Eine Landrätin als Krisenmanagerin: Das Coronavirus stellt Anita Schneider und ihr Team vor nie gekannte Herausforderungen.
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Eine Landrätin als Krisenmanagerin: Das Coronavirus stellt Anita Schneider und ihr Team vor nie gekannte Herausforderungen.

Corona-Hotspot Gießen

Landrätin zur Corona-Lage im Kreis Gießen: "Wollen in unseren Altenheimen keine Dunkelziffer"

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Die Corona-Situation im Landkreis Gießen ist weiter dramatisch. Landrätin Anita Schneider spricht über die verschärften Beschränkungen und wie sie die Lage in den Altenheimen in den Griff bekommen möchte.

Der Landkreis Gießen hat neben Limburg-Weilburg derzeit einen traurigen Spitzenplatz in der hessischen Corona-Statistik. Nächtliche Ausgangssperren und von Montag an der 15-Kilometer-Bewegungsradius sind die Folge. Das ist hart.

Absolut, ja. Es ist eine harte Zeit. Und das nagt wohl an jedem. Aber ich sehe im Moment keine andere Möglichkeit, als einen harten Weg zu gehen. Auch ich hätte Lust auf Skifahren und auf Schnee. Ich kann die Menschen verstehen, die in großer Zahl in den Vogelsberg und in den Taunus drängen. Aber wir sollten das lassen, die Zähne zusammenbeißen und den strikten Kurs einfach durchhalten. Eben damit wir schneller wieder in ein normales Leben zurückkehren können.

Wird es gelingen?

Ja. Das klingt brutal. Denn wir sind es nicht gewohnt, solche Einschränkungen hinzunehmen. Aber halbherzig geht eben nicht. Wir müssen jetzt voll in die Eisen gehen, sonst verlängern wir das Leid. Anders geht es wohl nicht mehr.

Vor allem einige Alten- und Pflegeheime weisen dramatische Zahlen aus. Hätte man dort die heftigen Infektionen verhindern können?

Wir tun, was wir können. Wir reagieren auf die Ausbrüche in den Alten- und Pflegeheimen so, dass wir keine Risiken eingehen. Bei Verdachtsmomenten gehen wir sofort in die Reihentestungen. Und zwar nicht erst seit Weihnachten. Das wurde bereits im Sommer in Wißmar oder bei zwei Einrichtungen der Lebenshilfe so gehandhabt.

Schauen wir noch einmal auf die aktuellen Regelungen. Die Ausgangssperre ab 21 Uhr hilft den Pflegeheimen nicht unbedingt.

Doch. Das sehen Sie falsch: Eine niedrigere Inzidenz außerhalb der Heime schützt auch die Heime. Ein Altenheim ist nun mal keine abgeschlossene Einrichtung: Pflegepersonal, Lieferanten, der Wäscheservice, Handwerker und Besucher gehen ein und aus. Und wenn bei denen das Risiko geringer ist, dann hilft das auch den alten Menschen. Insofern ist es von Bedeutung, dass wir die schrecklich hohe Inzidenz im ganzen Landkreis nach unten bekommen!

Sie setzen im Kreis aufs Testen.

Unbedingt. Wer viel testet, der findet auch viel. Unsere Strategie lautet deshalb: Testen! Testen! Testen! Allein in den wenigen Tagen vom 23. Dezember bis zum 5. Januar haben unsere mobilen Teams in neun Altenheimen 957 Abstriche für Tests genommen. Bei Bewohnern ebenso wie beim Personal. Von besinnlicher Weihnacht war bei uns nichts zu spüren. Aber wir wollen in unseren Altenheimen keine Dunkelziffer zulassen!

Und wie viele Infektionen wurden bei den knapp 1000 Tests festgestellt?

Es wurden dabei insgesamt 254 Infektionen mit dem Coronavirus entdeckt.

Wie geht man damit um?

Das ist genau die Frage: Wie können wir die vorliegenden Zahlen interpretieren? Was sind die Auslöser? Darüber sind wir im dauernden Austausch mit unseren Ärzten im Gesundheitsamt. Aber wir können sie aktuell nicht interpretieren. Das Inzidenz-Geschehen ist im Moment noch diffus. Wir müssen abwarten, bis alle Rückstände in den Laboren von den Feiertagen zu Weihnachten und zum Jahreswechsel aufgearbeitet sind. Das wird noch ein paar Tage dauern.

Funktioniert denn das Testen, gibt es ausreichend Testkapazitäten?

Ja. Das klappt. Da haben wir eine gute Infrastruktur aufgestellt mit ausreichend Kapazitäten.

Lassen die Tests schon Schlüsse auf die Ursachen zu?

Schauen Sie: H eime und Pflegeeinrichtungen sind wie Familien - Großfamilien eben. Mit sozialem Austausch. Es ist das Zusammenleben, das Miteinander. Das birgt immer ein erhöhtes Risiko. Und bei alten Menschen ist gelegentlich auch die Akzeptanz nicht gegeben, eine Maske zu tragen. Es gibt demente Menschen, die ziehen sie sich immer wieder vom Gesicht. Übrigens auch ein Thema in den Einrichtungen der Lebenshilfe. Manche Menschen bekommen das einfach nicht hin, dass sie sich damit schützen sollen. Manche Dinge kann man ihnen dann bitte auch nicht aufzwingen. Sie sind freiwillig in den Einrichtungen.

Kann man da nachsteuern? Was ist zu ändern?

Das ist immer ein Abwägen der Verhältnismäßigkeit. Im Übrigen sind da die Pflege- und Altenheime selbst in der Verantwortung und in der Pflicht. Sie haben ihre Hygienekonzepte erarbeitet und haben diese zu verantworten.

Welchen Einfluss hat der Kreis da?

Wir haben zweimal mit den Betreibern der 28 Pflegeheime im Kreis darüber gesprochen, ob wir die Besuchsregelungen nicht besser in die Allgemeinverfügungen aufnehmen und das für alle Heime verbindlich regeln sollen. Zweimal wurde uns ›Nein‹ gesagt. Man wolle dies jeweils mit den eigenen Hausordnungen regeln. Darüber hinaus gilt für alle Heime seit 14. Dezember die Regelung des Landes: Zweimal in der Woche bis zu zwei Besuchspersonen. Bei einem Corona-Ausbruch gilt dann Besuchsverbot. Zudem muss das Personal einmal in der Woche getestet werden, um zu sehen, was von den Mitarbeitern in die Heime reingetragen wird.

Die Frage bleibt: Können die Regelungen nicht verschärft werden?

Noch einmal: Die Pflegeheime wollten keine allgemeinverbindlichen Regelungen. Und es gibt Häuser, die konsequenter waren, und solche, die es womöglich lockerer gehandhabt haben. Die Heime hatten vom Land Hessen aufgetragen bekommen, Hygiene- und Testkonzepte für die Bewohner und Besucher zu entwickeln und umzusetzen. Dies war Voraussetzung für den Erhalt der kostenlosen Schnelltests durch das Sozialministerium. Es ist davon auszugehen, dass die Heime diese Testkonzepte umsetzen. Es liegt in ihrer Verantwortung.

Kann der Landkreis mit seinem Gesundheitsamt da nichts tun?

Doch. Wir haben die Heime gut vorbereitet gesehen. Und sind alle 14 Tage per Videokonferenz im Austausch: Gesundheitsamt, Rettungsdienste, Hausärzte, Heimleitungen, ich. Um anstehende Fragen zu klären. Das läuft seit März. Und zwar gut. Da hat es auch keine Kommunikationslücke gegeben. Wie die Hygienekonzepte in den Heimen umgesetzt werden, das ist eine Frage, der wir jetzt vermehrt nachgehen werden.

Wie sieht das konkret aus?

Wir haben weiteres Personal eingestellt, auch Fachpersonal. Wir haben jetzt drei sogenannte Begehungsteams gebildet. Die werden vor Ort schauen, wie die Hygienebedingungen eingehalten werden. Und zwar häufiger als bislang.

Erwarten Sie davon Hinweise auf Ursachen solcher Ausbrüche wie jüngst in Lollar, wo 98 Bewohner und 43 Mitarbeiter positiv getestet wurden?

Ja. Dann werden wir sehen, wo nachjustiert werden muss. Wir sind jetzt in der Lage, dies mehr als in den vergangenen Monaten in den Blick zu nehmen.

Klappt das Impfen in den Heimen?

Da sind wir gut dabei. Mittlerweile ist in 18 der 28 Heime im Kreis geimpft worden. Weitere stehen in den nächsten Tagen an. Wir brauchen eine Vorbereitung der Impfungen. Das heißt, gegebenenfalls Einwilligungserklärungen von Angehörigen sowie Bewohnern und eine Anamnese inklusive einer Impfberatung durch die Hausärzte. Erst dann kann es losgehen.

Reicht denn der gelieferte Impfstoff?

Das, was wir hatten, das ist bis Mittwoch verimpft worden. Freitag (09.01.2021, Anm. d. Red.) wird eine neue Lieferung erwartet.

Und für die Zweitimpfung drei Wochen später?

Die Rückstellung für die zweite Impfung wird durch das Land koordiniert.

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