Unfälle von Radfahrern

Lkw-Fahrertrainer: "Die Technik ist nicht genug"

Gut: Die Zahl der Verkehrstoten nimmt ab. Schlecht: Gilt nicht für Radfahrer. Besonders schlimme Folgen haben Kollisionen mit Lkw. Gemäß jüngster StVO-Novelle müssen Brummi-Fahrer nun beim Rechtsabbiegen Schritt fahren. Bringt das was? Und was bringen technische Hilfsmittel, vor allem der Abbiegeassistent? Nachgefragt bei der Spedition Bork.

Auch wenn mich der Richter freigesprochen hat, meine Zweifel werde ich nicht mehr los" - den Satz eines Fahrers, der in einen schweren Unfall verwickelt war, zitiert Kurt Metz schon mal als Einstieg in ein Sicherheitstraining für Lkw-Fahrer. Die verantwortet der 67-Jährige bei der Spedition Bork in Langgöns. Alle 430 Fahrer absolvieren hier dreimal jährlich eine Schulung. Dass Unfälle mit Radfahrern dabei ein Thema sind, hat einen guten Grund.

Laut Statistischem Bundesamt ging die Zahl der Verkehrstoten 2019 um sieben Prozent auf 3046 zurück. Wie im Vorjahr aber starben wieder 445 Radfahrer - jeder siebte Verkehrstote. Hinzu kamen 15 361 Schwerverletzte.

Jeder Unfall ist einer zu viel. Kommt dabei jemand zu Tode oder trägt bleibende Gesundheitsschäden davon, leiden darunter alle Beteiligten, egal wer Schuld hat, auch Lkw-Fahrer. Schwere posttraumatische Störungen ähnlich jenen bei Lokführern werden berichtet.

"Die moralische Belastung bei einem schweren Unfall nimmt dir keiner"

Das kennt auch Kurt Metz. "Den Sachschaden zahlt die Versicherung. Die moralische Belastung aber nimmt dir keiner", sagt der ehemalige Profi-Ausbilder bei Daimler beim Gang über den Betriebshof von Bork. Und betont, dass die Chefetage in puncto Sicherheitsfeatures schon immer dem Gesetz voraus gewesen sei. Ob Notbremssystem, Abstandsregeltempomat oder Spurassistent, was Sinn ergebe, werde angeschafft.

Als Kunde von Daimler - die Wörther Lkw-Schmiede stattet seit etwa zwei Jahren alle ihre Zugmaschinen damit aus - verfügt ein Teil des Fuhrparks von Bork auch schon über Abbiegeassistenten. Sukzessive sollen alle Lkw der Spedition über diese Technik verfügen.

Die könnte laut einer Untersuchung der Versicherungswirtschaft (siehe Info-Kasten) 40 Prozent aller Unfälle zwischen Lkw und Radfahrern verhindern. Und: Mehr als jedem dritten Opfer hätte sie das Leben retten können. Die Versicherer fordern die "Totwinkelwarner" samt Notbremsfunktion schon lange. Da EU-Recht, werden die Systeme erst ab 2022 bei Neufahrzeugen beziehungsweise 2024 bei Neuanmeldungen Pflicht.

An einer Zugmaschine erläutert Metz die Funktionsweise: Ein "Radarsystem" erfasst jede Bewegung neben dem Lkw. Nähert sich ein Radler, warnt erst ein gelbes, dann ein rotes Licht den Fahrer. Der freilich bleibt Herr des (Ver-)Fahrens, der Assistent löst keine Bremsung aus. Metz zufolge müsste schon heute keiner mehr ohne auskommen, Nachrüstsätze kosteten längst weniger als anfangs geforderte 2500 Euro und würden bezuschusst.

Seit 40 Jahren in der Fahrerausbildung tätig, engagiert sich der Wörther auch in einer bundesweiten Expertengruppe für Unfallverhütung; jüngstes Projekt ist ein digitales Lernprogramm für Brummi-Fahrer. Abbiegeassistenten oder die neuen Rundum-Kameras leisten einen wertvollen Beitrag. Aber, so unterstreicht Metz: "Die Technik ist nicht genug. Die reagiert, es kommt darauf an, dass der Mensch am Lenkrad agiert, die potenzielle Gefahr vorausahnt, dafür sensibilisiert wird." Ein Leitsatz für jedes Sicherheitstraining.

Spiegeleinstellfolie gegen den Toten Winkel

Seit 2018 gehört dazu auch eine von Metz entwickelte Folie. Mit ihr lernen "Borkianer", die insgesamt vier Spiegel richtig einzustellen. "Dann gibt es keinen toten Winkel mehr", unterstreicht Metz.

Die Folie hat sich bewährt, hilft inzwischen nicht nur bei Bork, Kollisionen mit Radlern beim Rechtsabbiegen zu vermeiden. Die von Metz konzipierte Schulung aber geht auch hier darüber hinaus: Gemäß dem Lernziel "defensives Fahren" rät er Kollegen, an Radwegen oder Kreuzungen besonders wach zu sein. "Aufmerksamkeitsspannung" lautet hier das Stichwort. Weiter: Beim Annähern an eine Kreuzung lernen die Fahrer, nah an den Straßenrand zu steuern, sodass niemand mehr daneben passt. Oder: Beim Halt an der Ampel sollten sie stets bedenken, dass in den Sekunden bis zum Grün ein Radler herangefahren sein kann.

Als eine Ursache zunehmender Konflikte macht Metz doch auch die Zunahme von "Aggressivität und Unvernunft" unter Radfahrern aus: Etwas zu warten sei etwa klüger, als sich selbst durch den noch so schmalen Spalt am Lkw vorbeizudrängeln.

Bleibt noch die StVO-Novelle zu erwähnen, hier die nun geltende Pflicht zum Schritttempo (11 km/h) beim Rechtsabbiegen. Für Metz "etwas realitätsfern". Innerorts schließlich führen zumindest die schweren Lkw kaum schneller um die Kurve. Nicht nur wegen der Ladung: "Der Reifenabrieb kostet schon mal 1000 Euro." Da die Vorschrift aber allen guttue, ist sie auch für den Sicherheitstrainer okay.

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