Im See des Steinbruchs in Oberkleen ist Marius Reusch (l.) als Kind häufig geschwommen. In Corona-Zeiten hat sich der Ort zum Hotspot entwickelt, bis zu 60 Menschen trafen sich dort während des Lockdowns, die Polizei kontrollierte täglich.
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Im See des Steinbruchs in Oberkleen ist Marius Reusch (l.) als Kind häufig geschwommen. In Corona-Zeiten hat sich der Ort zum Hotspot entwickelt, bis zu 60 Menschen trafen sich dort während des Lockdowns, die Polizei kontrollierte täglich.

Interview

Langgöns: Folgenschweres erstes Jahr für Bürgermeister Marius Reusch - Weitere Geschäfte in Gefahr

  • vonStefan Schaal
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Folgenschwere Überflutungen, ein zähes Ringen um Baugebiete, die eigene Corona-Erkrankung und die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie: Marius Reusch (37) hat ein turbulentes erstes Jahr als Bürgermeister von Langgöns hinter sich.

Herr Reusch, hat die eigene Erkrankung mit Corona Ihren Blick auf die Pandemie verändert?

Ehrlich gesagt habe ich Corona Anfang des Jahres noch nicht so ernst genommen, habe es eher als schwerere Grippe eingeschätzt. Innerhalb weniger Wochen - schon vor meiner Erkrankung - hat sich das gedreht, dass ich die Pandemie ernst genommen habe. Selbst zu erkranken und zu erfahren, was Corona bedeutet, ist eine andere Dimension.

Sie hatten Ende März schwere Atembeschwerden, Husten und Lungenschmerzen, mussten vier Wochen in Quarantäne. Hat Ihnen diese Erfahrung im Umgang mit der Krise als Bürgermeister geholfen?

Ein Beispiel: Wir haben in der Gemeinde diskutiert, wie man mit Erziehern in Kindergärten umgeht, die Symptome aufweisen. Schnell kam das Argument auf, dass Fieber das entscheidende Kriterium sei, um Mitarbeiter nach Hause zu schicken. Da habe ich widersprochen: Schaut mich an. Ich hatte kein Fieber, aber ansonsten sehr starke Symptome.

Wie geht es Ihnen nach der Erkrankung, spüren Sie Nachwirkungen?

Ich bin gesund. Mein Geruchssinn war eine Zeit lang gestört. Nach der Erkrankung ging es mir aber relativ schnell wieder gut.

Was sagen Sie als Betroffener zu Menschen, die Corona leugnen?

Ich hatte zwei, drei Begegnungen, da muss ich immer noch mit dem Kopf schütteln.

Was ist passiert?

In einer Bürgersprechstunde ist das mal vorgekommen. Und im Gespräch auf der Straße. Da werde ich am Anfang mit sorgenvoller Miene gefragt: »Wie geht es Ihnen? Sie hatten doch Corona.« Dann erzähle ich vom schweren Verlauf meiner Erkrankung. Und zehn Minuten später sagt die selbe Person: »Das ist doch alles übertrieben mit Corona. Mehr oder weniger ist das nur eine Grippe, und dafür fahren wir alles gegen die Wand.«

Wie reagieren Sie auf solche Sätze?

Ich sage dann, dass ich doch gerade erzählt habe, dass das keine Grippe ist, sondern wirklich ernsthaft sein kann. Da wird dann meine persönliche Erfahrung mit dem vorgegebenen Weltbild einfach nicht zusammengebracht. Das finde ich erstaunlich.

Sie haben ein turbulentes erstes Jahr als Bürgermeister hinter sich: die Pandemie, Naturkatastrophen wie Überflutungen und ein massives Baumsterben. Privat sind Sie ein zweites Mal Vater geworden - und haben sich mit Corona infiziert. Wie würden Sie das vergangene Jahr beschreiben?

Ich frage mich: Wann stellt sich eine gewisse Normalität ein? Ein Herantasten war nicht möglich, es ist gleich in die Vollen gegangen. Es war ein sehr verdichtetes, intensives Jahr, ich bin richtig auf die Probe gestellt worden.

War Corona die schwerste Probe?

Sicher. Dass der gesamte Alltag auf null gestellt wird und dass wir in den ersten Wochen vieles in kürzester Zeit zu regeln hatten, war eine wahnsinnige Herausforderung. Man merkt dabei auch, was die eigentliche Daseinsberechtigung des Staates und der Gemeindeverwaltung ist. Das ist erstmal die Sicherheit der Bevölkerung, die Daseinsvorsorge. Interessanterweise haben mein Ordnungsamtsleiter und ich uns unbewusst auf solch eine Situation vorbereitet.

Wie das?

Direkt nach der Amtsübernahme haben wir besprochen, dass es in Langgöns noch kein Krisenstab-Konzept gibt. Ende Februar hat der Ordnungsamtsleiter bei einer Personalversammlung im Rathaus ein solches Konzept dann vorgestellt. Da hatten wir noch andere Szenarien vor Augen: eine Naturkatastrophe, ein Großfeuer oder das Vermissen eines Kindes. Drei Wochen später haben wir das Konzept in der Corona-Krise angewendet.

Wie hat Ihnen dieses theoretische Konzept im Ernstfall geholfen?

Wir hatten sofort strukturierte Abläufe, wir konnten stabsmäßig agieren. Jeder in der Verwaltung bekommt eine konkrete Aufgabe zugeteilt, erhält eine S-Bezeichnung wie beim Militär. Der Krisenstab ist heute noch einmal in der Woche im Einsatz. Es war schnell klar, dass die Kommunen für die Umsetzung der Corona-Verordnungen zuständig sind. Das heißt: Wir haben die Bevölkerung zu informieren und die Einhaltung der Verordnungen zu überwachen. Wir haben die Schließung der Kitas und die Notbetreuung organisiert. Wir kontrollieren Versammlungen und Veranstaltungen. Ich weiß nicht, wie viele Hygienekonzepte unser Ordnungsamt seit Beginn der Krise bearbeitet hat.

Ein Ausnahmezustand.

Manchmal hat mich am Ende des Tages die Alarmanlage rausgeschmissen, weil die sich um Mitternacht scharf schaltet. Deshalb bin ich oft um fünf vor 12 aus dem Rathaus gegangen, um den Alarm zu vermeiden. Am Tag gab es so viel zu besprechen und zu klären, dass ich erst abends dazu gekommen bin, Mails abzuarbeiten und das Büro zu führen.

Sie sagen, Kommunen wurden durch Corona sehr in Anspruch genommen. Wurden Sie dafür von Bund und Land ausreichend unterstützt?

Stück für Stück jetzt schon, auch finanziell. Interessant war allerdings die Erfahrung, als in den ersten zwei, drei Wochen komplette Funkstille herrschte. Wir haben vom Land, vom Regierungspräsidium und vom Landkreis nichts gehört, bis sie sich selbst in der Krise organisiert haben.

Haben Sie sich in dieser Zeit im Stich gelassen gefühlt?

Eigentlich war das für uns eine gute Situation. Wir hatten die Verordnung und die Presseberichterstattung und haben einfach agiert. Mehr und mehr kam dann ein Regelungsmechanismus in Gang, als von oben gesagt wurde, wie zu agieren ist.

Sollte die zweite Welle kommen: Was müsste man bei der Bewältigung der Krise anders machen?

In einer ähnlichen Situation müsste man vermeiden, die Wirtschaft komplett herunter zu fahren. Das wird in der Form nicht nochmal funktionieren.

Ein nochmaliger Lockdown wäre für die heimische Wirtschaft nicht zu verkraften?

Ich glaube nicht. Hier vor Ort sind Unternehmen in der Veranstaltungsbranche, Getränkehändler und Caterer hart an der Grenze des Belastbaren. Bei einer zweiten Welle müsste man andere Wege finden. Eine Erkenntnis ist dabei übrigens erstaunlich und positiv: Wie unsere Demokratie funktioniert. Es hießt ja immer, alles werde der Wirtschaft untergeordnet, nur finanzielle Fragen spielen eine Rolle. Aber im Zweifelsfall ist die Gesundheit der Bevölkerung eben doch höher angesiedelt.

Ist schon zu erfassen, wie sehr die Corona-Krise die Gemeinde Langgöns getroffen hat?

Natürlich sind Steuereinnahmen eingebrochen. Um etwa 250 000 Euro, was die Gewerbesteuer angeht. Es hat sich gezeigt, welch großen Wert es hat, dass wir, was die Unternehmen und Arbeitsplätze in Langgöns angeht, sehr vielfältig aufgestellt sind. Wir hängen nicht an einer Branche oder an einem Unternehmen. Wir haben in Langgöns auch Branchen, die von der Situation fast profitiert haben: die Apothekengenossenschaft zum Beispiel. Und die Post und Speditionen. Bei denen hat es in den vergangenen Monaten gebrummt.

Ein prominentes Opfer dagegen ist »Mode und Sport Beppler«.

Wir waren mit dem Unternehmen länger im Gespräch. Auch vor Corona war es in einer schwierigen Situation, wir haben mehrfach zusammengesessen. Die Pandemie war nicht der Tropfen, sondern der Liter, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Da konnte man nicht mehr helfen. Das ist sehr bedauerlich, auch weil es ein Geschäft mit großer Tradition ist, ein wichtiger Anlaufpunkt mitten im Dorf. Es schmerzhaft, dass so eine Adresse nicht mehr da ist.

Sind Sie aktuell mit weiteren Langgönser Geschäften in Gesprächen, deren Existenz bedroht ist?

Ja, die gibt es, Namen möchte ich nicht nennen.

Was kann die Gemeinde in solchen Fällen tun?

Unsere Mittel sind begrenzt. Wir haben in Steuerfragen die Möglichkeit gegeben, auch mal unbürokratisch Beträge zu stunden und auszusetzen. Wir helfen eher auf der kleinen Ebene. Zum Beispiel haben wir für einen Caterer und Metzger einen neuen Standort für eine Imbissbude gesucht, damit er wenigstens ein bisschen Umsatz machen kann.

Corona wird Ihre Arbeit sicher auch 2021 prägen.

Das ist gerade auch bei der Versammlung der Bürgermeister im Kreis zur Sprache gekommen. Wir gehen davon aus, dass das bisher nur eine Delle war, was die wirtschaftlichen Auswirkungen angeht. Im nächsten Jahr erwarten wir einen wirklichen Einbruch bei den Unternehmen. Vielleicht müssen wir als Gemeinde den Gürtel viel enger schnallen.

Es gibt auch ein Leben jenseits von Corona. Als wir uns im vergangenen Jahr zum Interview getroffen haben, waren Sie 100 Tage im Amt und haben erklärt, das größte Problem sei die Kita-Situation. Was hat sich seitdem getan?

Interessant, wie sich die Prioritäten verschoben haben. Aber wir haben viel erreicht, mit einem Maßnahmenpaket in Höhe von 250 000 Euro. Wir haben in Dornholzhausen eine neue Gruppe eröffnet. Wir haben die Verwaltung umstrukturiert. Die Leiterin für den Kita-Bereich arbeitet seit April im Rathaus in Vollzeit, das war in der Corona-Krise und in der Zeit der Kita-Schließungen Gold wert.

Wo knirscht es noch?

Beim Personal. Durch das Gute-Kita-Gesetz von Bund und Land tut sich da aber etwas. Zum 1. Januar werden es sechs zusätzliche Stellen, wenn wir diese bis dahin besetzt bekommen. Unsere nächste Baustelle ist, das Angebot flexibler für Familien zu gestalten.

Jahre werden noch vergehen, bis es ein neues Gewerbegebiet in Langgöns gibt. Haben Sie konkrete Vorstellungen, wie ein solches Gebiet in vier, fünf Jahren aussehen könnte?

Die Vorstellungen sind relativ klar. Wir wollen regionale, mittelständische, bevorzugt produzierende Firmen. Langgöns war in den vergangenen Jahrzehnten ein attraktiver Standort für Logistik. Das ist nachvollziehbar. Aber es kann nicht mehr unser Ziel sein, noch mehr Logistik nach Langgöns zu holen. Weil dabei große Hallenflächen gebaut werden mit wenig Arbeitsplätzen.

Wie lange dauert es noch, bis es zu einer Entscheidung kommt?

Wir gehen das Projekt hinter den Kulissen an, sondieren vor. Das wird noch länger als ein Jahr dauern, es ist eben eine große Entscheidung über große Gebiete, wo viele Eigentümer beteiligt sind, wo der Flächennutzungsplan und der Regionalplan beachtet werden müssen. An diese langen Vorläufe im öffentlichen Bereich kann ich mich auch nicht gewöhnen. Soeben wurde für die Talbrücke in Langgöns wieder das Planfeststellungsverfahren verschoben. Langgönser haben gehofft, dass dort 2024, 2025 eine Lärmschutzwand an der neuen Brücke entsteht. Jetzt wird es eher 2027, 2028. Das sind die Vorläufe bei einem Brückenneubau. Beim Gewerbegebiet wird es ähnlich sein.

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