Fichten verenden massenweise, wie hier in Oberkleen, durch Trockenheit und den Befall von Borkenkäfern.
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Fichten verenden massenweise, wie hier in Oberkleen, durch Trockenheit und den Befall von Borkenkäfern.

Fläche von 56 Fußballfeldern

Plötzlich kahl und brach: Warum in Langgöns 40 Hektar Fichtenwald gerodet werden

  • vonStefan Schaal
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Fichtenwälder, die noch vor einem Jahr dicht und dunkelgrün waren, verwandeln sich innerhalb weniger Monate in Brachland. Trockenheit und Schädlinge wie der Borkenkäfer vernichten im Kreis große Forstgebiete. Die Gemeinde Langgöns beginnt heute, befallene Fichten auf einer Fläche von 56 Fußballfeldern zu roden. »Es ist dramatisch«, sagt der Bürgermeister.

Die Fassungslosigkeit steht Rolf Krämer ins Gesicht geschrieben - auch wenn er hier, im Westen Oberkleens, in den vergangenen Monaten nun häufiger gestanden und den grausigen, bedrückenden Anblick immer wieder erlebt hat. »Gänsehaut« habe er, sagt der Revierförster. Vor Entsetzen.

Krämer steht auf einer Fläche, die im Frühjahr vergangenen Jahres noch dichter, dunkelgrüner Fichtenwald mit gesunden, 50 Jahre alten Bäumen war. Heute ist davon nur noch kahles, braunes Brachland übrig geblieben. Krämer steht vor Hunderten Fichten, an denen keine einzige Nadel mehr hängt. Sie sind verendet durch Trockenheit und durch den massenhaften Befall von Borkenkäfern. Allein in Oberkleen sind dadurch sieben Hektar Wald verloren. Die Gemeinde Langgöns beginnt am heutigen Mittwoch, befallene Fichten auf einer Fläche von 40 Hektar zu roden, das entspricht der Größe von 56 Fußballfeldern. »Es ist dramatisch«, sagt Bürgermeister Marius Reusch.

Langgönser Fichtenwald wird gerodet: Teil der Nadelholzbestände retten

Die schnellstmögliche Fällung und der Transport der Bäume aus dem Forstbereich seien die einzige Möglichkeit, »um die Wälder wieder auf den Weg einer Erholung zu bringen«, erklärt Reusch. Angesichts der Geschwindigkeit des Fichtensterbens gehe es vor allem um ein Ziel: »Wir wollen wenigstens einen Teil der Nadelholzbestände in Langgöns retten.«

Gleichzeitig kann Reusch eine Unsicherheit nicht verbergen. Die Rodung sei der »Versuch, den Wald zukunftsfähig zu machen«, sagt er. Die Ungewissheit, mit diesen Mitteln aber auch erfolgreich zu sein und den Kampf gegen die Zeit und die Ausbreitung von Millionen an Borkenkäfern zu gewinnen, bleibe bestehen.

Eine Alternative zur Abholzung gebe es nicht, betont indes Krämer, der Revierförster. »Die Alternative wäre, den Wald sich selbst zu überlassen«, sagt er. Das komme nicht infrage. »Es geht darum, dass wir an den kahlen Stellen wieder Wald bekommen«, ergänzt der Bürgermeister. In Cleeberg habe man kürzlich lagerndes Holz mit Chemikalien besprüht, berichtet Reusch. Gegen die explosionsartige Vermehrung der Schädlinge komme man damit aber nicht an, erklärt Krämer. »Es ist ein Kampf gegen Windmühlen.«

Langgönser Fichtenwald wird gerodet: Verstärkt Mischwälder anpflanzen

Um den Forst für den Klimawandel zu wappnen, müssten verstärkt Mischwälder angelegt und resistente Baumarten angepflanzt werden, sagt der Revierförster. Die Gemeinde lässt gruppenweise unter anderem Weißtannen, Eichen und Douglasien pflanzen. »Um das Risiko eines großflächigen Waldsterbens zu minimieren«, sagt Krämer.

Doch inzwischen tauchten neuartige Krankheiten auch bei Eichen und Erlen auf. »An Buchen beobachten wir schwärzlich-braunen Schleimfluss.« Die Folgen der Klimaerwärmung und der trockenen Sommer seien verheerend, die Abwehrmechanismen der Bäume schwer beeinträchtigt. »Schädlinge, die früher harmlos waren, sind heute tödlich.«

Die Rodung, den Abtransport und die Vermarktung des Holzes übernimmt das Waldpflegeunternehmen TTW. Der Ertrag aus dem Holz der befallenen Bäume sei aber »kaum der Rede wert«, sagt Reusch. Die Pflege des Walds sei eigentlich kein wirtschaftliches Thema. Durch die Vermarktung des gewonnenen Holzes habe sich die Bewirtschaftung des Wald bisher selbst getragen. »Doch jetzt kippt die Situation.« Bisher habe man jedes Jahr rund 8000 Festmeter abgeholzt. »Dieses Jahr ist es durch den Schädlingsbefall das Dreifache.«

Langgönser Fichtenwald wird gerodet: Sommerhitze tötet Bäume

1800 Hektar Forst gibt es in Langgöns, es ist eine der waldreichsten Gemeinden im Kreisgebiet. Besonders stark befallen vom Borkenkäfer ist der Wald in Oberkleen und Cleeberg. Dort sind die Böden trockener. In den anderen Langgönser Dörfern bildet Lössboden den Untergrund.

Krämer steht an einem kahlen Fichtenstamm. Basil, der Cocker-Spaniel des Revierförsters, hechelt. Die Sommerhitze macht Menschen und Tieren zu schaffen - und tötet Bäume. »Lange Zeit ging es mir nicht gut«, sagt Krämer. Der Schädlingsbefall in seinem Wald belaste ihn. Er habe den Eindruck, dass viele die Entwicklung nur noch mit einem Schulterzucken zur Kenntnis nehmen. »Ich fände es gut, wenn die Anteilnahme größer wäre«, sagt er.

Der Revierförster blickt nach unten, auf den Boden - und geht in die Knie. Er deutet auf kleine, grüne Blätter. »Das sind Sämlinge«, sagt er und entdeckt winzige erste Spuren von Eichen, Erlen und auch von Fichten. »Der Wald fängt an, sich selbst zu heilen«, sagt er. Den Kampf gegen das Baumsterben hat er noch lange nicht aufgegeben.

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