Der Dachboden des Alten Rathauses. FOTO: ARCHIV STAHL
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Der Dachboden des Alten Rathauses. FOTO: ARCHIV STAHL

Als der Gemeinderat gegen eine Toilette war

  • vonPatrick Dehnhardt
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Langgöns(pad). Das Alte Rathaus in Oberkleen wurde 2018 und 2019 umfassend saniert. Der Heimat- und Geschichtsverein Oberkleen widmet dem markanten Gebäude nun eine eigene Broschüre.

Hans-Gerhard Stahl beschreibt darin nicht nur die Geschichte des Gebäudes, sondern setzt es auch mit der Dorfgeschichte in Kontext.

Silberabbau in Espa

Im Jahre 1562 wurde bei Oberkleen die Schmelz-Hütte gebaut. 1574 entstand das Amtshaus in Cleeberg, 1582 wurde das Oberkleener Rathaus errichtet. "Diese drei Bauprojekte waren für das Amt Cleeberg von großer wirtschaftlicher Bedeutung", sagt Stahl.

Damals ging es zumindest dem Klerus gut: Im späten 15. Jahrhundert wurde das Abendmahlgeschirr der evangelischen Kirche Oberkleen aus Silber angefertigt. "Allein die Existenz eines solch wertvollen Kunstgegenstandes lässt auf wirtschaftliche Stärke schließen - zumindest unter den geistlich Herrschenden." Ob das Material für Kelch und Patene sogar aus der Region stammen, ist nicht bekannt. "Möglich wäre es, da im Silberbergwerk in Espa/Cleeberg Silber abgebaut wurde", sagt Stahl.

Das Rathaus war Mittelpunkt des Dorfgeschehens, zudem der einzige Versammlungssaal in der Gemeinde. Stahl listet in der Broschüre Auszüge aus der Dorfchronik auf, die mit dem Rathaus in Verbindung stehen. Kurios wirkt dabei ein Bericht aus dem Jahr 1914. Damals lehnte der Gemeinderat den Einbau einer "Abort- und Pissoiranlage" im Rathaus ab.

Die Königliche Regierung in Koblenz hatte auf diese gedrängt, damit Kinder, die im Rathaus unterrichtet wurden, auf Toilette gehen könnten. Der Gemeinderat sah darin jedoch eine Gefahr für das "altehrwürdige Fachwerk". Stattdessen sollten die Kinder bei den unmittelbaren Nachbarn des Rathauses auf Toilette gehen können.

1921/1922 diente der Rathaussaal einmal mehr als Klassenzimmer, da die beiden Unterrichtsräume in der Volksschule nicht ausreichten, um die über 100 Schüler zu unterrichten. Anfang der 1930er Jahre wurde die ländliche Berufsschule für Mädchen eingerichtet, die später auch für Jungen geöffnet wurde.

Der Unterricht für Schüler aus Oberkleen, Niederkleen, Ebersgöns und Cleeberg fand bis Kriegsende im Rathaussaal statt. Von 1949 bis 1953 beherbergte der Fachwerkbau eine Außenstelle der Landwirtschaftlichen Kreisberufsschule Wetzlar.

Zur Geschichte des Alten Rathauses gehört auch die Nutzung durch die Vogel- und Naturschutzgruppe Kleenheim. Von 1980 bis 1984 leistete sie rund 9000 ehrenamtliche Arbeitsstunden, um das Rathaus ab 1984 als Vereinsheim nutzen zu können.

2018 und 2019 wurde das Rathaus umfassend saniert. Mittlerweile beherbergt es ein Trauzimmer. Die Broschüre enthält aus der Sanierungszeit zahlreiche Aufnahmen.

Die Schrift zum Rathaus kostet 15 Euro, für Vereinsmitglieder die Hälfte. Sie kann bei Dr. Kurt Hanika (0 64 47/68 13) und Hans-Gerhard Stahl (0 64 47/88 051) sowie auch über die Internetseite www.stahl-hg.de/Publikationen/ Weitere bestellt werden.

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