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Seit 2003 sind im Magna-Park neben Bork Firmen wie UPS und Bosch mit Logistikzentren beheimatet. Ältere Langgönser verbinden mit dem Gelände zahlreiche Erinnerungen.

Serie "Von oben"

Magna-Park bei Langgöns: Einst fielen an Heiligabend 2000 Bomben

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Der Magna-Park ist eine der größten Gewerbeflächen. Viele verbinden mit dem Gelände aber Erinnerungen an einen ehemaligen Flugplatz, eine US-Kaserne - und an Heiligabend 1944.

Einige restliche Bunkermauern stehen noch auf dem Gelände des Magna-Parks, umgeben von Fichten. Es sind die letzten verbliebenen Spuren der Vergangenheit auf einem Areal, das heute - aus der Luft betrachtet - von grauen Lagerhallen mit flachen Dächern geprägt ist. Seit 2003 sind hier neben Bork Firmen wie UPS und Bosch mit Logistikzentren beheimatet. Ältere Langgönser verbinden mit dem Gelände indes zahlreiche Erinnerungen: Als auf dem Gelände zwischen Langgöns und Butzbach 6000 US-Amerikaner in der Ayers-Kaserne stationiert waren. Als dort zuvor 1936 ein Militärflugplatz entstand. Als ein Bombenhagel an Heiligabend 1944 die Fläche in eine Kraterlandschaft verwandelte - und einzig ein beliebtes Ausflugsziel unversehrt blieb.

Der Baum dürfte um die 500 Jahre alt gewesen sein: An der Straße von Kirch-Göns nach Niederkleen gelegen war er ein beliebter Treffpunkt für die Menschen der Region. Innen war die im Volksmund genannte "Tausendjährige Eiche" mit einem Durchmesser von zwei Metern hohl, 14 Kinder fanden darin Platz. Und äußerst robust trotzte sie lange Zeit den Veränderungen auf dem Gelände des heutigen Magna-Parks - auch 1936, als das Areal komplett gerodet wurde, der Baum aber stehen blieb. Ein Gutshof wurde damals auf dem Gelände errichtet - allerdings zur Tarnung. Während des Zweiten Weltkriegs entstand dort ein Militärflugplatz, 17 Staffelflugzeuge waren im Wald versteckt.

Der Hobbyhistoriker Werner Reusch recherchiert seit Jahren zur Geschichte des Geländes. Ein halbes Dutzend an Büchern hat er zu dem Thema veröffentlicht. Ein großes Verdienst sind unzählige Anekdoten von Zeitzeugen, die er wiedergibt. So erzählt Reusch beispielsweise, wie ein Soldat gegen Ende des Zweiten Weltkriegs vor Ankunft der US-Amerikaner den Befehl erhielt, die Bunker im Wald zu zerstören. "Darin haben sich aber noch 50 Tonnen Lebensmittel und Rotwein befunden." Der Soldat beschloss, die Vorräte unter den Anwohnern zu verteilen. Reusch erzählt: "In Niederkleen gibt es viele Häuser, die mit Stahlträgern von den Bunkern wiederaufgebaut wurden."

Erinnerungen haben ältere Langgönser und Butzbacher unterdessen insbesondere an den Tag, als 2000 Bomben auf den Flugplatz herabfielen: Heiligabend 1944. Zeitzeuge Gerhard Koglin berichtet in Reuschs 2016 veröffentlichtem Buch von einem "Inferno von Lärm und Feuer, Erzittern der Erde und unsagbarer Angst". Die Soldaten hatten damals den Flugplatz bereits verlassen, das Gelände hingegen wurde komplett zerstört. Die Eiche blieb übrig "wie ein Symbol des Willens zum Weiterleben in einer Mondlandschaft", erzählt Koglin.

500 000 Zeitungsseiten gesichtet

Anfang der 50er Jahre errichteten dann 1200 Arbeiter auf dem Gelände im Auftrag der US-Amerikaner 21 Gebäude und eine Betonmauer mit gigantischen Ausmaßen: 250 Meter lang, sieben Meter hoch. Eine Kaserne entstand - und zum Alltag der Langgönser gehörte es nun, mit regelmäßigen Schießübungen zurechtzukommen. Im Schussgebiet lagen 400 Hektar Ackerland, Gewehrkugeln behinderten die Feldarbeit der Langgönser Bauern. Es gab Proteste, die US-Streitkräfte allerdings verwiesen auf den schießfreien Sonntag.

45 Jahre lang prägte die Ayers-Kaserne die umliegenden Dörfer. Und so mancher Langgönser mit Geschäftssinn wusste dies zu nutzen. Alfred und Gertraud Winkler mieteten ein Haus in der Straße Niederhofen in Lang-Göns und eröffneten eine Eisdiele. In einem kleinen Hinterzimmer wurde dort außerdem unter einer Glitzerkugel getanzt - ein Ziel am Wochenende für viel GIs.

Ende Juni 1997 schloss sich das Haupttor der Ayers-Kaserne endgültig - eine Ära ging zu Ende. Doch noch heute gibt es zahlreiche Geschichten über das Gelände zu erzählen. Die alte Eiche, berichtet Reusch, wurde 1946 von den US-Streitkräften mit Benzin und Öl übergossen und verbrannt, als ein Zeichen von Vergeltung, wie Reusch aufzeigt. Für sein sechstes Buch hat er übrigens eine halbe Million an Zeitungsseiten gesichtet. Schmunzelnd sagt er: "Ich konnte es auf 640 Seiten reduzieren."

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