgehalt liegt zudem bei durchschnittlich 2000 bis 2500 Euro brutto. Der Beruf übe allerdings eine Faszination aus, wirbt Biemer für die Tätigkeit. Sehr früh übernehme man Verantwortung. "Lehrlinge fahren mit 18 Lkw, die 250 000 Euro kosten, nach Berlin oder Hamburg, mit Waren auf der Ladefläche im Wert von 100 000 Euro."

Auch mal Schichten mit 14 Stunden am Stück

Neben Förderer, der ehemaligen Friseurin, legt vergangene Woche in Langgöns auch Yahya Mohamed Ibrahim seine Abschlussprüfung ab. Und er strahlt. "Es ist der Traum meiner Kindheit", sagt der 21-Jährige. Auch sein Vater sei Lkw-Fahrer gewesen. Als kleiner Junge auf dem Beifahrersitz habe er seinen Vater in der Heimat in Somalia häufig begleitet. Früher war er auf staubigen Straßen in Richtung Mogadischu unterwegs, heute fährt er durch ganz Deutschland. Mohamed Ibrahim ist vor vier Jahren als Flüchtling nach Mittelhessen gekommen. Während der Ausbildung dürfen Kraftfahrer noch nicht die Landesgrenzen verlassen. Nun, nach dem Abschluss, will er "durch die europäischen Länder fahren", sagt Mohammed Ibrahim.

Er genieße die Freiheit als Lkw-Fahrer, sagt Cedric Frost, der nun ebenfalls seine Abschlussprüfungen gemeistert hat. "Ich kann mir die Route selbst auswählen, auch mal die schönere Strecke wählen." Aber herrscht in dem Beruf nicht großer Zeitdruck? "Sicher, die Auftraggeber rufen an, klar gibt es Stress." Damit könne er aber mittlerweile gut umgehen.

Sie habe auch schon Arbeitstage mit 13, 14 Stunden am Stück erlebt, berichtet Förderer, die einzige Frau unter den 20 Prüflingen, die in Langgöns ihren Abschluss machen. "Das wird dann aber auch ausgeglichen." Und wie bekämpft man bei stundenlangem Fahren am Steuer die Müdigkeit? "Bei Kaffee wird man irgendwann immun", sagt Förderer. "Ich esse dann einen Apfel."

Schwierigste Aufgabe: Rückwärts mit Anhänger einparken

Dass sie mit Stress umgehen kann, beweist sie während der Abschlussprüfung. Einmal muss sie einen Lkw mitsamt Anhänger rückwärts in einer Lücke einparken, indem sie das Fahrzeug in einer halbkreisförmigen Kurve bewegt. Es ist eine der schwierigsten Aufgaben. Konzentriert und in aller Ruhe setzt sie den Schwertonner zurück, Meter für Meter, und bringt ihn in der Lücke zum Stehen.

Was Kraftfahrer in der Ausbildung nicht lernen

18 angehende Lkw- und zwei Busfahrer haben in Langgöns ihre Abschlussprüfungen absolviert. Auf die Frage, was man als Kraftfahrer noch nicht in der Ausbildung lernt, erklärt Prüfer Detlef Kopmann, dass die Azubis bisher nur innerhalb Deutschlands unterwegs waren. Im Ausland müsse man mit anderen Verkehrsregeln, sprachlichen Schwierigkeiten und Problemen mit Bürokratie zurechtkommen. Das lerne man durch Erfahrung.

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