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"Ich habe keine Kapazitäten mehr, mich mit Ämtern über unsere Rechte zu streiten", sagt Sarah Thomas, Witwe und alleinerziehende Mutter.

Alleinerziehende Mutter von Zwillingen

Wie eine 32 Jahre alte Langgönserin um ihre Witwen- und Waisenrente kämpft - Demütigende Sprüche

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Zum Trauern ist Sarah Thomas noch nicht gekommen - ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Mannes. Zu zermürbend ist der Kampf mit den Behörden unter anderem um die Witwenrente und die Waisenrente für ihre neun Monate alten Zwillinge. Die 32 Jahre alte Langgönserin wurde mit dem Satz abgespeist: "Normalerweise sind Witwen nicht so jung." Sie hat Vorschläge für Gesetzesänderungen.

An einem regnerischen Mittwoch im November sitzt Sarah Thomas heulend auf ihrem Balkon. Ihre neun Monate alten Zwillinge drinnen sollen die Tränen nicht sehen. Im Mai ist der Mann der 32 Jahre alten Langgönserin an einem Hirntumor gestorben. Zum Trauern ist sie aber bis heute nicht gekommen. Die Tränen, die auf dem Balkon fließen, sind Tränen der Verzweiflung und der Wut. Zu zermürbend ist der nun ein halbes Jahr andauernde Kampf mit den Behörden, unter anderem um Witwen- und Waisenrente. "Man verbraucht seinen letzten Funken Energie", sagt Thomas.

Demütigende Sprüche: "Normalerweise sind die Witwen nicht so jung"

Bis März sei das Elterngeld gesichert, sagt sie. Danach liege vieles im Ungewissen. Sie hat nun einen Anwalt eingeschaltet. "Ich habe keine Kapazitäten mehr, mich mit Ämtern über meine und unsere Rechte zu streiten." Bei jedem Telefonat mit der Deutschen Rentenversicherung, der Beihilfe oder der Krankenkasse "stirbt mein Mann aufs Neue".

Vor sechs Wochen ging ein Anwaltsschreiben an die Rentenversicherung, berichtet die Förderschullehrerin. "Jetzt kam eine Antwort. Darin steht aber nur: Die Bearbeitung nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch. Nach sechs Wochen, da fehlen einem die Worte." Vor allem stört sie, dass sie im Kampf mit der Bürokratie auf Unfreundlichkeit und fehlende Sensibilität stoße. Einmal, erzählt sie, sei sie mit den Worten abgespeist worden: "Normalerweise sind die Witwen nicht so jung."

Sofortige und unbürokratische Hilfe notwendig

Die Langgönserin hat kürzlich der Bundeskanzlerin einen Brief geschickt. Und auch gleich der Familienministerin. "Eigentlich dachte ich, dass es schon schlimm genug ist, dieses Schicksal zu ertragen", hat sie geschrieben. "Aber ich wurde eines Besseren belehrt." Wöchentlich müsse sie mit der deutschen Rentenversicherung telefonieren und betteln, "dass sich nun in meinem Fall etwas bewegt. Und das in einer Situation, die sowieso kaum auszuhalten ist."

Eine Antwort hat sie von der Bundeskanzlerin bislang nicht erhalten. "Aber es soll gar nicht um mein eigenes Schicksal gehen", betont Sarah Thomas. Sie wolle auf ein allgemeines Problem aufmerksam machen. Sie bekomme Elterngeld, kämpfe daher nicht ums Überleben. Außerdem hätten sie und ihr Mann noch in der Zeit seiner schweren Erkrankung Rücklagen gebildet. "Anderen Familien ohne Rücklagen geht es in einer ähnlichen Situation wie uns wesentlich schlechter." Diese seien auf sofortige und unbürokratische Unterstützung angewiesen. Daran mangele es.

Forderung: Anträge müssen vereinfacht werden

"Es muss eine Nothilfe für Familien geben, die einen solchen schweren Schicksalsschlag erleiden müssen", sagt Sarah Thomas. Dabei gehe es nicht nur um finanzielle Hilfe, sondern um Beistand im Alltag und um Beratung im Umgang mit den Behörden, welche Möglichkeiten der Unterstützung es gibt. "Wie soll ein Mensch so eine Geschichte alleine bewältigen? Dies ist unmöglich und treibt jeden auf kurz oder lang in absolute Engpässe."

Die Rentenversicherung zahlt hinterbliebenen Partnern unter bestimmten Umständen drei Monate lang eine Überbrückungshilfe für die Witwenrente, dieser Vorschuss wird später angerechnet. Thomas schlägt per Gesetz die sofortige unbürokratische Auszahlung dieser Überbrückung für jung Verwitwete vor, die Anträge müssten außerdem vereinfacht werden.

Ehrenamtlicher Versicherungshelfer im Einsatz

Sarah Thomas sitzt an einem länglichen Holztisch in ihrem Wohnzimmer in Dornholzhausen. Seit neun Jahren lebt die Förderschullehrerin in Langgöns. Ihr Mann war Wirtschaftsingenieur. Die beiden Kinder krabbeln über den Boden und klettern an einem Sofa in die Höhe, um schließlich schreiend und lachend stehen zu bleiben. Bald werden sie ihre ersten Schritte gehen. Sie könne die Entwicklung ihrer Kinder sehr genießen, sagt sie. Trotz allem. "Sie machen es mir sehr einfach."

Kürzlich hat ein ehrenamtlicher Versicherungshelfer im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung Thomas in Dornholzhausen besucht. Er hat ihr geholfen, Rentenanträge auszufüllen. "Ich musste leider erst Remmidemmi machen, bevor mir diese Hilfe angeboten worden ist." Sie habe in den vergangenen Monaten gelernt, dass es für Menschen in ihrer Situation "mehr Lobby" brauche.

Langgöns: Die ersten Schritte eine Initiative?

Thomas hat ihre Situation auf Instagram geteilt. Innerhalb weniger Tage haben sich 14 Witwen aus allen Teilen Deutschlands bei ihr gemeldet, denen es im Kampf mit den Behörden ähnlich wie ihr geht. "Einige warten seit sieben Monaten, andere seit einem Jahr auf ihre Rentenbescheide." Im Austausch mit anderen Witwen habe sie erfahren, dass man als Alleinerziehender das Elterngeld des verstorbenen Partners mit beantragen kann. "Ich habe dann mit der entsprechenden Stelle telefoniert, die hat mir das bestätigt. Aber warum sagt mir das vorher keiner?" Thomas schüttelt den Kopf. "Ich habe das Gefühl, da steckt System dahinter", sagt sie.

Gemeinsam mit anderen Betroffenen tauscht Thomas auf Instagram nun Tipps und Beistand aus. Es könnten die ersten Schritte einer Initiative sein, die sich für die Belange von Witwen einsetzt. "Dafür ist es noch zu früh", sagt die Langgönserin. "Aber ja, einen solchen Hilfsverein bräuchte es."

Info: Vorschläge für gesetzliche Änderungen

Als Witwe und alleinerziehende Mutter von Zwillingen hält Sarah Thomas gesetzliche Änderungen für notwendig. Für Familien in derartigen Situationen müsse es eine sofortige Nothilfe geben, finanziell und familiär über das Jugendamt geregelt. Diese Hilfe gibt es zum Teil bereits, doch ein Notparagraf sei erforderlich. Anträge für Witwen- und Waisenrente müssten wesentlich schneller bearbeitet werden, sie sollten einfacher formuliert sein.

Thomas schlägt vor, die Waisenrente zu erhöhen. Wenn diese dafür gedacht sei, für das verstorbene Elternteil finanziell einzuspringen, falle sie viel zu gering aus. "Eine Ausbildung kann ich damit nicht bezahlen."

Es fehle an einer Beratung, welche Unterstützung es gibt - wie beispielsweise Ehrenamtliche, die im Auftrag der Rentenversicherung beim Ausfüllen der Anträge helfen. Sarah Thomas ist auf Instagram erreichbar, unter dem Hashtag #verwitwet veröffentlicht sie dort Beiträge. (srs)

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