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Seine Leidenschaft für den FC. St. Pauli passt gut zur Mitgliedschaft bei der Bruderschaft, sagt Garbiel Pracht.

Freimaurer: "Wir opfern keine Jungfrauen"

(chh). Opferungen, Okkultismus, wilde Orgien. Und natürlich das Streben nach der Weltherrschaft. Freimaurern wird vieles nachgesagt. Wir haben einen getroffen. Gabriel Pracht hat den Grad eines Meisters und ist Sekretär der Loge "Ludewig zur Treue" in Gießen. Mit uns hat der Langgönser über den großen Baumeister aller Welten, Verschwörungen und die Bedeutung von Whatsapp für den Geheimbund gesprochen.

Ein herrschaftliches Haus mit englischem Garten? Geheimnisvolle Ornamente in der Fassade? Wird ein gut situierter Herr die Holzpforte öffnen? Nein. Gabriel Pracht passt so gar nicht in das Bild, das Außenstehende von einem Freimaurer haben. Der 41-Jährige trägt Jeans und kariertes Hemd, seine Villa entpuppt sich als Single-Wohnung im Norden Langgöns. Statt eines opulenten Kronleuchters schmückt eine Totenkopf-Flagge des Fußballclubs St. Pauli sein Wohnzimmer. Freibeuter statt Freimaurer? Nein. Gabriel ist wirklich Mitglied der Bruderschaft. Sein Siegelring verrät ihn.

Hand aufs Herz: Wollen Sie die Weltherrschaft an sich reißen?

Gabriel Pracht : (lacht): Absolut nicht, auch wenn uns das häufig nachgesagt wird. Wir haben fünf Ideale: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Menschenliebe und Toleranz. Das steht im Widerspruch zu einer geplanten neuen Weltordnung.

Somit sind die Freimaurer auch nicht für das "sehende Auge" auf der Dollarnote verantwortlich?

Pracht: Eine weitere Verschwörungstheorie, die nicht stimmt. Das "sehende Auge" ist ein uraltes christliches Symbol, Sie finden es auch im Aachener Dom. Viele unserer Symbole sind dem Christentum entnommen.

Realität oder Fiktion? Eine der ältesten Verschwörungstheorien besagt, die Regierung der USA werde von Freimaurern kontrolliert. Ein Indiz sei, dass mit der Pyramide und dem allsehenden Auge zwei Freimaurer-Symbole auf dem Dollar-Schein zu sehen sind. Tatsächlich waren die Gründerväter George Washington und Benjamin Franklin Freimaurer. Auch viele Präsidenten wie Abraham Lincoln und Theodore Roosevelt waren Mitglieder der Bruderschaft.

Warum gibt es so viele Theorien?

Pracht: Weil wir unsere Rituale nicht preisgeben. Wir hüten unser Arkanum, also unsere Geheimnisse. Wenn man etwas im Geheimen macht, wirkt es schnell obskur. Dann fängt das Spekulieren an.

Warum dann die Geheimniskrämerei?

Pracht: Zum einen, weil wir so in der Loge alle Themen ansprechen können. Der Sinn besteht darin, auch Meinungen zu hören, die nicht alltäglich sind. Die Loge ist ein geschützter Raum, in dem man sich ausprobieren kann. Zum anderen dient die Verschwiegenheit dem Schutz. Einige Brüder wollen nicht, dass ihre Mitgliedschaft bekannt wird. Sie befürchten, es könnte ihnen Nachteile bringen, zum Beispiel, wenn sie einen streng katholischen Arbeitgeber haben.

Die Kirche hat ein Problem mit Ihnen?

Pracht: Besonders die katholische. Sie stellt einen Alleinvertretungsanspruch, was den Glauben angeht. Bei den Freimaurern ist eine Voraussetzung, an ein höheres Wesen zu glauben. Wir nennen es den großen Baumeister aller Welten. Wie man dieses Symbol ausfüllt, ist jedem selbst überlassen. Wir haben viele Christen, für sie ist ihr Gott der Baumeister. Für die Muslime ist es Allah. Es gibt aber auch Freimaurer, die nicht an einen kirchlichen Gott glauben.

Bringt die Mitgliedschaft Vorteile?

Pracht: Jedenfalls keine beruflichen. Ich werde nicht schneller befördert oder verdiene mehr. Persönlich hat es mir aber viel gebracht. Ich nehme die Welt anders wahr, und wenn es nur die frische Luft am morgen ist. Außerdem bin ich toleranter geworden.

Blutige Rituale, geopferte Jungfrauen, Orgien, Männer, die aus Totenköpfen Rotwein trinken: Dan Brown hat mit seinen Büchern viel zum okkulten Mythos der Freimaurer beigetragen – und den Logen somit einen großen Zulauf beschert. Das Interesse sei in den vergangenen Jahren stark gestiegen, sagt auch Pracht. Er selbst habe die Bücher aber nicht gelesen.

Wie sind Sie zu den Freimaurern gestoßen?

Pracht: Ich bin Finanzbeamter, da hat man nur mit Vorschriften und Gesetzen zu tun. Mir fehlte das Menschliche. Im Internet bin ich dann 2012 auf die Freimaurer gestoßen.

... und haben einfach angerufen und nach einen Termin gefragt?

Pracht: Ich habe eine E-Mail geschickt. Zuerst führt man ein Kennenlerngespräch. Wenn das positiv verläuft, wird man zum Gästeabend eingeladen. Nach einem Jahr kann der Suchende fragen, ob er aufgenommen wird.

Und dann steht das geheimnisvolle Aufnahmeritual an. Wie läuft das ab?

Pracht: Das darf ich nicht verraten.

Ein bisschen vielleicht?

Pracht: Wie bei all unseren Tempelarbeiten, also Treffen, gibt es ein Wechselgespräch mit dem Meister vom Stuhl. Dann werden symbolische Reisen durch Gefahren durchgeführt.

Das klingt kryptisch...

Pracht: Es ist etwas nicht Alltägliches, jeder erlebt das Ritual anders. Auch, wenn wir nichts mit Religion am Hut haben, kann man es vage mit einem Gottesdienst vergleichen. Mit Musik und Kerzen. Manchmal gibt es Vorträge mit anschließender Diskussion. Nichts obskures, wir opfern keine Jungfrauen oder so.

Politik ist tabu?

Pracht: Parteipolitik ja. Aber Tagespolitik darf nicht fehlen. Das ist schließlich das, was uns tagtäglich beschäftigt. Ich erinnere mich, dass bei meinem ersten Gastbesuch über Sterbehilfe referiert worden ist. Das Flüchtlingsdrama wird natürlich auch diskutiert.

Frauen sind allerdings nicht erwünscht...

Pracht: Es gibt Frauenlogen und gemischte Logen. Wir sind aber eine Loge nur für Männer. Ich finde das gut so. Das soll keine Abwertung gegenüber Frauen sein, aber Männer reden anders, wenn sie unter sich sind.

Tragen Sie bei ihren Treffen Kutten?

Pracht: Nein. Bei Gästeabenden und brüderlichen Gesprächen tragen wir Straßenkleidung, bei unseren rituellen Veranstaltungen einen schwarzen Anzug, weißes Hemd, weiße Krawatte, weiße Handschuhe und freimaurerische Bekleidung. Also ein Abzeichen, auch Bijou genannt, und einen Schurz. An dieser Bauchbinde kann man auch zwischen Lehrling, Geselle und Meister unterscheiden.

Einen Moment, sagt Pracht und verschwindet im Nebenzimmer. Wenig später kehrt er mit einer Tasche zurück und zeigt seine Handschuhe und Orden. Für das Foto will er sie nicht anlegen, das sei nur in der Loge gestattet. Dann klingelt das Telefon. Es ist ein Freimaurer-Bruder. Pracht verspricht, später zurückzurufen.

Sind Freimaurer auch privat befreundet?

Pracht: Natürlich. Wir sind ganz normale Menschen. Wir führen nichts Böses im Schilde. Wir haben auch eine Whatsapp-Gruppe und sprechen darin über ganz normale Sachen. Zum Beispiel Fußball.

Apropos: Sie haben eine St.-Pauli-Fahne an der Wand hängen...

Pracht: Ja, das passt.. Dort herrscht auch eine enge Gemeinschaft, die sich für Freiheit, Menschenliebe und besonders für Toleranz einsetzt. Genauso wie wir Freimaurer.

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