_162406_4c_1
+
Der Brand eines Industriegebäudes in Oberkleen war einer der größten Einsätze der Feuerwehr im vergangenen Jahr.

Feuerwehr

Dank Quereinsteigern: Mitgliederrückgang bei den Feuerwehren vorerst gestoppt

  • VonPatrick Dehnhardt
    schließen

Gute Nachrichten von den Feuerwehren im Kreis: Nach Jahren des Rückgangs sind die Zahlen der Einsatzkräfte seit 2018 konstant, sagt Kreisbrandinspektor Binsch. Auch Corona hat an dem Trend nichts geändert. Aufgrund der Pandemie mussten die Wehren 2020 zu weniger Einsätzen ausrücken.

Die Feuerwehren befinden sich im Wandel. Das ist keine ganz neue Erkenntnis. Und doch verdeutlichen die Zahlen, die Mario Binsch präsentiert, den immer noch währenden Trend. Gab es einst 106 Einsatzabteilungen im Landkreis, sind es derzeit noch 93 - und die Zahl werde weiter sinken, erzählt der Kreisbrandinspektor. Dieses Jahr etwa werden vier Abteilungen zur Feuerwehr Biebertal-Mitte fusionieren, in Lehnheim und Stangenrod gibt es Pläne für einen Zusammenschluss. Teils würden sich Wehren zusammenschließen, um Kosten beim Bau eines Feuerwehrhauses zu sparen, sagt Binsch. Teilweise auch, um durch mehr Personal schlagkräftiger zu werden.

Es ist eine der Entwicklungen, die er hervorhebt, als es um die Bilanz der vergangenen eineinhalb Corona-Jahre geht. Eine Zeit, die auch auf die Feuerwehren im Landkreis erheblichen Einfluss hatte.

Das Thema Personal ist für Binsch das wohl erfreulichste in diesem Zeitraum. Klagten die Wehren noch bis vor vier Jahren über einen teils massiven Rückgang ihrer Einsatzkräfte von 3050 im Jahr 2008 auf 2785 zehn Jahre später, so scheint diese Entwicklung gestoppt. Seit 2018 sei die Mitgliederzahl in den Einsatzabteilungen konstant, sagt Binsch. Auch Corona tat dem keinen Abbruch. Im vergangenen Jahr zählte der Kreisfeuerwehrverband 2776 Mitglieder in den Einsatzabteilungen, davon 15 Prozent Frauen.

Allerdings hat die Jugendfeuerwehr als Quelle für neue Feuerwehrleute an Bedeutung eingebüßt: Von 216 Neueintritten in die Einsatzabteilungen kamen nur 58 aus dem eigenen Nachwuchs, beim Rest handelt es sich um Quereinsteiger. Dass sich die Corona-Zeit mit ihren Lockdowns wohl vor allem auf die Mini- und Jugendfeuerwehren ausgewirkt hat, ist daher eine naheliegende Vermutung. Wer bleibt schon bei der Stange, wenn Treffen höchstens noch virtuell stattfinden. Binsch aber möchte das so nicht betätigen. Er sagt: »Ich vermute, dass sich bei den Jugend- und Kinderfeuerwehren keine großen Lücken auftun werden.« Genaueres wisse man aber erst, wenn es auch bei den Minis wieder richtig losgeht.

Homeoffice kommt Feuerwehr zugute

Weit belastbarer sind dagegen andere Daten, und zwar die zu den Einsatzzahlen. Wenn man so will hat die Pandemie diesbezüglich gar positive Effekte. Insgesamt gab es 2020 in Stadt und Kreis 17 Prozent weniger Einsätze. Das lag zwar auch daran, dass es etliche Veranstaltungen ausfielen und somit die Zahl der sogenannten Brandsicherheitsdienste deutlich nach unten ging. Aber, so Binsch, man habe auch zu weniger Verkehrsunfällen ausrücken müssen, und Brände wurden früher bemerkt, da mehr Menschen zu Hause waren. Der Vergleich mit den Werten des Vorjahres macht das deutlich. Rückten die Feuerwehren im Landkreis Gießen 2019 noch zu 3823 Einsätzen aus, waren es im vergangenen Jahr nur 3184 Einsätze. Die Zahl der Brände sank von 1207 auf 1160. Dabei entfiel ein Großteil auf Kleinstbrände - etwa in Flammen stehende Mülltonnen sowie ausgelöste Brandmeldeanlagen.

Doch wenn Sirene und Melder losgingen, standen aufgrund von Kurzarbeit und Homeoffice gerade tagsüber deutlich mehr Feuerwehrkräfte als in Vor-Pandemiezeiten zur Verfügung. Da rund 65 Prozent aller Einsätze in die Zeit von 6 bis 18 Uhr fallen, »haben wir davon deutlich profitiert«, sagt Binsch.

Betreuungsfahrzeug bald im Einsatz

Nun ist der Feuerwehralltag das eine, Kreisbrandinspektor Binsch aber hat auch »besondere Lagen« im Blick, wie er es nennt, auf die es sich vorzubereiten gilt. Das Waldbrandrisiko etwa, auch wenn es nach Binsch’ Einschätzung im Landkreis recht gering ist. Nur die Wälder bei Linden und Fernwald böten mehr Gefahrenpotenzial. Die Freiwillige Feuerwehr Fernwald ist daher auf Wald- und Flächenbrände spezialisiert, die Ausrüstung wurde für solche Szenarien weiter ergänzt, erzählt er. Zudem ist festgelegt, welche Feuerwehren in diesem Fall überörtlich unterstützen würden.

Mindestens ebenso wichtig erachtet Binsch ein anderes Thema, im Feuerwehr-Sprech nur kurz ManV genannt. Ein Massenanfall an Verletzten. Dieser kann etwa nach einer Massenkarambolage auf der Autobahn oder einem Schulbusunfall eintreten. Für Einsätze mit bis zu 1000 Verletzten liegen die Pläne in der Schublade, welche Rettungskräfte aus welchen Regionen Hessens als Unterstützung angefordert werden würden. Um bei solchen Gemengelagen, aber auch dann, wenn etwa ein Mehrfamilienhaus aufgrund eines Brandes geräumt werden muss, Menschen nicht auf der Straße stehen zu lassen, hat das Deutsche Rote Kreuz jüngst einen ausgedienten Linienbus für den Katastrophenschutz gekauft. Derzeit wird er zum Betreuungsfahrzeug umgebaut und soll ab Mitte Oktober einsatzbereit sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare