Seine Hände in ihre legen: Kleine und doch bedeutsame Selbstverständlichkeiten sind derzeit zum Schutz vor der Pandemie in Pflegeheimen untersagt.	FOTO: DPA
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Seine Hände in ihre legen: Kleine und doch bedeutsame Selbstverständlichkeiten sind derzeit zum Schutz vor der Pandemie in Pflegeheimen untersagt.

Negativer Corona-Test erforderlich

Weihnachten ohne ihren Mann? Seniorin aus Linden sucht verzweifelt nach Corona-Test

  • vonStefan Schaal
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Nach 49 Jahren Ehe wird eine Seniorin in Linden das Weihnachtsfest wohl zum ersten Mal alleine verbringen. Um ihren Mann im Pflegeheim zu besuchen, müsste sie einen negativen Corona-Test vorlegen, der maximal 48 Stunden alt ist.

Linden/Langgöns – Nur eine Berührung. Ein zartes Streichen über die Wange ihres Ehemanns. Seine Hände in ihre legen. Kleine und doch bedeutsame Selbstverständlichkeiten, die in diesen Tagen Hiltrud Schmidt ( Name von der Redaktion geändert ) wie anderen Besuchern in Pflegeheimen untersagt sind. Zum Schutz vor der Pandemie.

Bis Frühjahr dieses Jahres hat die in Leihgestern lebende Schmidt ihren Mann jeden Tag im zweiten Obergeschoss des Seniorenzentrums der AWO in Langgöns, im »Heinz-Ulm-Haus«, besucht. Seit inzwischen siebeneinhalb Jahren, seitdem ihr Mann einen Schlaganfall erlitten hatte und in dem Pflegeheim untergekommen war. Die 79 Jahre alte Lindenerin bringt ihm bei Besuchen die Gießener Allgemeine Zeitung vorbei, sie erzählt ihm von ihrem Tag. Ihr Ehemann ist auf der rechten Seite gelähmt und kann aufgrund des Schlaganfalls nicht sprechen, er kommuniziert über Laute und kleine Gesten. »Er ist geistig voll auf der Höhe«, sagt Schmidt. »Manchmal schaut er aus dem Fenster und macht mich zum Beispiel begeistert auf einen Schwarm Vögel draußen aufmerksam.« Gerade aufgrund der Unfähigkeit ihres Mannes, zu sprechen, seien kleine Berührungen unheimlich wichtig.

Weihnachten im Pflegeheim: Test darf maximal nur 48 Stunden alt sein

Im Frühjahr aber kam es wegen Corona zu weitgehenden Kontaktbeschränkungen, das Langgönser Pflegeheim wurde für Besucher geschlossen. »Das war schlimm«, sagt Schmidt. Ihre Schilderungen machen darauf aufmerksam, wie sehr das Virus und die Maßnahmen gegen die Ausbreitung Menschen insbesondere in Pflegeheimen und deren Angehörige getroffen hat. Sie selbst komme gut mit der Situation zurecht, erzählt die Lindenerin. »Aber mein Mann hat allein auf seinem Zimmer gelegen, ich durfte ihn leider nicht besuchen.«

Seit 49 Jahren sind Schmidt und ihr Mann verheiratet. Nichts hat sie bisher voneinander trennen können, auch nicht der folgenschwere Schlaganfall. Bis Corona kam.

Im Frühjahr, in der Zeit des Besuchsverbots und der Kontaktbeschränkungen, sucht Schmidt nach kreativen Wegen, um ihren 85 Jahre alten Mann zumindest für einen Augenblick zu sehen. An einem Nachmittag dringt sie in den Garten des Seniorenzentrums vor. Mit einer Pflegerin, erzählt sie, habe sie abgesprochen, dass diese ihren Mann um 15:30 Uhr im Rollstuhl an ein Fenster schiebt. »Das wurde aber verhindert«, berichtet sie. »Die Heimleitung hat mich aufgefordert, die Anlage zu verlassen.« Wenig später, während einer Essenspause im Speisesaal, kommt es dann doch zum Wiedersehen. Ein Pfleger rollt Schmidts Mann zu einem Erkerfenster. Draußen steht die Lindenerin, lacht auf und winkt.

Zuletzt durfte Schmidt ihren Mann wieder zweimal in der Woche besuchen, mit Voranmeldung. Ihre Stimme wird indes lauter, als sie vom bevorstehenden Weihnachtsfest erzählt. Sie habe einen Anruf vom Pflegeheim bekommen, berichtet sie. Sie dürfe ihren Mann nur mit einem negativen Corona-Test besuchen. Dieser dürfe maximal 48 Stunden alt sein. Ein Besuchstermin im Seniorenzentrum am zweiten Weihnachtsfeiertag steht daher nun auf der Kippe. »Mein Hausarzt könnte einen Test durchführen«, sagt Schmidt. »Aber das Ergebnis könnte er mir erst am 4. Januar vorlegen.«

Weihnachten im Pflegeheim: Wenig Hoffnung auf Besuch bei Ehemann

Die Lindenerin hat weitere Ärzte angerufen, bisher ohne Erfolg. »Die meisten sind schon im Urlaub.« In der Apotheke in Großen-Linden hat sie außerdem nachgefragt, ob sie dort einen Test kaufen könnte. »Nicht an Privatpersonen«, lautete die Antwort.

Die Leiterin des Langgönser Seniorenzentrums, Regina Landau, bittet um Verständnis für die Vorkehrungen. Ein negativer Test als Voraussetzung für einen Besuch im Pflegeheim sei in einer Allgemeinverfügung des Landes bestimmt. »Wir können die Tests nicht selbst durchführen«, sagt Landau. »Dafür fehlt uns schlicht das Personal.«

Dass es in dem Seniorenzentrum bisher keinen Corona-Fall gegeben hat, sei auch darauf zurückzuführen, dass man sich streng an die Regeln halte. Es sind nachvollziehbare Argumente in Zeiten, in denen das Virus in Pflegeheimen auch im Kreisgebiet schwer wütet. Es gehe darum, das Seniorenzentrum und die Bewohner zu schützen, erklärt Landau.

Schmidt könnte ihren Mann über die Feiertage auch nach Hause bringen lassen. Der anschließende Aufwand wäre allerdings sehr groß. Angehörige sind dann verpflichtet, dass die Senioren mit einem negativen Corona-Test zurückkommen, nach dem Test drohen Bewohnern von Pflegeheimen außerdem 14 Tage Quarantäne und Isolation. Schmidt hat die Hoffnung, ihren Mann an Weihnachten zu sehen, weitgehend aufgegeben. »Ich habe ihm schon gesagt«, erzählt sie, »dass ich vermutlich nicht kommen werde.«

Test an Heiligabend?

Für die 79 Jahre alte Seniorin in Linden wäre ein negativer Corona-Test erforderlich, um ihren Mann am zweiten Weihnachtsfeiertag im Pflegeheim zu besuchen. Ein Schnelltest wäre ausreichend, erklärt die Heimleitung. Wer Hilfe anbietet, kann sich an diese Zeitung wenden: kreisredaktion@giessener-allgemeine.de.

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