Für Naturschützer wie Martin Wenisch geht es mit dem neuen Zuchtprojekt nicht mehr nur um den Status quo, sondern um neue Räume für die Feldhamster.
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Für Naturschützer wie Martin Wenisch geht es mit dem neuen Zuchtprojekt nicht mehr nur um den Status quo, sondern um neue Räume für die Feldhamster.

Feldhamster vom Aussterben bedroht

Historisches Zuchtprojekt im Kreis Gießen: „Luxusleben“ im ausrangierten Schweinestall

  • VonStefan Schaal
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An den nördlichen Rändern von Lang-Göns und Holzheim leben nach Schätzungen rund 500 Feldhamster. Seit Jahrzehnten steht der Erhalt der Tiere im Mittelpunkt. Es gibt erste Erfolge.

Langgöns – An den nördlichen Rändern von Lang-Göns und Holzheim leben nach Schätzungen rund 500 Feldhamster. Es ist hessenweit der größte Bestand der vom Aussterben bedrohten Art. Seit Jahrzehnten steht der Erhalt der Tiere im Mittelpunkt, nun soll ein historisches Projekt neue Räume für den Feldhamster erschließen. Es gibt erste Erfolge.

Ein leises Rascheln ist zu hören. In einem Hügel aus Stroh setzt Bewegung ein. Dann lugt sie vorsichtig hervor: Lilith. Das Feldhamsterweibchen schaut durch die Gitterstäbe nach draußen, für einen Augenblick blickt es Martin Wenisch in die Augen, der vor dem Käfig kniet. Und schon verschwindet Lilith wieder, sie eilt durch ein Rohr in einen benachbarten Käfig.

Kreis Gießen: Feldhamster leben in altem Schweinestall in Lang-Göns

22 Feldhamster leben hier in einem ausrangierten Schweinestall am nördlichen Rand von Lang-Göns. Es ist der einzige Moment an diesem regnerischen Nachmittag, in dem eines der Tiere zu sehen und hören ist. Die anderen haben sich in ihren Käfigen unter Bergen aus Stroh zurückgezogen. In Näpfen liegen noch Reste von Gurken und Möhren. »Weizen- und Haferkörner, die wir hineinlegen, sind sofort wieder weg«, erzählt Wenisch. »Die Feldhamster stopfen sie in ihre Bäckchen, horten sie an mehreren Stellen im Käfig.« In diesen Tagen beginnt die Winterruhe.

Für die vom Aussterben bedrohten Feldhamster geschieht hier, in diesem unscheinbaren alten Schweinestall seit Frühling dieses Jahres Historisches. Wenisch, der Langgönser Biologe vom örtlichen Naturschutzbund kann davon ein Lied singen. Seit Jahrzehnten bemüht er sich um den Erhalt der Art. 30 Jahre lang setzt er sich mit Landwirten und Kommunalpolitikern der Region auseinander, kartiert den Bestand der Feldhamster, weist auf die bedrohte Art hin und kämpft für kleine Schutzbereiche, in denen die Tiere leben können. Bei Langgöns und nördlich von Holzheim gibt es nach vorsichtigen Schätzungen rund 500 Exemplare, es ist der hessenweit größte Bestand der Feldhamster. Plötzlich geht es indes seit März dieses Jahres in einem neuen Zuchtprojekt nicht mehr nur um den Erhalt. Sondern darum, neue Räume für die Feldhamster zu gewinnen und auch den Bestand auszuweiten. Wenisch und ein halbes Dutzend weitere Naturschützer verzeichnen bereits erste Erfolge.

14 Feldhamster-Babys im Kreis Gießen geboren

Im April haben sie jeweils drei Weibchen und drei Männchen aus den Beständen in Pohlheim und Langgöns eingesammelt, die sie unter wissenschaftlicher Aufsicht pflegen. Vor allem sorgen sie dafür, dass sich die Tiere aus Pohlheim und Langgöns paaren. Zwei Würfe sind dabei gelungen, vierzehn Feldhamsterbabys sind dort zur Welt gekommen. Anfang September wurden die beiden Elternpaare wieder in die Freiheit gelassen, Jungtiere sollen im kommenden Jahr nahe des Hofs Niederfelden in Lang-Göns ausgewildert werden - und damit an einer Stelle, an der Feldhamster bislang weniger verbreitet sind. Wenisch spricht von »assistierter Migration«, ein Konzept, das der Opel-Zoo in Kronberg bereits seit Jahren erfolgreich betreibt.

Weitere Auswilderungen soll es im Rahmen des Hessischen Feldflurprojekts im kommenden Jahr geben. Hintergrund des Projekts ist, dass die beiden Feldhamsterpopulationen bei Lang-Göns und Holzheim seit den 60er Jahren voneinander getrennt leben und nicht mehr in Kontakt kommen. Verantwortlich ist dafür neben der Intensivierung der Landwirtschaft vor allem die zwischen Langgöns und Pohlheim verlaufende Autobahn 45. Die Folgen sind Inzucht innerhalb der Populationen und eine genetische Verarmung. »Die Feldhamster haben dadurch weniger Nachkommen, außerdem fällt es ihnen schwerer, mit Umweltveränderungen zurecht zu kommen«, erklärt Wenisch. Ein Ziel des Zuchtprogramms sei »genetische Auffrischung«.

Lang-Göns im Kreis Gießen: Paarung im Luxuskäfig

Weitgehende Stille herrscht in dem alten, 200 Quadratmeter großen Schweinestall bei Lang-Göns. An der Eingangstür stehen derweil zwei Kästen aus hellem Holz. Es sind die Luxussuiten für die Paarungszeit. Trennwände mit Guckfenstern befinden sich in diesen Käfigen. Die Tiere, die sich hier gegenüberstehen, können sich zunächst beschnuppern, später wird die Trennwand angehoben. »Zur Paarung kommt es dann ziemlich schnell«, erzählt Wenisch.

Auch draußen unter Ackerflächen treten die Feldhamster nun ihre Winterruhe an, über ihnen beginnen derweil Landwirte in diesen Gebieten seit 1. Oktober mit Dresch- und Mulcharbeiten. Es ist vor allem das Verdienst Wenischs und seiner auf Kompromiss und Verständnis abzielenden Art, dass Landwirte die Projekte für den Erhalt der Feldhamster seit Jahren unterstützen und zumindest so manche Streifen in Ruhe lassen, um die Tiere zu schonen.

Feldhamster-Zuchtprojekt im Kreis Gießen ist überrgional bedeutsam

Auch im Gemeindeparlament in Langgöns hat Wenisch erfolgreich um Verständnis und für den Schutz der Feldhamster geworben, wenn es beispielsweise um die Ansiedlung von Gewerbe geht. Westlich von Hanau, erzählt Wenisch, seien Feldhamster vor mehreren Jahren für ein Neubaugebiet umgesiedelt worden. »Es war der Tod der Tiere«, sagt der Biologe - und betont damit, wie bedeutsam Zuchtprojekte und die Zusammenarbeit von Tierschützern, Wissenschaftlern und Landwirten hier im Kreisgebiet sind. (Stefan Schaal)

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