Im Hof des Gasthauses - Szene aus den 1950er Jahren.
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Im Hof des Gasthauses - Szene aus den 1950er Jahren.

Gasthaus

Wo Opa die Oma abschleppt hat: Gasthaus Schütz gibt’s seit 200 Jahren

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Vor 200 Jahren eröffnete Johann Peter Schütz ein Gasthaus in Oberkleen. Seitdem haben hier viele ein kühles Getränk und gutes Essen, aber auch die Liebe fürs Leben gefunden.

Es ist nicht überliefert, warum Johann Peter Schütz 1820 auf die Idee kam, neben der Landwirtschaft eine Gaststätte in Oberkleen zu eröffnen. Leider ist auch unbekannt, ob als erstes Getränk ein frisch gezapftes Bier oder ein kühler Apfelwein über die Theke ging. Und auch der Tag, an dem der erste Gast seinen Durst stillte, ist nirgends vermerkt. Lediglich das Jahr steht fest - denn es ist in der Dorfchronik festgehalten.

Was sich Johann Peter Schütz dabei auch gedacht haben mag - es war definitiv eine gute Idee. Sonst würde es die Gaststätte Schütz nicht auch 200 Jahre später noch geben. Damit ist sie gar älter als die Licher Brauerei - wobei Gastwirt Hartmut Schütz stolz darauf ist, dass man seit 162 Jahren mit dieser zusammenarbeitet. "Es gibt kein Gasthaus auf der Welt, in dem es länger Licher Bier gibt."

In siebter Generation führt der 62-Jährige die Traditionsgaststätte. Als sein Ur-Ur-Ur-Ur-Opa öffnete, war Oberkleen von der Landwirtschaft geprägt. So wurde damals beispielsweise unter dem Aspekt "Äcker bei Äcker" geheiratet, romantische Gefühle spielten eine untergeordnete Rolle.

Heiratsmarkt der Region

Das war rund 130 Jahre später komplett anders. Da war die Gaststätte quasi ein Heiratsmarkt, wurde von freitags bis sonntags nach der oder dem Richtigen Ausschau gehalten. Besonders die Dornholzhäuser Männer waren in Oberkleen auf der Suche nach jungen Frauen. Die Oberkleener hingegen bandelten gerne mit den Dornholzhäuser Mädchen an. Das führte zu zahlreichen Hochzeiten und Umzügen zwischen den beiden Dörfern. Noch heute hört der Gastwirt regelmäßig den Satz: "Mein Opa hat meine Oma bei dir in der Wirtschaft abgeschleppt." Vor allem im Schwarzlicht auf der Tanzfläche kam sich die Jugend zu den Klängen von Roy Black und den Flippers näher.

1963 wurde die Gaststätte umgebaut. Das Torhaus wurde abgerissen, der Gastraum erweitert, die Tanzfläche geschaffen. "Da ging die Post ab", erinnert sich der 62-Jährige. Seine Mutter und Oma mussten die Gaststätte damals allein führen, nachdem 1959 der Vater und 1961 der Opa gestorben waren.

Wirtschaftlich gesehen waren es gute Jahre. "Der Schornsteinfeger kam zum Frühstück, die Holzfäller zum Mittag." Manchmal kam es vor, dass diese nach dem Essen bei ein, zwei oder auch mehreren Bier hängen blieben und erst am Abend den Heimweg fanden. Auch viele Bahnreisende - bis 1969 hatte Oberkleen einen Bahnhof - kehrten ein. So wurde das Gasthaus in der gesamten Region bekannt.

Gast mit Schubkarre nach Hause gefahren

Irgendwann in dieser Zeit kam es zu einer kuriosen Wette: Ein Gast aus Cleeberg hatte zu tief ins Glas geschaut. Die Wirtin bot ihm daraufhin an, ihn in der Schubkarre nach Hause zu fahren. Ein Gast wettete, dass sie das nie schaffen würde - immerhin handelte es sich um eine Strecke von drei Kilometern. Ein anderer hielt dagegen. "Sie hat es geschafft, obwohl sie nur einmal absetzen durfte." Der Wetteinsatz - eine Kiste Bier - wurde danach selbstverständlich im Gasthaus eingelöst.

1987 übernahm Hartmut Schütz den Traditionsbetrieb, gab seinen Job als Landschaftsgärtner auf. "Es musste weitergehen", sagt er rückblickend. Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, Pils vom Fass einzuführen - vorher wurde nur Export gezapft, Pils gab es als Flaschenbier. "Das lief von Anfang an gut."

Musikprogramm im Sommer

Seit Jahren steht das Gasthaus Schütz zudem für ein Musikprogramm mit drei bis vier Konzerten im Jahr im Hof der Gaststätte. Die Band "Overtime" ist beispielsweise Stammgast. Hartmut Schütz ist dabei nicht nur den Musikern, sondern auch der Nachbarschaft dankbar, die seit Jahren mitzieht.

Zum Jubiläum sollte es eine Schippe mehr sein, 2020 sogar sieben Konzerte stattfinden. Doch dann kam Corona. Die Gaststätte durfte über Wochen nicht öffnen. In der Not wurde eine Idee ausgegraben, die vor Jahren schon einmal gescheitert war: Pizzabacken. Mit frischen Zutaten, einer eigenen Gewürzmischungen und viel Liebe wurden die Pizzen einst angeboten. Trotzdem fristeten sie - im Gegensatz zu Schnitzel, Hackbraten und Burger - ein Nischendasein, bis sie ganz von der Karte flogen. In der Corona-Situation aber war das Revival aber die richtige Entscheidung. "Wir haben nur ein Schild ins Fenster gehängt und schon haben die Leute bestellt", sagt Verena Schütz. Neben treuen Stammkunden, die ihre Gaststätte in der harten Zeit unterstützen wollten, kamen zahlreiche neue Kunden dazu. "Das hat uns gerettet", sagt Hartmut Schütz.

Mittlerweile sind auch wieder Veranstaltungen möglich - wenn auch in kleinerem Rahmen und unter strikter Einhaltung des Hygienekonzepts. "Johnny D. und die Schlagerboomers" begeisterten Anfang des Monats die Besucher. "Auch die Musiker hatten ihre Freude, dass sie wieder spielen durften", erzhält sich Hartmut Schütz.

Am kommenden Samstag, 29. August, wird bei der "Country-Night" mit Jim Everett weiter gefeiert. Restkarten gibt es im Vorverkauf für 7 Euro, mit Glück auch noch an der Abendkasse für 9 Euro.

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