Im Land, wo die Zitronen hinter Mauern blühen

In den vergangenen Jahren hat das israelische Kino generell einen enormen Aufschwung genommen, was sich auf der Berlinale widerspiegelt. Zum 60. Jahrestag der Staatsgründung finden sich in fast allen Sektionen israelische Beiträge, oftmals übrigens in Koproduktion mit Deutschland wie auch »Lemon Tree«.

Ein sattes Gelb leuchtet auf - Zitronengelb. Ein Ton, wie ihn in dieser Intensität das Kino kaum je gesehen hat. Unwillkürlich kommen einem Goethes Mignon-Verse in den Sinn: »Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh'n?«

In dem Land aber, in dem Eran Riklis' sensibler Film »Lemon Tree« spielt - der eigentlich in den Berlinale-Wettbewerb gehört, aber im »Panorama« läuft - ist kein Raum für prachtvolle Gärten und Menschen, die sie liebevoll hegen und pflegen. Vielmehr errichtet man Mauern. Der herrliche Zitronengarten, er befindet sich in einem kleinen palästinensischen Dorf. Seine Besitzerin wird zur Aufgabe ihres Gartens gezwungen, weil er an das Grundstück des benachbarten israelischen Verteidigungsministers grenzt und angeblich ein Sicherheitsrisiko darstellt. Die mutige, kluge, schöne und stolze Frau, die mit Bäumen seit ihrer Kindheit eng verwurzelt ist (Hiam Abbass), kämpft gegen diese absurde Forderung vergeblich bis zum Letzten vor dem Obersten Gericht und muss ansehen, wie ihre von Stacheldraht umzäunten Früchte welken. Dass es ein israelischer Filmemacher ist, der wie schon in seinem Erstling »Die syrische Braut« offen, tabulos, bis zur Schmerzgrenze kritisch mit seinen Landsleuten ins Gericht geht, macht dieses stille Meisterwerk umso bedeutsamer.

In den vergangenen Jahren hat das israelische Kino generell einen enormen Aufschwung genommen, was sich auf der Berlinale widerspiegelt. Zum 60. Jahrestag der Staatsgründung finden sich in fast allen Sektionen israelische Beiträge, oftmals übrigens in Koproduktion mit Deutschland wie auch »Lemon Tree«.

In der »Forum«-Sektion geht vor allem »Shahida - Brides of Allah« unter die Haut, eine Dokumentation über sieben inhaftierte palästinensische Frauen, die an einem Selbstmordattentat beteiligt waren. Diese keineswegs ungebildeten, aber religiös fanatischen Frauen zu erleben, stimmt hilf- und fassungslos: Mütter berichten da, dass sie sich im Kindergarten in die Luft sprengen wollten. Nicht alle wurden von den Israelis diskriminiert, die Gründe ihrer Tat bleiben undurchsichtig, Schuldgefühle kennt keine, ihre Babys, die im Gefängnis zur Welt kommen, sollen nach ihrem Willen auch einmal als »Märtyrer« sterben.

Innerhalb des Wettbewerbs sah man diese Tage schon einen würdigen Kandidaten für den Goldenen Bären: »Lake Tahoe«, ein Beitrag aus Mexiko. Mit dem lakonischen Humor eines Aki Kaurismäki und poetischen Stimmungsbildern im Stil von Edward Hopper oder Jim Jarmusch entwickelt Fernando Eimbcke hier einen Road-Movie mit der vielleicht kürzesten Reise der Filmgeschichte. Ein 16-jähriger Junge will nach dem Tod seines Vaters und familiären Sorgen von Zuhause abhauen, macht aber schon nach wenigen Metern einen Unfall und kehrt - als das Auto wieder fahrtüchtig ist - freiwillig zurück. Eine Entscheidung, die mit Einsichten zu tun hat, die der Junge drei ebenso eigenwilligen wie liebenswerten Menschen dankt, die seinen Weg bei der Anstrengung, den Wagen wieder flott zu kriegen, kreuzen.

Allemal diskussionswürdig und feinfühlig inszeniert auch der amerikanische Beitrag »Gardens of the Night«, dessen Geschichte unwillkürlich an Natascha Kampusch erinnert, auch wenn der Film diesen Fall nicht konkret nachspielt, sondern die psychologischen Mechanismen aufzeigt.

Wie kommt ein aufgewecktes, braves Mädchen dazu, zu zwei fremden Männern ins Auto zu steigen, wie erschleichen die Pädophilen ihr Vertrauen und schaffen es über viele Jahre, unentdeckt schmutzige Geschäfte mit Kinderprostitution zu machen? Harris zeigt schonungslos all die fiesen Lügen, lässt mit wenigen Andeutungen viel Ekel aufkommen, wenn der Entführer das hübsche blonde Mädchen in der Badewanne begafft. Gewiss, solche Szenen sind heikel, drohen aber nicht ins Voyeuristische zu kippen, weil konsequent die Perspektive des geängstigten Kindes gewahrt bleibt.

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