Das Elefantenklo in Gießen: Menschenleer bei Nacht.
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Das Elefantenklo in Gießen: Menschenleer. Als das Coronavirus besonders vehement im Landkreis wütete, galten umfassende nächtliche Ausgangssperren.

Sars-CoV-2

Die Chronik der Corona-Pandemie im Landkreis Gießen: Es begann am 28. Februar 2020

  • VonAnja Schramm
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Ein Jahr ist es her, dass das Coronavirus im Landkreis Gießen einfällt – und das Leben dort komplett auf den Kopf stellt. Was ist seither passiert?

Gießen – Es ist der Abend des 28. Februar 2020, als die Nachricht vom ersten Corona-Fall im Landkreis die Runde macht. Die Verantwortlichen trommeln zur Pressekonferenz für den Folgetag. Bei der Infizierten handele es sich um eine 24 Jahre alte Studentin aus Gießen, verkündet Landrätin Anita Schneider dort. Die junge Frau habe sich beim Karneval in Heinsberg angesteckt. Auch der Test ihres 28 Jahre alten Mitbewohners ist wenig später positiv. »Wir haben diesen Fall im Griff«, sagt Schneider. Und dass die Region Mittelhessen »kein Risikogebiet« sei.

Einen Monat später, Ende März , sind es bereits 138 nachgewiesene Corona-Fälle. Ein neuer Alltag hat längst Einzug gehalten. Die Kinder müssen zu Hause beschult werden, Homeoffice heißt für die meisten Arbeitenden das Gebot der Stunde. Einzelhandel und Gastronomie sind dicht, die Menschen horten Klopapier, Konserven und Nudeln. Leere Supermarkt-regale gehören auch im Gießener Land zum Bild.

Landkreis Gießen: Erster Corona-Todesfall am 16. April 2020

Am 16. April vermeldet der Kreis den ersten Corona-Todesfall. Eine 61 Jahre alte Frau mit Vorerkrankungen erliegt dem Virus. Die Fallzahlen steigen derweil weiter an, wenn auch äußerst moderat. 190 Menschen haben sich seit Beginn der Pandemie infiziert. Große Events wie das Wiesnfest in Pohlheim sind abgesagt. Die Macher üben sich dennoch in Zweckoptimismus und verkünden bereits, dass Mickie Krause am 7. April 2021 die Wiesn eröffnen soll. Bis dahin sei der Corona-Spuk ja wohl vorbei, hoffen sie.

Im Mai endet der erste Lockdown. Es folgt ein fast schon sorglos anmutender Sommer. Anfang Juni liegt die kreisweite Inzidenz bei 2, im gesamten Juni registriert das Gesundheitsamt lediglich sechs Neuinfektionen. Das Autokino feiert in Gießen sein Comeback, Autokonzerte im gesamten Landkreis folgen. Ein kleiner Lichtblick für eine Branche, die wie so viele unter den Corona-Folgen leidet. Doch der unbeschwerte Schein trügt. Ganz langsam kommt das Virus zurück, im Juli sind es 25 Ansteckungen, im August 95. Reiserückkehrer aus Risikogebieten geraten in den Fokus.

Gießen: Im Oktober trifft das Coronavirus den Kreis mit voller Wucht

Die leicht steigenden Infektionszahlen machen sich noch nicht in der Auslastung der Klinikbetten oder gar in der Sterblichkeit bemerkbar. Sechs Corona-Tote sind bis es bis Ende September . Es sind vor allem Jüngere, die sich infizieren. Experten mahnen dennoch gebetsmühlenartig den Schutz der vulnerablen Gruppen an.

Im Oktober trifft das Virus die Menschen im Landkreis mit voller Wucht. Aus einer Inzidenz von knapp unter zehn am Anfang des Monats wird Ende Oktober ein Wert von 165. 900 Menschen stecken sich allein in diesen 31 Tagen an, fast doppelt so viele wie in den sieben Monaten zuvor.

Eine FFP-2-Maske liegt in der menschenleeren Einkaufsstraße „Seltersweg“ in Gießen am Abend. Mit Inkrafttreten der verschärften Corona-Regeln gelten im Landkreis Gießen aufgrund der hier festgestellten hohen Inzidenzwerte Ausgansbeschränkungen.

Ende Oktober rückt auf Gesuch des Kreises die Bundeswehr an, das Gesundheitsamt ist mittlerweile heillos überlastet. 18 Soldaten des Jägerbataillions 1 in Schwarzenborn sollen bei der Nachverfolgung der Fälle helfen. In der Krise rächten sich die politischen Versäumnisse der Vergangenheit, sagt derweil Dr. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, über die Situation der Gesundheitsämter. Auch auf den Landkreis Gießen trifft das zu. Seit Oktober 2017 ist die Leitung des Gesundheitsamts vakant. Ein angeheuerter Headhunter soll nun einen geeigneten Chef finden. Doch der Markt ist längst leer gefegt.

Landkreis Gießen: Im Dezember 2020 beginnen die Corona-Impfungen

Trotz Lockdown light im November galoppieren die Zahlen. 2100 Ansteckungen vermeldet der Kreis für diesen Monat. Die höchste Inzidenz steht am 23. Dezember zu Buche: 224 Neuinfektionen an einem Tag, die Inzidenz steigt auf 290. Immer mehr Corona-Patienten müssen in Kliniken behandelt werden. Der zweite harte Lockdown ist da bereits in vollem Gange. Im Kreis herrscht seit dem 13. Dezember zudem eine nächtliche Ausgangssperre.

Kurz vor dem Jahreswechsel - am 27. Dezember - werden die ersten Menschen in Seniorenheimen geimpft. Die Lage in den Altenheimen ist das dunkelste Kapitel der Pandemie. Die Virusausbrüche mehren sich, viele Mitarbeiter sind in Quarantäne. Die Heime suchen händeringend nach Helfern. Allein im Dezember sterben 81 infizierte Seniorenheimbewohner. Anfang Januar gibt Landrätin Schneider ein Interview. Sie weist bezüglich der Hygienekonzepte auf die Verantwortung der Heimträger hin und sagt: Wie diese Konzepte umgesetzt würden, sei »eine Frage, der wir jetzt vermehrt nachgehen werden«. Nach all den Ausbrüchen fragen sich viele: Warum erst jetzt?

Der harte Lockdown zeigt Wirkung, die Inzidenz liegt nun stabil unter 200. Die nächtliche Ausgangssperre und die 15-Kilometer-Beschränkung werden am 18. Januar aufgehoben. Die Sinnhaftigkeit der letzteren Maßnahme hatten ohnehin viele bezweifelt. Von Papiertiger spricht die Kreis-FDP. Am Ende sind es eine Handvoll Vergehen, die geahndet werden.

Landkreis Gießen: 185 Infizierte sterben im Januar 2021 – dann kommt die Mutante

Am 19. Januar öffnet das Impfzentrum in Heuchelheim. 1350 Menschen könnten dort täglich geimpft werden, doch der Impfstoff ist wie überall im Land knapp. So sind es gerade einmal 495 Menschen, die täglich den Piks bekommen.

Der Januar ist der Monat mit der höchsten Todeszahl: 185 Corona-Infizierte sterben in diesen Tagen. Die Inzidenz aber sinkt. Trügerisch, sagen manche Experten und warnen vor den sich ausbreitenden Mutationen. Ende Januar wird erstmals die britische Variante B.1.1.7 im Landkreis nachgewiesen, sie gilt als weitaus ansteckender. Mitte Februar wird der erste Fall der südafrikanischen Mutation publik.

Am Sonntag (28.02.2021) jährte sich der erste Corona-Fall im Kreis. Seit jenem 28. Februar haben sich 8669 Menschen mit dem Virus infiziert, 8029 gelten als genesen (Stand Freitag, 26.02.2021). 321 sind verstorben - das sind 3,7 Prozent aller Infizierten, 0,83 Prozentpunkte mehr als im Bundesschnitt.

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