Die weitere Nutzung des seit etwa 15 Jahren praktisch leerstehenden Bahnhofsgebäudes in Lang-Göns ist noch unklar.	FOTO: AGE
+
Die weitere Nutzung des seit etwa 15 Jahren praktisch leerstehenden Bahnhofsgebäudes in Lang-Göns ist noch unklar. FOTO: AGE

Seit 15 Jahren verlassen

Langgöns: Wo Bismarck einst Station machte - Was wird aus dem Bahnhofsgebäude?

  • Alexander Geck
    vonAlexander Geck
    schließen

Das eigentlich ansehnliche Bahnhofsgebäude in Langgöns fristet seit gut 15 Jahren ein eher tristes, weil verlassenes Dasein. Es gibt zwar einige Vorschläge für eine Neugestaltung des gesamten Areals, doch diese müssen wohl noch geraume Zeit in der Warteschleife verweilen.

Langgöns - »Nächster Halt: Langgöns« heißt es täglich knapp 70 mal in den Zügen der Deutschen Bahn. Wer dort öfter aussteigt, hat es sich womöglich abgewöhnt, von dem altehrwürdigen, aber fast leerstehenden Bahnhofsgebäude Notiz zu nehmen, denn das Haus wirkt heruntergekommen. Türen und Fenster sind verrammelt, Graffiti »zieren« die Außenfassade. Im gläsernen Leitstand direkt an den Gleisen ist, wenn man durch die Scheiben linst, noch ein alter Fernschreiber mit den letzten Meldungen zu entdecken. Die Zeit ist dort gewissermaßen stehen geblieben.

Bahnhofsgebäude Langgöns: Dreh- und Angelpunkt in der Gemeinde

Vor allem Pendler nutzen den Bahnhof, um nach Gießen oder Frankfurt zu kommen. Eigentlich also ein Dreh- und Angelpunkt, eine Art von Visitenkarte der Gemeinde, doch ein umfassendes Konzept zur zeitgemäßen Gestaltung des gesamten Geländes ist noch nicht spruchreif. Vorschläge gibt es aber einige.

Das dreiteilige Gebäude war 1879 im spätklassizistischen Stil gebaut worden, mitten in einer Zeit des wirtschaftlichen Wachstums, das 1852 mit dem Anschluss der Gemeinde an die Main-Weser-Bahn begonnen hatte. Der jährliche Viehmarkt zu Pfingsten entwickelte sich im 19. Jahrhundert gar zu den größten in Westdeutschland und lockte stets Tausende von Besuchern an, wie Heimatforscher Otto Berndt berichtet. Der wohl prominenteste Zeitgenosse in Lang-Göns war dereinst Otto von Bismarck (siehe unten).

Der Trakt bestand im Wesentlichen aus einem Schaltergebäude mit Wartehalle, Dienstwohnungen und einer Lagerhalle. Doch seit gut 15 Jahren hat das Gebäude ausgedient. Ganz verlassen ist es allerdings nicht: Einige Räume im Erdgeschoss werden von der Bahn noch als Notfallstellwerk genutzt.

Bahnhofsgebäude Langgöns: Zukünftiges Projekt kann erst ab 2025 starten

Noch ist unklar, wann wieder Leben in die Bude kommt, die 2005 von der Gemeinde gekauft wurde. Erst 2019 haben Studenten der Technischen Hochschule Mittelhessen eine Vielzahl an Vorschlägen zur künftigen Nutzung unterbreitet. Etwa die Entwicklung zu einem Verkehrsknotenpunkt neuer Mobilität oder auch studentisches Wohnen - schließlich sind es nur acht Minuten, die man mit dem Zug braucht, um nach Gießen zu gelangen. Das angrenzende Gelände mit seinen 15 500 Quadratmetern Fläche bietet dabei im Zusammenspiel viele Gestaltungsmöglichkeiten. Weiteren Einzelhandel mit Gastronomie kann man sich dort ebenfalls gut vorstellen.

Richtig loslegen mit der Umsetzung eines dann gefundenen Projekts kann man, wenn die Bahn die Strecke stellwerktechnisch digitalisiert hat und die genannte Nutzung wegfällt - avisiert allerdings erst für 2025, wie Bürgermeister Marius Reusch mitteilt. »Mit der Bahn sind wir in Kontakt«, sagt er und ergänzt: »Wenn wir freie Bahn haben, möchten wir in den Startlöchern stehen.«

Die Kosten werden nicht unerheblich sein, das ist klar. Rund zwei Millionen Euro wird die Gemeinde mindestens in die Hand nehmen müssen, um allein das denkmalgeschützte Gebäude komplett zu sanieren. Der Bahnhof soll nicht zuletzt deshalb in das Dorfentwicklungsprogramm aufgenommen und/oder im kommunalen Entwicklungskonzept IKEK integriert werden.

Bahnhofsgebäude Langgöns: Verkauf sei auch möglich

»Alternativ wäre auch ein Verkauf möglich - aber nur, wenn ein auch für die Gemeinde attraktives Konzept dahinter steht«, nennt Reusch eine weitere Option. Eingeschränkt ist man aber bei allen Varianten dadurch, dass die Denkmalschutzbehörde nur geringe Eingriffe in die Gebäudesubstanz zulässt.

Für Reusch ist jedenfalls wichtig, dass das Gelände bis zur Projektumsetzung nicht weiter verkommt. Mit Errichtung der Lärmschutzwände sei es vermehrt zu Vandalismus gekommen. Um dem entgegenzuwirken, wolle man sich auch am »Kompass«-Programm der Polizei beteiligen.

Mittelfristig könnte es also etwas werden mit der Revitalisierung des Gebäudes. Vielleicht kommt dann auch - wie schon einmal vor vielen Jahren - überörtliche Prominenz zur Eröffnung.

Das Bahnhofsgebäude im Jahr 1898, fotografiert von der Neuhöfer Chaussee (heute Leihgesterner Straße). FOTO: PM

Vom preußischen Gesandten, dem Jubiläum und der Rentenauszahlung

Otto von Bismarck machte 1851 in Lang-Göns Station. Zu dieser Zeit war er noch preußischer Gesandter, der Bahnhof noch Kopfstation, also nicht durchgängig von Frankfurt nach Gießen befahrbar. Im gegenüberliegenden Gasthaus »Zur Post« war er, wie Philip Hofmann in seinem Buch über Lang-Göns schreibt, von der jungen Wirtin sehr beeindruckt. Ob er deshalb dort seine Zigarrentasche liegen ließ, ist nicht überliefert.

1952 wurde die 700-Jahr-Feier von Lang-Göns zusammen mit dem 100-jährigen Jubiläum der Main-Weser-Bahn begangen. Philip Hofmann schreibt im Dorfbuch: »Ein ergreifender Augenblick kam dann gegen ½ 12 Uhr, als der alte, von Nürnberg aus dem Museum herbeigeholte Eisenbahnzug mit dem kleinen Lokomotivchen und den drei Wagen von Gießen kommend hier in Lang-Göns einfuhr. Die geladenen Gäste entstiegen dem Zug. Landrat von Schwerin nebst Gattin waren in alter Biedermeiertracht erschienen und wurden von einem kleinen Hüttenberger Mädchen mit einem Blumenstrauß begrüßt.«

Aber auch persönliche Erinnerungen sind mit dem Gebäude verbunden. Eine Langgönserin etwa erzählt aus ihrer Kindheit: »Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in den 60er Jahren öfters meine Oma begleitet habe, um für den bei der Bahn angestellten Opa die monatliche Rente im ersten Stock auszahlen zu lassen.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare