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Die Kreuzung des Branntweinwegs aus Fahrtrichtung Waldsolms gesehen. Die Anzahl der Abbieger auf der Landesstraße im Bild entspricht nach Schätzung des Bürgermeisters der Zahl derer, die dort täglich links abbiegen.

Espa

Hessen Mobil will eine Linksabbiegespur - Gemeinde: Da biegt niemand ab

  • VonPatrick Dehnhardt
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Seit Jahrzehnten nutzen Pendler aus dem Kleebachtal den Branntweinweg bei Espa als Schleichweg. Damit der Verkehr dort legal rollen kann, müsste die Kreuzung zur Landesstraße nach Butzbach ausgebaut werden.

Am südlichsten Zipfel des Landkreises Gießen spielt sich derzeit eine Posse rund um Schleichverkehr, Vorschriften und eine ungeliebte Linksabbiegerspur ab. Auf der einen Seite stehen die Gemeinde Langgöns, die Ortsbeiräte und Pendler, auf der anderen Seiten das Straßenverkehrsamt Hessen Mobil und Vorschriften.

Doch der Reihe nach: Vor über 50 Jahren wurde Espa der Gemeinde Langgöns und dem Landkreis Gießen zugerechnet. Espa hatte zuvor praktisch keine Verbindungen zum Norden - sowohl sozial als auch verkehrstechnisch - und war über die Entscheidung entsprechend überrascht.

Noch heute fahren die Espaer eher nach Butzbach denn nach Lang-Göns einkaufen. Auch der Landkreis Gießen hat seinen südlichsten Ortsteil noch immer nicht über eine Kreisstraße auf seinem Gebiet angeschlossen. Die Landesstraße an Espa vorbei läuft durch den Lahn-Dill- und den Wetteraukreis, von Cleeberg kommt man nur über einen Ortsverbindungsweg nach Espa.

Dieser Weg hat über die Jahrzehnten eine große Verkehrsbedeutung gewonnen: Mit der steigenden Zahl der Pendler in Richtung Rhein-Main stieg die Zahl der Fahrzeuge aus dem Kleebachtal, die die kürzeste Route nach Butzbach, zum dortigen Bahnhof und zur A5 nutzten.

Dabei rollt der Großteil des Verkehrs nicht durch Espa selbst, sondern westlich davon über einen Feldweg - Branntweinweg genannt -, der nur für den land- und forstwirtschaftlichen Verkehr freigegeben ist. Der Schleichverkehr wird seit Jahrzehnten geduldet: Die Espaer wären schön dumm, wenn sie auf mehr Verkehr durch den schmalen Ortskern bestehen würden - und die Pendler sparen so gut einen Kilometer Strecke. Selbst auf Google-Maps wird die Route angezeigt, wenn man den kürzesten Weg von Cleeberg zum Butzbacher Forsthaus sucht.

Nun gibt es seit vielen Jahrzehnten Bestrebungen, den Branntweinweg in einen offiziellen Ortsverbindungsweg umzuwandeln und so die Nutzung zu legalisieren - was zum Beispiel in Sachen Versicherung bei einem Unfall eine wichtige Rolle spielen könnte. Auch wäre dann der Winterdienst möglich - in den Hochlagen des Taunus durchaus schon bald wieder ein Thema.

Bis zum Sportheim Espa hat die Gemeinde den Weg mittlerweile instand setzen lassen. Nur die Anbindung an die Landesstraße macht Probleme. Denn da es sich trotz 700 Fahrzeugen täglich (Zählung 2018) nur um einen Ortsverbindungsweg handeln würde, müsste die Gemeinde die Kosten für den erforderlichen Ausbau der Kreuzung tragen.

Das Straßenverkehrsamt Hessen Mobil hat sich erst die Kreuzung, dann die Vorschriften angeschaut und kam zu dem Ergebnis, dass nach »RAL 2012« - dabei ist nicht der RAL-Farbton »lachsfarben«, sondern die »Richtlinie für die Anlage von Landesstraßen« gemeint - die Anbindung des Branntweinwegs »den Einbau einer Linksabbiegespur mit entsprechender Verziehungsstrecke, Verzögerungsstrecke und Aufstellstrecke« auf der Landesstraße erfordert. Diese würde zudem im Wetteraukreis liegen.

Der Langgönser Bürgermeister Marius Reusch kommentierte die Notwendigkeit dieser Abbiegespur von Waldsolms kommend vor wenigen Monaten im Parlament mit den Worten: »Da biegen vielleicht zwei Autos im Jahr ab.« Zumal die Kreuzung laut Reusch 860 000 Euro kosten würde. Langgöns will sich zumindest die Kosten für die Linksabbiegerspur sparen.

Die Linksabbiegerspur in den Branntweinweg wäre übrigens die einzige auf der gesamten Landesstraße 3053 zwischen Butzbach und Brandoberndorf. Selbst an der Kreuzung mit dem Abzweig nach Espa, über die der Pendlerverkehr legal laufen müsste, gibt es keine.

Hessen Mobil sagte dazu, dass ein RAL-konformer Umbau bei bestehenden Kreuzungen nur dann notwendig werde, wenn es Auffälligkeiten - etwa Unfallschwerpunkt - oder Leistungsdefizite gebe. Das sei bei Espa nicht der Fall, daher sei ein Umbau nicht notwendig.

Als Butzbach nur wenige hundert Meter entfernt vor einigen Jahren seinen Bestattungswald einrichtete, brauchte die Stadt für den Parkplatz keine Linksabbiegerspur zu bauen. Diese sei nicht notwendig, da ein Friedhof deutlich weniger frequentiert würde, so Hessen Mobil.

Die Situation ist verfahren: Die Gemeinde will die aus ihrer Sicht unnötige Linksabbiegerspur nicht zahlen, Hessen Mobil beharrt auf den Vorschriften. Eine Lösungsmöglichkeit: Der Landkreis »befördert« den Branntweinweg zur Kreisstraße und sorgt so für eine adäquate Verkehrsanbindung seines südlichsten Dorfes auf eigenen Boden. Dann wäre er zuständiger Kostenträger. Zu diesem Vorschlag war allerdings in dieser Woche keine Antwort aus dem Kreishaus erhältlich.

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