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Und es hat Bumm gemacht

So läuft eine Sprengung im Niederkleener Steinbruch ab

  • vonStefan Schaal
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Nach mehreren Jahren der Stille ist der Steinbruch in Niederkleen wieder in Betrieb. Eine Sprengung wälzt 7800 Tonnen Kalkstein um, die Explosion indes ist überraschend leise und gedämpft. Der Abbau im einzigen aktiven Steinbruch des Kreisgebiets hat allerdings auch Gegner.

Es ist 11.38 Uhr, als ein gedämpfter Knall im Norden Niederkleens ertönt. Eine Sprengung bewegt 7800 Tonnen an Kalkstein, Geröll und Lehm. Nur einen kurzen Augenblick - genau genommen 300 Millisekunden - dauert die Explosion. Rauchschwaden steigen auf, für einen Moment riecht es nach verbranntem Plastik. Das Plateau, auf dem Frank Eichelberger und Lars Frisch vor einer Stunde noch gestanden sind, ist abgesackt. Umgewälzt.

Fünf Jahre lang stand der Steinbruch in Niederkleen still. Seit Wiederaufnahme des Betriebs in diesem Winter ist es die dritte Sprengung, maximal zwölf werden pro Jahr durchgeführt. Nieselregen fällt herab, der Boden ist der reine Schlamm, die Landschaft erinnert an einen Mondkrater. Von unten ist das ständige Brummen von Baggern zu hören. Gegen 10 Uhr füllen Eichelberger vom Sprengstofflieferanten und Frisch von der Betreiberfirma des Steinbruchs die letzten von 24 gebohrten Löchern auf dem Plateau mit Sprengstoff.

Stumm öffnen sie Pakete, mit einem Messer schneiden sie in pinkfarbene Stäbe ein, in denen die Sprengstoffe Ammoniumnitrat und Nitroglykol stecken. Dann lassen sie jeweils 16 Stäbe in jedes Loch fallen. "Oben bleiben drei Meter frei", sagt Eichelberger. "Sonst fliegen uns die Steine bei der Sprengung ins Dorf."

Die Stäbe seien resistent gegen den Regen und auch vor Erschütterungen, ergänzt er. "Nur wenn ein Radlader auf eine Patrone stürzen würde, könnte es explodieren."

In einer Pause, blickt Eichelberger nach unten. "Eigentlich ist das kein richtiger Steinbruch mehr", sagt er. Nur noch kleine Reste würden hier abgebaut. In ganz Hessen begleitet er täglich derartige Sprengungen. Immer öfter stoße man auf Proteste von Bürgerinitiativen und Naturschützern. "Aber mit irgendeinem Material müssen ja Straßen und Häuser gebaut werden."

Auch unter Niederkleener Bürgern haben die Sprengungen Besorgnis ausgelöst. Anwohner befürchten Lärmbelästigung und langfristig Schäden an Gebäuden oder am Kanalsystem. Ralph Lang, Geschäftsführer der Betreiberfirma, versichert, es gebe keine schweren Erschütterungen, zulässige Werte würden eingehalten. Bis 2030 möchte der Betreiber hier Kalkstein abbauen. Das genehmigte Abbauvolumen von 550 000 Tonnen im Jahr wird die Firma wohl nicht ausschöpfen. Die geplante Gesamtmenge für Abbau, Rekultivierung und die beabsichtigte Bodenaufbereitung beläuft sich auf 220 000 Tonnen.

Eichelberger und Frisch haben derweil sämtliche pinkfarbenen Patronen in die Löcher geworfen, 950 Kilogramm an Sprengstoff haben sie verlegt. Nun gehen sie das Plateau nochmal ab und legen die Zündschnur. An jedem Loch ist ein Piepton zu hören, als sie das dünne Kabel jeweils mit einem der 24 elektronischen Zünder verbinden. Mit einem Gerät in der Form eines klobigen Taschenrechners haben sie per Knopfdruck Zugriff auf jedes der Löcher und regeln die Reihenfolge der Sprengungen.

In aller Seelenruhe schütten Eichelberger und Frisch die Löcher mit Sand zu. Der Sprengstoff soll nicht nach oben explodieren, sondern eben das Gestein umwälzen. Kurz nach 11 Uhr wird dann die Landstraße zwischen Niederkleen und Dornholzhausen gesperrt. "Im Umkreis von 300 Metern sichern wir alles ab", sagt Eichelberger. Auch die Bagger, die gerade noch unten im Steinbruch gebrummt haben, sind weg. Stille kehrt ein. Eichelberger beißt in zwei mit Corned Beef belegte Brotscheiben. Sein Kollege holt ein goldfarbenes Horn aus dem Auto. Er bläst hinein und löst einen langen Signalton aus. Es ist das Zeichen, um in Deckung zu gehen.

Es folgen zwei kurze Signale, die die Zündung ankündigen. Und dann hat es Bumm gemacht. Wobei es eher ein Scheppern ist. Als würde ein paar Straßen weiter ein Glascontainer geleert. Eine Erschütterung ist nicht zu spüren. Nach den drei bisherigen Sprengungen habe es keine Beschwerden von Bürgern gegeben, berichtet der Langgönser Bürgermeister.

Eichelberger schaut sich das Plateau derweil nach der Sprengung an. Ganz zufrieden ist er nicht. Im Steinbruch stecke zuviel Lehm und halte das Gestein zu fest zusammen. Auf dem Rückweg hält er inne. "Schon verrückt", sagt er, als er einen Felsbrocken betrachtet und wird philosophisch: "Dass das vor Abermillionen Jahren alles einmal Schalentiere und Korallen waren."

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