200 Kühe stehen im Stall der Familie Klug aus Heuchelheim. 	FOTO: LKL
+
200 Kühe stehen im Stall der Familie Klug aus Heuchelheim. FOTO: LKL

Landwirtschaft

Landwirte mit düsterer Ernteprognose und viel Kritik

  • vonLena Karber
    schließen

Nicht nur das dritte trockene Frühjahr in Folge, sondern auch die Politik mache ihnen das Leben schwer, kritisieren die hiesigen Landwirte beim Vorerntegespräch.

Im Stall stehen 200 Kühe und warten auf ihre Untersuchung. Heute wird geprüft, ob sie trächtig sind. Einmal im Jahr sollten sie Nachwuchs bekommen, sonst geben sie keine Milch. Nach Bullen oder Kälbchen sucht man vergeblich. Spätestens seit die Rinderkrankheit BSE 2001 gewütet hat, lohnen sich Rinder nicht mehr. Und Kälbchen werden im alten Stall nebenan abgestillt und dann weggegeben. Die männlichen werden direkt verkauft, die weiblichen kommen in einen Betrieb im Ebsdorfergrund, wo mehr Fläche zur Verfügung steht, bis sie alt genug sind. Dann kehren sie als Milchvieh zurück zum Hof der Familie Klug in Heuchelheim. Anders wäre es nicht rentabel, erklärt Hans Klug. Und auch so ist es schwierig.

»Der Milchpreis ist seit Jahren nicht wirklich kostendeckend«, sagt Thorsten Klug. Und die Spanne zwischen Aufwand und Ertrag gehe immer weiter auseinander. »Als Familienbetrieb muss man mindestens 200 Tiere halten, damit es sich lohnt«, sagt er und wirft damit eine Frage auf. »Ist das schon Massentierhaltung?«, überlegen die Landwirte, die sich auf dem Hof im Heuchelheim am gestrigen Mittwoch zum Vorerntegespräch versammelt haben. Sie zucken mit den Schultern, die Frage bleibt ungeklärt.

Das ist nur eines von etlichen Themen, die die Landwirte an diesem Vormittag umtreiben. Bei vielen - etwa bei der Nitratbelastung des Grundwassers - fühlen sie sich zu Unrecht in den Senkel gestellt. Zudem würden aktuell die Zustände bei Tönnies negativ auf sie zurückfallen. »Damit haben wir nichts zu tun«, betont Manfred Paul, der Vorsitzende des Kreis-Bauernverbandes, sagt aber auch: »Ich bin heilfroh, dass Tönnies noch schlachtet. Ich hoffe, er schlachtet auch weiter, sonst bricht uns wieder ein Markt weg.«

Den Landwirten geht es darum, dass weiterhin regional produziert wird. Neue Verordnungen vonseiten der Politik - wie die Kastenstandverordnung, die am veragengenen Freitag im Bundesrat angenommen wurde und die zulässige Fixationsdauer von Sauen deutlich einschränkt - sehen sie deswegen kritisch. Sie meinen, dass im Bereich der Tierhaltung bereits viel getan werde. Durch immer neue Auflagen würden die Betriebe immer kleiner, prognostiziert Paul. »Es ist eine Einschnürung unseres Berufsstandes«, sagt er und adressiert seine Kritik explizit an die Grünen. Diese wüssten immer alles besser, würden sich für grundlegende Probleme wie die zunehmende Landverbauung jedoch nicht interessieren.

Was die Landwirte ärgert, ist, dass in Hessen täglich mehrere Hektar Land versiegelt werden - im Jahr 2018 waren es nach Angaben des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz rund 2,82 Hektar täglich - und dass dabei zum Teil auf Ackerböden zurückgegriffen wird. »Einmal Beton ist immer Beton«, sagt Paul.

Die Landverknappung stellt die Landwirte wegen der schwierigen Bedingungen der vergangenen Jahre vor große Herausforderungen. Seit 2015 haben sie es mit einer Häufung von schwierigen Erntejahren zu tun - und auch dieses Jahr bildet keine Ausnahme. Obwohl es im Winter einigen Niederschlag gab, macht den Landwirten die Trockenheit im März und April zu schaffen. »Uns fehlt das Wasser jetzt im dritten Jahr in Folge«, sagt Paul. Insofern nennt er die Prognose für die Ernte »spannend negativ«.

Paul erwartet erhebliche regionale Schwankungen. Während die Landwirte im Bereich Frankfurt und Wetterau »mit ihren Schokoladenböden« wohl ganz gut wegkämen, sehe das hierzulande anders aus. Landwirt Klug bestätigt das. Mit 5,5 bis 6 Tonnen Ertrag pro Hektar rechnet er etwa bei der Wintergerste, deren Ernte gerade begonnen hat. In der Regel seien es sonst 7 bis 7,5. Für eine Einschätzung der Maisernte sei es zwar noch zu früh, aber insgesamt macht sich Klug auch da kaum Hoffnung auf ein gutes Ergebnis. Und während der erste Grünland- und Futterschnitt noch in Ordnung gewesen sei, sei beim dritten Schnitt zuletzt auch alles ausgetrocknet gewesen. Die Futterreserven seien jedoch weitgehend aufgebraucht.

Der Mangel an Futtermittel wirkt sich wiederum auf andere Bereiche aus. Da die Gestenbestände spät aufgegangen sind, wodurch noch nicht klar ist, ob diese Brauqualität haben werden, und obendrein der Bierabsatz durch Corona eingebrochen ist, wird wohl in manchen Betrieben Braugerste als Futtermittel genutzt werden. Familie Klug musste deshalb in diesem Jahr auch die Blühflächen etwas reduzieren. »Von Blühflächen kriege ich eben leider keine Kuh satt«, erklärt Klug. Man sei bereit, etwas zum Schutz von Vögeln und Insekten beizutragen, sagt auch Paul. »Aber dieser Flächenschwund kann nicht zum Nulltarif geleistet werden.«

Rücksichtnahme in der Erntezeit

In den nächsten Wochen werden Erntemaschinen zum Teil auch nachts zum Einsatz kommen, sagt Paul. Bei der Bevölkerung wirbt er deswegen um Verständnis. Junglandwirtesprecher Daniel Seipp bittet zudem darum, in Ortsdurchfahrten und auf Feldwegen so zu parken, »dass mehr durchpasst als ein japanischer Kleinwagen«.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare