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Als Beispiel für nicht geschaffene Ausgleichsflächen nennt Bürgermeister Reusch das Neubaugebiet Riebäcker in Oberkleen.

Mehrere Hunderttausend Euro Defizit

Wie in Langgöns jahrzehntelang auf Kosten der Natur gebaut wurde

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Über Jahrzehnte hinweg ist in Langgöns für Bauland kein Ausgleich mit naturnahen Flächen geschaffen worden. Die Naturschutzbehörden mahnen die Gemeinde seit Jahren an. Ein Defizit in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro dürfte entstanden sein.

Im Interview mit dieser Zeitung kündigte Bürgermeister Marius Reusch vor zwei Monaten einen "Hammer" an. Im baurechtlichen Bereich komme etwas auf die Gemeinde Langgöns zu, sagte er. Nun ist die Katze aus dem Sack. Über Jahrzehnte hinweg sind für Bauland in Langgöns im großen Ausmaß keine oder viel zu wenig naturnahe Ausgleichsflächen geschaffen worden. Der Schaden ist immens, er dürfte in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro liegen.

Maßnahmen zur Pflege der Umwelt seien in vielen Fällen zwar in den Bebauungsplänen ausgewiesen, dann aber nicht ausgeführt worden, sagte Bürgermeister Marius Reusch am Donnerstag in der Sitzung des Gemeindeparlaments.

Die Untere und die Obere Naturschutzbehörde mahnen die Gemeinde aus diesem Grund bereits seit 2007 immer wieder an, "seit 2014 mit verstärktem Druck", wie Reusch sagte. Doch es habe bislang keine Konsequenzen gegeben. Reusch erhebt gegen seinen Vorgänger schwere Vorwürfe: Horst Röhrig, Bürgermeister von 1995 bis Mai dieses Jahres, habe den Gemeindevorstand und weitere Gremien nicht über die Angelegenheit informiert. "Von den fehlenden Ausgleichsmaßnahmen habe ich zuerst im August gehört", sagte Reusch, der sein Amt im Juni dieses Jahres angetreten hat."Als neuer Bürgermeister ist das ein nicht so schönes Erbe."

Röhrig wehrt sich gegen die Vorwürfe. Er habe die Angelegenheit keineswegs verschwiegen. Er habe in mehreren Gremien immer wieder darauf hingewiesen.

Der Schaden sei immens, erklärte unterdessen Reusch. Das genaue Ausmaß sei allerdings noch nicht zu überblicken. Die Landschaftspflegevereinigung nimmt nun ihre Arbeit in der Sache auf: Sie wird in den kommenden Monaten im Auftrag der Gemeinde Langgöns sämtliche Bebauungspläne seit 1993 in Augenschein nehmen und prüfen, welche Ausgleichsmaßnahmen getroffen wurden und welche ausgeblieben sind. Die Untersuchung wird bis Ende 2020 dauern, wie Ingrid Moser, die Geschäftsführerin der Landschaftspflegevereinigung, gegenüber der Gießener Allgemeinen Zeitung erklärte.

Als konkretes Beispiel nannte Reusch das Neubaugebiet Riebäcker in Oberkleen. Dort sei am Rand eigentlich eine Grünfläche als Saum vorgesehen gewesen. "Diesen Saum gibt es aber nicht."

Die Gemeinde Langgöns hat außerdem häufig Grundstücke verkauft und dabei den Käufern jeweils im hinteren Bereich der Grundstücke kleine Areale verbilligt abgegeben, wo Ausgleichsflächen geschaffen werden sollten. Die Verpflichtung, naturnahe Areale zu schaffen, wurde allerdings nicht im Grundbuch festgehalten. Auch auf einen städtebaulichen Vertrag wurde verzichtet. Man habe daher gegenüber den Grundstückseigentümern heute keine Handhabe, erklärte Reusch. "Dann steht die Gemeinde im Regen", sagt Moser, die Geschäftsführerin der Landschaftspflegevereinigung.

Reusch kündigte an, mit der Unteren Naturschutzbehörde eine Vereinbarung zu schließen, um für jeden Langgönser Ortsteil einen Bebauungsplan mit den jeweiligen Ausgleichsflächen aufzustellen. Langgöns ist im Kreisgebiet wohlgemerkt nicht die einzige Gemeinde, die in den vergangenen Jahren zu wenig Ausgleichsflächen geschaffen hat. "Derartige Fälle gibt es hessenweit", sagt auch Moser. Biebertal hatte ein ähnliches Problem, hat das Defizit an Ausgleichsflächen aber inzwischen weitgehend wieder aufgeholt.

"Es wird uns Geld kosten", sagte Reusch unterdessen. Für die Schaffung von naturnahen Flächen erhalten Gemeinden sogenannte Ökopunkte gutgeschrieben. Langgöns verfügt derzeit über ein Konto von 600 000 Öko-Punkten. Da die Gemeinde weit weniger Ausgleichsflächen geschaffen hat als in Bebauungsplänen ausgewiesen, werde die Gemeinde voraussichtlich ihre 600 000 Öko-Punkte verlieren und ein Minus vorweisen, schätzt Reusch. Gemeinden können Öko-Punkte auch verkaufen, Preise für einen Punkt schwanken in der Regel zwischen 40 und 70 Cent. Grob lässt sich daraus erahnen, dass am Ende ein Defizit von mehreren Hunderttausend Euro zu verzeichnen ist.

"Es ist ja nicht nur ein materieller Schaden", sagt indes der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Dr. Michael Buss. "Schwerer wiegt, dass über viele Jahre Ausgleichsmaßnahmen für die Umwelt nicht durchgeführt worden sind." Zukünftig müsse man viel stärker kontrollieren, ob naturnahe Flächen wie in Bebauungsplänen festgelegt auch umgesetzt werden. "Das ist wirklich eine böse Überraschung", sagte Buss.

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