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Bisher unbekannte Gräueltat von Polizeimeister

Als Gleisteile durch Langgöns flogen: Zeitzeugen erzählen von Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg

  • vonStefan Schaal
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Ein neues Buch des Hobby-Historikers Werner Reusch gibt bewegende Einblicke in Alltag, Irrsinn und kuriose Erlebnisse der Menschen in Langgöns und Umgebung während des Zweiten Weltkriegs. Bei seinen Recherchen ist Reusch auch auf bisher unbekannte Gräueltaten des berüchtigten Polizeimeisters Heinrich Engel gestoßen.

Wilfried Schmidt ist sechs Jahre alt, als an einem Nachmittag kurz nach 14 Uhr in seiner Straße in Lang-Göns ein zwei Meter langes Stück Bahngleis durch die Luft fliegt. Es streift die Wand seines Elternhauses und schlägt vor der Hofeinfahrt in den Boden ein. Schmidt läuft in Richtung des 350 Meter entfernten Bahnhofs - und sieht Häuser, die in Tausende Einzelteile zusammengefallen sind. »Den Anblick des Trümmerfelds sehe ich bis heute noch genau vor mir«, erzählt er von der Bombardierung auf Lang-Göns am 22. Februar 1945.

Schmidts Schilderungen stehen in einem Buch, das der Hobbyhistoriker Werner Reusch in diesem Monat veröffentlicht. 35 Zeitzeugen aus Langgöns, Linden und Umgebung berichten darin von ihren Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach. Es sind außergewöhnliche, berührende Einblicke in den Alltag dieser Zeit auf dem Dorf und in bisweilen kuriose Erlebnisse der Menschen, ihre Nöte und ihren Umgang mit dem Tod von Angehörigen.

Reusch erzählt beispielsweise von zwei Langgönser Brüdern, die das Schicksal beinahe für einen Augenblick in Russland zusammenführt: Otto Müller bleibt im Sommer 1943 bei Brjansk mit seinem Panzer liegen, 380 Kilometer südwestlich von Moskau. Ein Flugzeug bringt aus Kassel ein Ersatzgetriebe, der Pilot ist Ottos Bruder Wilhelm. »Sie haben sich vor Ort nicht persönlich gesehen«, berichtet Reusch. 2000 Kilometer von der Langgönser Heimat entfernt verpassen sie sich um Haaresbreite, ohne es zu wissen. »Das haben beide erst viel später festgestellt.«

Reusch lässt die Zeitzeugen in seinem Band ausführlich zu Wort kommen und erzählt Geschichte immer wieder in kleinen Geschichten. So kommt beispielsweise Eugen Weber zu Wort, der vom Absturz eines britischen Bombers in einer Nacht im März 1944 auf einem Feld zwischen Cleeberg und Oberkleen berichtet. Nur einer der sieben Insassen überlebte. Weber, damals 16 Jahre alt, und andere Jugendliche aus Cleeberg durchstöberten am Morgen darauf das Feld nach Wrackteilen. Er fand eine Leuchtpistole mit Patronen. »Mein Entschluss hat sofort festgestanden. Die Pistole musste ausprobiert werden.« Weber lief auf den nahe gelegenen Heideberg und schoss mehrere Signalpatronen in die Luft. »Das Spektakel ist natürlich im Dorf gesehen worden.« Er habe die Pistole sofort abgeben müssen, »ich bin für diesen Scherz zum Glück nicht bestraft worden.«

Reusch berichtet vom Irrsinn dieser Zeit, als in den letzten Kriegstagen Kinder eingezogen wurden. »Ein 13 Jahre alter Junge wurde noch auf dem Weg zum Volkssturmlager notkonfirmiert.«

Hildegard Wissig von der einstigen Betreiberfamilie der Gaststätte »Zum Gambrinus« erzählt derweil, wie 1940 französische Kriegsgefangene nachts heimlich durch ein Schlupfloch in das Lokal eingedrungen sind, »um Kontakte mit liebeshungrigen Langgönser Mädchen zu pflegen«.

Lesenswert sind die Schilderungen Wilhelm Müllers von seinen Einsätzen als Flieger in Stalingrad. Einer seiner letzten Flüge sei dort im Januar 1943 gewesen. »Es war bitter kalt«, die Maschine hatte Kufen statt Räder. Das Flugzeug konnte nur etwa 20 Verwundete mitnehmen. »Beim Start haben sich übrige verletze Soldaten in ihrer Verzweiflung an den Kufen festgehalten.« Müller musste auf Befehl starten. »Die Soldaten sind in die Tiefe gefallen, andere durch die Propeller des Flugzeugs zu Tode gekommen.« Innerhalb der Familie habe er ungern über die damaligen Ereignisse gesprochen, berichten seine Kinder in dem Buch. »Wollte aus seinem Familienumfeld jemand mehr wissen, war stets seine Antwort: Fragt mich nicht.«

Bei seinen Recherchen ist Reusch auf bisher unbekannte Gräueltaten des Großen-Lindener Polizeimeisters Heinrich Engel gestoßen. Bekannt ist, dass Engel Zwangsarbeiter drangsalierte und im März 1945 drei US-Soldaten an der Niederkleener Straße erschoss. In Reuschs neuem Band berichtet Karin Arnold aus Leihgestern, dass Engel auch ihren Großvater Heinrich Müller getötet hat. Ihr Opa habe Anfang Dezember 1944 vor einigen Leuten über Mitglieder der NSDAP geschimpft. »Es sind nicht genug Bäume an der Straße zur Rindsmühle hinunter, damit man sie alle aufhängen kann«, habe er gesagt. Engel habe ihn kurz darauf verhaftet, sei mit ihm Richtung Gießen gelaufen »und hat ihn auf diesem Weg im Wald von vorne erschossen.«

Es ist der inzwischen dritte Band, in dem Reusch in dieser Form Berichte von Zeitzeugen über die Geschichte von Langgöns und zum Flugplatz Kirch-Göns, dem Magnapark und der Ayers-Kaserne herausgibt. »Menschen erzählen mir ihre Lebensgeschichten«, sagt er. Und er stehe in der Pflicht, diese Berichte aufzuschreiben und zu sammeln. In wenigen Jahren werde es zu den Jahren des Zweiten Weltkriegs keine Zeitzeugen mehr geben. »Wenn ich die Lebensgeschichten jetzt nicht sammle, ist es irgendwann zu spät.«

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