Was Landwirte aus dem Landkreis Gießen von mobilen Schlachtstationen halten

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  • Patrick Dehnhardt
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In der Wetterau wird derzeit ein mobiles Schlachthaus getestet: Rinder werden direkt auf der Weide getötet. . Die Idee finden auch heimische Landwirte gut – zweifeln jedoch, ob sich das Verfahren durchsetzen kann.

Das Letzte, was das Rind auf dieser Welt sieht, ist die Weide, auf der es eben noch gegrast hat. Seine Herde ist in der Nähe. Für das Tier ist das ein beruhigender Anblick. Es hätte auch anders enden können. Dann häufig noch geht es folgendermaßen ab: Zuerst wird das Rind mit anderen in einen Anhänger verladen. Die Ladeluke schließt sich, es wird dunkel. Angst macht sich breit. Der Hänger schaukelt bei jeder Kurve, jedem Schlagloch. Schließlich öffnet sich die Luke wieder. Doch statt vor dem heimischen Stall steht das Tier vor einem fremden Gebäude.

Nur Rinder, keine Schweine

Um den Tieren genau diesen Weg zum Schlachthaus zu ersparen, laufen derzeit in der Wetterau Tests mit einem mobilen Schlachtanhänger. Dieser kommt auf den Hof, das Rind wird fachgerecht und hygienisch einwandfrei getötet und innerhalb einer Stunde zur Weiterverarbeitung in die Metzgerei gebracht.

Auch die Landwirte im Kreis Gießen stehen dieser Entwicklung positiv gegenüber. Christian Seibert aus Hungen etwa erinnert sich, dass es bereits vor zehn Jahren Pläne für schonendes Schlachten auf der Weide gab. "Man will damit die Tiertransporte vermeiden." Denn insbesondere Rinder, die ihr Leben auf der Weide verbracht haben und nun in einen Hänger steigen sollen, werden dadurch aufgeregt.

Markt für Selbstvermarkter begrenzt

Manfred Paul vom Bauernverband hat die Anlage noch nicht live gesehen, will sie daher nicht beurteilen. Während er sich solche Konzepte generell für Kleinbetriebe und Direktvermarkter im Bereich der Rinderhaltung vorstellen kann, hat er im Bereich der Schweinehaltung Zweifel, dass es genügend Betriebe gibt, die solch ein Angebot nutzen könnten. Denn die großen Züchter – von denen es nur noch eine Handvoll im Landkreis gibt – verkaufen große Stückzahlen an die Schlachthäuser. Und die kleinen Betriebe, die aus Idealismus für Hausschlachtungen Schweine großziehen, haben meist Kontakt zu einem Metzger, der noch schlachten darf. Zudem sei derzeit der Schweinepreis im Keller und der Markt für Selbstvermarkter auch begrenzt.

Auf dem Obersteinberghof in Pohlheim sieht man die mobile Rinderschlachtung positiv. "Mobile Schlachtungen sind eine schöne Sache, wenn man für die Tiere Stress vermeiden will", sagt Philipp Fay. Auf dem Hof der Familie ist man schon seit Langem einen Schritt weiter: Hier gibt es ein zugelassenes Schlachthaus sowohl für Schweine als auch für Rinder. Rund 80 Rinder gehören zum Familienbetrieb, zudem 20 Schweine. Die Fleisch- und Wurstwaren werden direkt vermarktet – nur so rechnet sich der Aufwand.

Große Schlachthäuser können billiger arbeiten

Mit den Preisen der großen Schlachthäuser könne man bei den Schweinen nicht mithalten, erklärt Landwirt Peter Fay. "Wenn ich zwei Schweine schlachte, habe ich denselben Reinigungsaufwand wie bei 20." Zudem nehme die Dokumentationspflicht viel Zeit ein: "Wenn ich einen Schrubber in die Hand nehme, muss ich das auf dem Reinigungsplan dokumentieren", sagt Peter Fay.

Bei den Rindern lohne sich der Aufwand schon eher, da man hier ein anderes Produkt anbieten könne: Fleisch aus artgerechter Weidehaltung. Einige Metzgereien, etwa die Hungener Limes-Metzgerei, wollen sich mit solch einem Produkt aus der Masse abheben, berichtet Philipp Fay.

Verbraucher hat es in der Hand

Jedoch auch hier gilt: Tierwohl gibt es nicht zum Nulltarif. Wer Fleisch von Tieren will, die schonend geschlachtet wurden, bekommt das nicht für 99 Cent. Ob sich das mobile Schlachthaus überall durchsetzt, liegt letztlich damit vor allem in der Hand des Verbrauchers.

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