Wenige Stunden nach der Tat blickt der Mörder im Mai 1987 auf sein Dorf. Noch heute, 33 Jahre später, beschäftigt die Tat die Niederkleener. FOTO: SRS
+
Wenige Stunden nach der Tat blickt der Mörder im Mai 1987 auf sein Dorf. Noch heute, 33 Jahre später, beschäftigt die Tat die Niederkleener. FOTO: SRS

Mutter getötet

Tödlicher Bolzenschuss: Als ein brutaler Mord Niederkleen erschütterte

  • vonStefan Schaal
    schließen

Ein brutales Verbrechen erschüttert am 12. Mai 1987 Niederkleen. Ein 49 Jahre alter Dorfbewohner tötet seine Mutter mit einem Bolzenschussgerät. Kurz vorher haben sie sich heftig gestritten - über die Renovierung der Außenfassade des alten Bauernhauses. Das Gerichtsverfahren macht damals deutlich: Hinter dem Mord steckt weit mehr als nur ein Streit.

Es regnet herab auf Niederkleen. Den ganzen Tag schon. Unaufhörlich hinterlassen Wassertropfen kleine Spritzer auf dem hölzernen Geländer eines Hochsitzes, auf den ein Mann am Rand des Dorfes geklettert ist. Er blickt auf Fachwerkhäuser. Auf das geschieferte Dach der Kirche. Auf sein Heimatdorf, in dem er aufgewachsen ist, in dem er schon immer gelebt hat und in dem er nun, in diesem Moment, fieberhaft gesucht wird. Denn er hat einen Menschen getötet. Seine eigene Mutter. Es ist ein später Nachmittag im Mai 1987.

Wenige Stunden zuvor: Am frühen Morgen um vier Uhr geht der 49 Jahre alte Niederkleener in seinem Haus in die Waschküche, wo seine herzkranke und gehbehinderte Mutter schlafend sitzt. Er hat ein Bolzenschussgerät mit Munition geladen, die eigentlich bei der Schlachtung von Bullen für die Betäubung vorgesehen ist. Er hält das Gerät an die Stirn seiner Mutter. Und drückt ab.

Er legt ihr danach eine Schürze über das Gesicht, da ist sie noch am Leben. Um 6.30 Uhr nimmt er den Telefonhörer ab, ruft eine Gemeindeschwester an. "Mit meiner Mutter stimmt etwas nicht", sagt er. "Bitte schauen sie nach, ich muss weg." Vier Tage später stirbt seine Mutter an den Verletzungen.

Nachdem er den Hochsitz am Ortsrand verlassen hat, besucht er am Abend Verwandte, Kriminalbeamte nehmen ihn dort fest. Er gesteht die Tat sofort, ein Motiv kann er bei seiner Verhaftung aber nicht nennen. Monate später, im Dezember, bricht er im Gerichtssaal auf die Frage nach dem Grund für den Mord in Tränen aus. "Warum ich meine Mutter getötet habe, kann ich nicht sagen", erklärt er.

Im Lauf des Prozesses am Landgericht Gießen allerdings wird damals deutlich, dass die Beziehung zwischen dem Täter und seiner Mutter, die zu zweit in einem Haus in der Burgstraße gelebt haben, gestört und voller Gift war. Die Familie hat lange versucht, das konfliktreiche Verhältnis zu verbergen. Um Tuscheleien im Dorf zu vermeiden, haben sie streng darauf geachtet, dass die Nachbarn von den Streitigkeiten nichts mitbekommen.

Am Abend vor dem Mord bricht eine heftige Auseinandersetzung zwischen den beiden aus. Sie geraten über die Frage aneinander, ob das alte, in den 50er Jahren umgebaute Bauernhaus renoviert werden soll. "Der Disput darüber, ob das Haus verklinkert oder nur verputzt werden sollte, geriet zu einem heftigen Streit", räumt der Mörder später vor Gericht ein. "Das regte mich sehr auf" Er fügt hinzu: "Ich drehte auf einmal durch."

Die Waffe, das Bolzenschussgerät, hat der Mörder am Tag vor der Tat in Reiskirchen gekauft. "Ich will Hasen schlachten", hat er dem Verkäufer gesagt. Zu Hause probierte er das Gerät in der Scheune an einer Holzkiste aus.

Kurz nach der Tat läuft der Mörder mit einem Benzinkanister in der Hand durch das Dorf, auf dem Weg zu einem Garten der Familie. Daheim liegen währenddessen Abschiedsbriefe an die Verwandten. "Meine Lieben, wir sind sehr krank", hat er darin festgehalten. "Wir möchten nicht mehr bei euch sein. Bitte beerdigt meine Mutter und mich in einem gemeinsamen Grab." Von dem Vorhaben, sich selbst das Leben zu nehmen, nimmt er dann jedoch Abstand.

Noch heute, 33 Jahre später, beschäftigt die Tat viele Niederkleener. "Jeder im Dorf hat ihn und seine Mutter gekannt", erzählt beispielsweise Hans-Joachim Röhrig, der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins. "Er war ein Sonderling", sagt er über den Täter. "Aber einen Mord hat ihm keiner zugetraut."

Ein schwerer Unfall zwang den späteren Mörder 1979, sich aus Beruf und Dorfleben zurückzuziehen. Bei einer Geburtstagsfeier kletterte er auf einen Mistlader und wurde heruntergeschleudert, als ein Trinkkumpan die Maschine anwarf. Sechs Wochen später diagnostizierte eine Ärztin einen Schädelbasisbruch. Nach dem Unfall litt der Mann unter Angst- und Schwindelgefühlen. Er gab seinen Nebenerwerb in der Landwirtschaft auf, mied Gaststätten, kapselte sich ab und widmete sich mehr und mehr seinem Garten und seiner Hasenzucht. "Nur im Garten hatte ich keine Angstgefühle", erklärt er einmal.

Nach dem Tod der Großmutter, mit der er noch über seine Probleme sprechen konnte, streiten sich er und seine Mutter immer häufiger. Wie später im Prozess zur Sprache kommt, setzt sie ihn damals stark unter Druck, behandelt ihn wie ein ungehorsames Kind, ohrfeigt ihn. Als er einmal von einer Kur zurückkehrt, steht plötzlich sein Bett nicht mehr in seinem Zimmer im ersten Stock, sondern unten im Schlafzimmer der Mutter. "Da war ich sehr verärgert", berichtet er während des Gerichtsverfahrens. Wochenlang schläft er im Wohnzimmer in einem Sessel oder in der ehemaligen Waschküche, manchmal draußen auf einer Bank im Hof. "Hätte ich nur darauf bestanden, dass das Bett wieder in mein Zimmer geschafft worden wäre", sagt er im Prozess. "Dann wäre das vielleicht nicht passiert."

Seiner Mutter wirft er außerdem das Scheitern einer Verlobung vor. "Wir wollten heiraten und in dem Haus wohnen, aber meine Braut warf mir eines Tages den Ring vor die Füße. Da war sicherlich meine Mutter dran schuld."

Ein Sachverständiger beschreibt die Beziehung zwischen Mutter und Sohn vor Gericht als "abnorm". Sie habe einen Druck ausgeübt, dem er nichts habe entgegen setzen können, sagt der Psychologe. Dies habe zu einer "neurotischen Persönlichkeitsveränderung" geführt - und zu einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit. Der Verteidiger des Täters spricht gar von einer "gefängnishaften Situation".

Zahlreiche Verwandte und Nachbarn sagen damals als Zeugen aus. Der Gerichtsreporter dieser Zeitung entdeckt unter ihren Aussagen "Sympathie für den Angeklagten, aber auch Schuldgefühle gegenüber der Familie und vor allem gegenüber dem Opfer". Viele Nachbarn schildern die Mutter als "gütige, zurückhaltende Frau", die sich "ihr Leben lang abgerackert" habe, die als starke Persönlichkeit "das Heft in der Hand" gehabt und den Sohn "überbehütet" habe. Die Mutter habe ihm allerdings auch Freiheiten genommen, berichtet eine Zeugin. "Ich sagte einmal zu seiner Mutter: Mach doch nicht immer, was dein Sohn nicht will."

Das Gericht gesteht dem Mann aufgrund seiner seelischen Störungen verminderte Schuldfähigkeit zu und verurteilt ihn zu sieben Jahren und sechs Monaten Gefängnis. Heute dürfte er eher in einer Psychiatrie landen.

Als er die Strafe abgesessen hat, kehrt er nach Hause zurück, nach Niederkleen. Eine Möglichkeit, sich an einem anderen Ort ein neues Leben aufzubauen, sieht er nicht. Er habe versucht, Kontakte zu Dorfbewohnern zu knüpfen. "Aber er ist auf eine Mauer des Schweigens gestoßen", erinnert sich Röhrig vom Heimat- und Geschichtsverein. Wenig später nach seiner Rückkehr stirbt der Täter.

In Haft erzählt der Mörder einmal, dass er hinter Gittern, in der Gießener Gutfleischsstraße, eine glückliche Zeit erlebe. Sein Leben habe sich zum Besseren verändert, erklärt er. Möglicherweise, glaubt damals der Gerichtsreporter dieser Zeitung, war ihm in Haft etwas zugestanden worden, was ihm zuvor offenbar verwehrt worden war: als Persönlichkeit akzeptiert zu werden.

"Die Beamten und die Gefangenen sind wie Geschwister oder gute Freunde zu mir", sagt der Mörder damals. "Ich fühle mich im Gefängnis wohl und geborgen."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare