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Die Leitung des Heinz-Ulm-Haus will sich zu den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen nicht äußern. Eine Mitarbeiterin der AWO in Langgöns erklärt derweil, der Fall erschrecke sie. FOTO: SRS

Staatsanwaltschaft ermittelt

AWO-Deal in Langgöns sorgt für "Entsetzen"

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Der Verkauf eines Seniorenzentrums der AWO in Langgöns an eine Privatgesellschaft vor zwei Jahren beschäftigt die Staatsanwaltschaft. Das Heinz-Ulm-Haus soll an eine Immobilienfirma des damaligen Chefs des AWO-Bezirks Hessen-Süd gegangen sein. Der Vorwurf der Untreue steht im Raum, bei Mitarbeitern der AWO in Langgöns stößt der Deal auf Unverständnis und "Entsetzen". Allerdings ist der Fall kompliziert.

Langgöns - Die Aufregung ist groß. "Ich bin entsetzt", sagt eine Mitarbeiterin der AWO in Langgöns. "Was beim Verkauf des Pflegeheims in Langgöns passiert ist, erschreckt mich."

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt, es geht um den Verdacht der Untreue. Der AWO-Bezirk Hessen-Süd soll das Langgönser Seniorenzentrum vor zwei Jahren an eine private Immobilienfirma verkauft haben, die AWO ist seitdem Mieter des Heims. Das Heinz-Ulm-Haus soll an ein Unternehmen in Besitz des damaligen Chefs des AWO-Bezirks, Torsten Hammann, gegangen sein. Laut einem Bericht des Hessischen Rundfunks soll es dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.

Langgöns:  Durch den Verkauf sei der Verband zu Geld gekommen, "um Arbeitsplätze zu erhalten"

Etwas Klärung in den Fall bringt im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung Willy Jost aus Buseck, der im Vorstand des AWO-Bezirks Hessen-Süd sitzt. Er widerspricht den Berichten. Der Verkauf sei regelkonform.

Jost erklärt: Vor 15 Jahren bereits trug ein Investor die Kosten für einen Anbau des Langgönser Pflegeheims. Seitdem sei dieser Teil des Gebäudes immer in Besitz des Investors gewesen, die Arbeiterwohlfahrt war nur Mieter. Nun aber habe sich der Investor an die AWO gewandt, um den Anbau zu verkaufen. "Wir waren als AWO zum Kauf nicht in der Lage." Der Verband sei damals nahe der Insolvenz gestanden. So habe man für den Verkauf des gesamten Gebäudes eine Kommanditgesellschaft gegründet: die KG "Sozialimmobilien Langgöns". Gesellschafter seien der AWO-Bezirk sowie weitere Investoren wie Hammann, der frühere Generalbevollmächtigte des AWO-Bezirks.

Dies sei nicht verwerflich, betont Jost. Hammann habe geholfen, den Kauf im einstelligen Millionenbereich zu stemmen. Durch den Verkauf sei der Verband zu Geld gekommen, "um Arbeitsplätze zu erhalten." Geschäfte an denen Mitarbeiter der AWO alleine beteiligt sind, wären nicht akzeptabel", hebt Jost hervor. In diesem Fall aber sei der AWO-Bezirk selbst Mitgesellschafter. Außerdem habe Hammann den Deal nicht alleine über die Bühne gebracht. "Das hat der Gesamtvorstand der AWO beschlossen."

Langgöns: Vorwürfe der Untreue wiegen schwer

Dennoch wiegen die Vorwürfe der Untreue schwer - auch vor dem Hintergrund der Affäre um üppige Gehälter und dubiose Geldflüsse bei der AWO in Frankfurt (siehe Seite 7). Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt hat den Verkauf in Langgöns unter die Lupe genommen. Er sieht eine eindeutige Verletzung der internen Verhaltensregeln: Verantwortliche dürfen in ihrer Funktion für den Sozialverband keine sogenannten Insichgeschäfte mit gewinnorientierten Gesellschaften machen, die sie selbst gegründet haben. Auch das Bürgerliche Gesetzbuch verbietet diese Geschäfte.

Das Heinz-Ulm-Haus in Langgöns ist das einzige Seniorenzentrum der AWO im Kreis Gießen, das nicht zum AWO-Kreisverband gehört. Es gehört zum Bezirk Hessen-Süd. Dies hat historische Gründe, seit Mitte der 60er Jahre zählte lange Zeit nur ein Pflegeheim in Lollar zum Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt.

Karl Fiedler, Vorsitzender des AWO-Kreisverbands, äußert derweil Befremden zur Vorgehensweise. Den konkreten Fall in Langgöns könne er nicht bewerten. Der Verkauf eines Seniorenzentrums an ein Privatunternehmen sei aber im Kreisverband ausgeschlossen. "Wenn man in Besitz des Pflegeheims ist, übernimmt man dafür Verantwortung." Gebe man es aus der Hand, mache man sich von Investoren abhängig. Weiter betont Fiedler: "Die AWO ist ein Wohlfahrtsverband. Nonprofit ist die Idee." Dieser Gedanke sei mit dem Verkauf eines Pflegeheims an eine Firma nicht vereinbar. Zu dem Fall in Langgöns äußert er die Hoffnung: "Das muss ohne Rücksicht auf Personen aufgeklärt werden."

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