sued_Mahngang_Zsambek21__4c
+
Kranzniederlegung an der Ehrentafel an der Heimatstube mit (v. l.) Dieterich Emde, Barbara Yeo-Emde, Thilo Hain, Gerhard Schmidt, Adelheid Hain, Johann-Gottfried Hecker und Matthias Engel.

Lange Zeit bis zur Normalität

  • vonVolker Mattern
    schließen

Wettenberg (m). An 75 Jahre Vertreibung erinnerte der Heimatverein Zsambek jetzt in Wißmar, wo am 17. April 1946 rund 230 Vertriebene ankamen. Mit einer Kranzniederlegung an der Gedenktafel an der alten Post, wo der Heimatverein Zsambek mit der Heimatstube sein Domizil hat, endeten Gedenkfeier und Mahngang - coronabedingt in kleinem Rahmen.

Erinnerungskultur sei ein wichtiger Bestandteil gegen das Vergessen, sagte Ehrenbürgermeister Gerhard Schmidt. Er ist Ehrenvorstandsmitglied und war maßgeblicher Wegbereiter des Zustandekommens der Partnerschaft mit Zsambek und Tök.

Zeitzeuge erinnert an die Anfänge

Am ehemaligen Bahnhof Wißmar begann der Weg des Erinnerns. Dort verließen die Vertriebenen damals den Zug, der sie auf der Bahnstrecke von Wetzlar nach Lollar (Kanonenbahn) an Dörfern entlang der Bahn verteilte. Damit endete die Fahrt der Entwurzelten ins Ungewisse, aber es begann eine lange Zeit bis zur Normalität.

Am Mahngang nahmen der Vorsitzende des Heimatvereins Thilo Hain mit seiner Mutter Adelheid teil, außerdem vom Vorstand Johann-Gottfried Hecker, Barbara Yeo-Emde und Dieterich Emde. Als Zeitzeuge war Matthias Engel dabei. Der 93-Jährige verlieh mit der lebendigen Schilderung seiner Erinnerungen und Wahrnehmungen der Veranstaltung einen besonderen Wert.

Am 20. März 1946 erschien am Aushängebrett des Gemeindehauses in Zsambek die Liste »umsiedlungspflichtiger Personen«. Bald kam das große Abschiednehmen von allem, mit dem man stark verwurzelt war: Von Haus und Hof, aber auch Verwandten, Freunden und Bekannten, die mit anderen Transporten fahren sollten. In vier Transporten traten die Zsambeker den Weg in die Heimatlosigkeit an. Sie kamen in das Land ihrer Vorfahren - ein durch den Krieg verwüstetes Land.

Das heutige »Sängereck« - damals »Wolf’sche Saal« - war Anlaufpunkt der Neuankömmlinge in Wißmar und auch eine weitere Station des Mahngangs. Begeisterung gab es in der einheimischen Bevölkerung nicht über die Neuankömmlinge, berichtete Hecker.

Auch hier gelte, im Nachhinein nicht zu verurteilen und die Reaktionen und Ressentiments der Menschen immer in ihrer Zeit und den vorherrschenden Umständen zu sehen. Hilfsbereitschaft der Einheimischen war nicht unbedingt zu erwarten. Wer sollte es ihnen verübeln, wo sie doch selbst noch mit Mangel zu kämpfen hatten.

Nachdem die Vertriebenen im Dorf vorwiegend privat eingewiesen waren, begann die Zeit des Eingewöhnens. Viele Frauen und Großeltern lebten zunächst allein mit ihren Kindern, bis ihre Männer aus Krieg und Gefangenschaft zu den Familien zurückkehrten.

Matthias Engel hatte immer wieder um Verständnis auf beiden Seiten geworben. Durch sein Engagement hatte er maßgeblichen Anteil daran, dass die Neuankömmlinge sich eine eigene Existenz aufbauen konnten.

Mit Politgrößen wie Ludwig Bodenbender, Abgeordneter des hessischen Landtages und Staatsminister für Landwirtschaft und Forsten, zog er durchs Land und warb um Unterstützung. Die Röderheide bei Salzböden ist ein Zeichen gelungener Siedlungs- und Eingliederungspolitik, dank des steten Eintretens von Engel, der den Weg bereitete, aber auch dank der Ein- und Weitsicht der politisch Verantwortlichen in den Dörfern.

Steiniger Weg

Die Frauen fanden Arbeitsplätze im Haushalt und in der Zigarrenindustrie. Die Männer als Arbeiter in der Industrie im nahen Lollar oder als Handwerker. Sie waren begehrte und beliebte Arbeitskräfte, weil sie als zuverlässig, fleißig und talentiert galten. Mit Improvisieren in der Not, Disziplin und Fleiß gelang mit den Jahren mehr und mehr die Integration. Es war aber ein steiniger Weg.

Der 93-jährige Zeitzeuge erinnert sich, wie man mit einem ersten Schwabenball 1948 in Odenhausen offensiv um Zutrauen und Freundschaft geworben hat. »Das war der Zeitpunkt der Annäherung, wo das Leben begann«, so Matthias Engel. Später, als sich die legendären Schwabenbälle in der Kongresshalle in Gießen etablierten, sei der Damm aus Argwohn und Misstrauen zwischen Neu- und Altbürgern endgültig gebrochen.

Die Einheimischen versuchten, die Neuen auch in die Ortsvereine zu integrieren. Eheschließungen (Mischehen) waren nichts Ungewöhnliches. Auch die Erhaltung der Kultur der Vorfahren und das Brauchtum spielten eine Rolle.

1986 wurde der Heimatverein Zsambek gegründet. Am 7. Oktober 1988 war es soweit, die offizielle Partnerschaft wurde besiegelt. Im Bürgerhaus Wißmar wurden die Partnerschaftsurkunden von den Bürgermeistern Imre Zink und Gerhard Schmidt unterzeichnet. Die Partnerschaft mit Zsambek wurde 1993 auf die Gemeinde Tök erweitert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare