Die Hebammen Vanessa Hildmann (l.) und Kim Spottog (r.) haben gemeinsam die Geburten von bereits 1000 Babys begleitet.
+
Die Hebammen Vanessa Hildmann (l.) und Kim Spottog (r.) haben gemeinsam die Geburten von bereits 1000 Babys begleitet.

Neueröffnung

Kreis Gießen: Hebammen eröffnen neues Geburtshaus in Langgöns

  • vonStefan Schaal
    schließen

Am kommenden Montag eröffnen die Hebammen Vanessa Hildmann und Kim Spottog in Langgöns ein Geburtshaus. Sie rufen eine selbständige Praxis in einer Zeit ins Leben, in der es Hebammen schwer haben und nur noch wenige Geburtshäuser im Kreis existieren. Was bewegt sie zu dem Schritt?

Gemütliche Sofas, flauschige Sessel: Die Praxis erinnert an die heimelige Wohnung einer Familie. In einer Badewanne plätschert Wasser, Kerzenlicht flackert. Nichts in diesen sieben Räumen auf 150 Quadratmetern soll der klinischen, sterilen Atmosphäre eines Kreißsaals ähneln. Hier, in der Birkenstraße mitten in Lang-Göns, sollen in wenigen Tagen Kinder zur Welt kommen und ihre ersten Laute von sich geben. Die beiden 27 Jahre alten Hebammen Kim Spottog und Vanessa Hildmann eröffnen am 1. März ihr Geburtshaus.

Die Vorfreude ist den beiden Frauen in jeder Gesichtsregung anzumerken, als sie von ihren Plänen erzählen. Ihre Passion für den Hebammenberuf bringen sie vor allem in zwei Sätzen zum Ausdruck. »Wenn wir Eltern bei einer Geburt begleiten, dann ist das für uns nicht eine oder die Familie«, sagt Spottog, »sondern unsere Familie«. Sie fügt hinzu: »Eine Mutter, die bei uns ein Kind zur Welt bringt, ist in dem Moment unsere Frau.«

Neues Geburtshaus in Langgöns: Die beiden Hebammen haben gemeinsam schon 1000 Geburten begleitet

Spottog und Hildmann eröffnen ein Geburtshaus in einer Zeit, in der es Hebammen seit Jahren schwer haben. Wegen hoher Prämien bei der Haftpflichtversicherung und aufgrund aufwendiger Dokumentationspflichten ist der Beruf vom Aussterben bedroht. Im Kreisgebiet gibt es nicht mehr viele Geburtshäuser, in der näheren Umgebung ist eine Hebammenpraxis in Holzheim bekannt. Vor allem die Dokumentation sei »ein Haufen Arbeit«, räumt Spottog ein. »Das wollen wir nicht herunterspielen.« Hildmann betont allerdings: »Dass eine Frau den Ort wählen darf, wo ihr Kind geboren wird, ist auch eine Frage von Feminismus. Dafür machen wir uns stark.« Irgendwann wolle auch sie Mutter werden und dann ebenfalls eine Wahl treffen können.

Die beiden Hebammen erzählen, sie hätten gemeinsam bereits 1000 Geburten begleitet. Während ihrer Ausbildung am Gießener Uniklinikum haben sie sich kennengelernt, in der Examenszeit wurden sie enge Freundinnen. Ihre ersten Erfahrungen als Hebammen sammelten sie im Kreißsaal. »Wir haben aber früh erkannt, dass Geburten in der klinischen Umgebung nicht das sind, was wir uns gewünscht haben«, erzählt Spottog.

Neues Geburtshaus in Langgöns im Kreis Gießen: Hebammen hatten vorher Räume in Bad Nauheim

Nach dem Examen arbeiteten sie zunächst eine Zeit lang in verschiedenen Krankenhäusern. Vor zweieinhalb Jahren machten sie sich dann erstmals selbständig und gründeten in Bad Nauheim ein Geburtshaus.

In Langgöns lassen sie sich nun nieder, weil sie dort größere Räumlichkeiten gefunden haben. Der Einbau eines Bads und zweier Badewannen wären in anderen Immobilien schwierig gewesen. Sie freue sich außerdem, in ihre Heimat zurückzukehren, sagt Spottog, die in Niederkleen aufgewachsen ist. Derzeit laufen die letzten Vorbereitungen für die Eröffnung, eine Feier per Videostream via Instagram haben sie vorsichtshalber auf den 3. April gelegt, bis dahin soll auch der Feinschliff erfolgt sein. Eine Besonderheit ihres Geburtshauses werde sein, dass Hildmann und Spottog jeweils einzeln die Familien zunächst begleiten und vorbereiten und bei den Geburten dann zu zweit die Eltern unterstützen.

Kreis Gießen: Hebammen des neuen Geburtshauses in Langgöns begleiten viele Badewannen-Geburten

80 Prozent ihrer Geburten finden in Badewannen statt, berichtet Spottog. Das Wasser enstpanne während der Wehen, das Gewebe werde besser durchblutet, die Mütter fühlen sich wohl, gedämpftes Kerzenlicht sorge für eine romantische Atmosphäre.

Corona habe ihre Arbeit nicht groß verändert, erzählt Spottog. Die Hygienevorkehrungen bei der Geburt seien bereits vor der Pandemie aufwendig gewesen, Vorbereitungskurse wie Schwangerschaftsgymnastik finden nun online statt. Bei den Geburten tragen die Hebammen einen Mund-Nase-Schutz.

Hildmann erinnert sich an ihre erste Geburt, die sie als Hebamme außerhalb einer Klinik begleitet hat. Vor vier Jahren war das. »Es war bis heute eine meiner längsten Geburten.« An einem Sonntag hätten die ersten Wehen eingesetzt, am Dienstag sei das Kind geboren worden. Sie und die Familie hätten stundenlang beisammen gesessen, geredet, gegessen und geschlafen, sie habe die Eltern umarmt und ihnen Mut zugesprochen. Anderthalb Stunden vor der Geburt habe die Mutter den Wunsch geäußert, sich in die Badewanne zu legen. Vor allem eines habe sie darin bestätigt, ihren Traumberuf ergriffen zu haben, sagt Hildmann. »Ich habe mich komplett der Familie anvertraut. Und die Familie hat mir ihr Vertrauen geschenkt.« Und so habe sie gewusst, »dass es eine gute und gesunde Geburt wird«.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare