"Döner ist das beste Fast Food", sagt Ilyas Akdemir. 600 Tonnen Dönerfleisch verlassen jeden Monat seine Fabrik in Polen.
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"Döner ist das beste Fast Food", sagt Ilyas Akdemir. 600 Tonnen Dönerfleisch verlassen jeden Monat seine Fabrik in Polen. 

2500 Spieße am Tag

Vom Flüchtlingskind zum europäischen Döner-König - Junge aus Langgöns mit Erfolgsgeschichte

  • vonStefan Schaal
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Ilyas Akdemir produziert in einer riesigen Fabrik in Polen jeden Tag 2500 Dönerspieße. Angefangen hat seine Erfolgsgeschichte als Flüchtlingskind in einem Klassenzimmer der Grundschule in Langgöns.

Langgöns - Mit Bauchschmerzen und pochendem Herzen betritt Ilyas Ademir ein Klassenzimmer der Grundschule in Lang-Göns. Es ist ein Morgen im Spätsommer 1981. Er ist ein aramäisches Flüchtlingskind aus der Türkei und spricht kaum Deutsch. "Wie werde ich von den anderen Kindern aufgenommen?", fragt er sich in diesem Augenblick. Dass ihn schon bald alle nur noch "Illi" nennen, kann er da noch nicht ahnen.

Fast vierzig Jahre liegt dieser Moment zurück, als Akdemir in Lang-Göns in diesem Raum der zweiten Klasse stand und seinen Mitschülern vorgestellt wurde. "Alles war fremd", sagt er. Heute blickt er auf eine Erfolgsgeschichte zurück. Er ist inzwischen einer der größten Dönerfleischproduzenten Europas.

In seiner Fabrik "BestKebab" im polnischen Dorf Lisowice stellen 300 Mitarbeiter jeden Tag 2500 Dönerspieße her. "Monatlich sind es 600 Tonnen Fleisch", sagt Akdemir.

Döner-Fabrikant: "Was für ein Leben, was für ein Weg"

Der Chefredakteur des Zeit-Magazins, Christoph Amend, hat im vergangenen Jahr ein Buch mit dem Titel "Wie geht’s dir, Deutschland?" veröffentlicht. Er ist durch das ganze Land gereist, um in Gesprächen herauszufinden, was die Menschen bewegt und wie sie den Zustand Deutschlands einschätzen. Ein Kapitel widmet der Journalist Ilyas Akdemir. Die beiden sind seit ihrer Kindheit befreundet. Auch Amend saß damals im Sommer 1981 in diesem Klassenzimmer in Lang-Göns, an Akdemirs erstem Schultag. Über seinen Freund schreibt Amend in dem Buch: "Was für ein Leben, was für ein Weg".

llyas Akdemir

Dass Akdemir einmal ein erfolgreicher Geschäftsmann werden würde, der in Polen operiert, war in dessen Kindheit sicher nicht abzusehen. Die ersten fünf Jahre seines Lebens verbrachte er mit seinen Eltern und sieben Geschwistern in Mardin im Südosten der Türkei nahe der Grenze zu Syrien. "Wir haben zuhause nur arabisch gesprochen", sagt er. In Deutschland sei er häufig der Türke genannt worden. "Aber die türkische Sprache habe ich tatsächlich erst in Deutschland gelernt."

Träume von Einsätzen in deutscher Nationalmannschaft

Vor dem Hintergrund von Diskriminierungen flüchtete die aramäische Familie Anfang der 80er Jahre aus der Türkei. In Deutschland kamen sie zunächst nach Ochsenfurt. Weil eine Kusine in Gießen lebte, zogen sie nach Mittelhessen. Nach Langgöns.

Denkt Akdemir an seine Kindheit, fällt ihm der Fußballplatz in Lang-Göns ein. Er war ein guter Fußballer, spielte als Libero für den TSV Lang-Göns "Wenn Spiele auf Messers Schneide gestanden haben, bin ich mit nach vorne marschiert." Akdemir schaffte es auch in die Hessenauswahl und träumte von Einsätzen in der Nationalmannschaft. Der deutschen wohlgemerkt. Im Jugendbereich sei er nah an einem Spiel in der U17 gewesen. Eine Verletzung habe verhindert, im weißen Deutschland-Trikot aufzulaufen.

Langgönser wird zum Döner-König: 2007 geht er aufs Ganze

Akdemir machte in Gießen sein Fachabitur und zog dann zu seinen älteren Brüdern nach Bebra, die dort ein Restaurant führten. Eine Fotografenlehre brach er ab. Danach begann er, mehrere Döner-Restaurants einzurichten. Im Jahr 2000 übernahm er die Leitung eines Hotels im Hunsrück. "Ich habe 15 Stunden am Tag gearbeitet und war von meiner Familie getrennt." Und so reifte der Entschluss, aufs Ganze zu gehen: 2007 gründeten er und seine Brüder auf einem 13 Hektar großen Gelände in Polen eine Dönerfabrik. Hähnchen- und Putenkeulen sowie Kalbfleisch werden dort zerlegt und zu Dönerspießen geformt. Jeden Tag werden dort außerdem fünf Tonnen Kebab gebraten, geschnitten, vakuumiert und eingefroren.

Auf dem Gelände hat Akdemir ein Hotel gebaut. "Für Mitarbeiter zum Beispiel aus der Ukraine", sagt er. Derzeit plant er den Bau einer weiteren Fabrik, dort sollen Schweinebäuche und Rippchen zu Gyros verarbeitet werden. "In skandinavischen Ländern ist die Nachfrage sehr groß."

Angst trotz idyllischer Kindheit

Im Gespräch werden bei Akdemir Erinnerungen an die Kindheit in Langgöns wach. "Wir waren mit Freunden viel im Wald unterwegs, wir haben kleine Holzhütten gebaut", berichtet der 45-Jährige, der damals mit seiner Familie im Ahornweg wohnte. Auch durch den Sport, durch den Fußball schloss er viele Freundschaften. Er sei sehr bald zum Klassensprecher gewählt worden, "weil ich mich für meine Mitschüler mit den Lehrern angelegt habe." 

Wer sich mit ihm unterhält, entdeckt auch sehr viel Selbstbewusstsein. "Egal was ich künstlerisch angepackt habe" sagt er. "Es musste alles außergewöhnlich und anders sein." Und präzise. "Das ist bis heute in meinem Leben drin. Das ist eine Begabung."

Akdemir wuchs in dörflicher Idylle auf. Bisweilen verspürte er aber auch Angst. Das Asylverfahren schleppte sich über Jahre, er musste jahrelang auf Papiere warten. "Ich habe mich dafür geschämt", erzählt er. "Ich wusste lange nicht, ob ich eine Ausbildung machen darf." Den Kreis Gießen habe er ohne Erlaubnis nicht verlassen dürfen. "Ich bin trotzdem immer wieder heimlich nach Frankfurt." Die Angst habe er für sich behalten.

Erinnerungen an Lehrer Beppi Mohr

Akdemir blickt auf eine Erfolgsgeschichte, weil er auch einen guten Start in Langgöns hatte. Wird er auf einen besonderen Menschen aus seiner Kindheit angesprochen, gerät er ins Schwärmen. Beppi Mohr, der Grundschullehrer, "das war wie ein Ziehvater für mich." Mohr habe das richtige Gefühl für den Umgang mit Kindern gehabt, voller Empathie und immer geradlinig. "Für mich war er zwei Meter groß." Immer wieder habe ihm sein Lehrer gesagt: "Du hast Talent. Mach was aus dir." Aus Dank habe Akdemir ihm eine Gitarre mit einem Herzen gebastelt. Zehn Jahre nach der Schulzeit habe er Mohr einmal zuhause besucht. Die Gitarre hing dort an der Wand, darunter zwei Fotos von Akdemir.

Nach Langgöns kommt er nur noch selten. Dieses Jahr wird es aber soweit sein. Mit seinen Klassenkameraden von damals will er die Grundschulzeit vor 40 Jahren feiern. Mit organisiert wird die Feier von "Illi", von Ilyas Akdemir.

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