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Staubige Straßen und schier endlose Weite: Konrad Weberling aus Lahnau und seine französische Freundin Audrey Pouillon haben sich zu Fuß auf eine Reise quer durch Europa begeben. FOTOS: PM/ GRAFIK:MDV

Extreme Wanderung

Ein Lahnauer begibt sich auf eine abenteuerliche Reise durch Europa

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4000 Kilometer, acht Monate, zwei Rucksäcke. Konrad Weberling aus Lahnau und seine Freundin Audrey Pouillon sind zu Fuß nach Jerusalem. Das hat sie besonders überrascht:

Die Sonne brennt vom Himmel, in der Ferne flimmert die Luft über dem Asphalt wie in einem Ofen. 40 Grad zeigt das Smartphone von Konrad Weberling an, selbst im Schatten - wenn es welchen gäbe. Doch hier an der Autobahn, irgendwo im Osten von Kroatien, gibt es lediglich verdorrtes Gras und viel Staub.

In dieser brütenden Hitze kommen Weberling und seine französische Freundin Audrey Pouillon nur langsam voran. Sie tragen schwere Rucksäcke und der Schweiß tropft ihnen von der Stirn. Fast 2000 Kilometer haben die beiden Wanderer hinter sich. Am Ziel sind sie noch lange nicht, dafür nahezu am Ende.

Zu Fuß nach Jerusalem - es war so ein verträumter Plan, wie man ihn sich eben vornimmt, erzählt Weberling. Doch der Gedanke ließ weder ihn noch seine Freundin los. Fünf Jahre keimte diese Idee in ihnen - bis nach Weberlings Bachelor-Abschluss in Heilpädagogik. "Dann haben wir es einfach getan", sagt der 25-Jährige. "Eine solche Chance hätten wir wahrscheinlich nie wieder bekommen."

Reise beginnt in Lyon

Im April vergangenen Jahres packte das Paar seine Rucksäcke und startete in Lyon, der Heimat von Audrey, eine abenteuerliche Reise. Über die Alpen, den Balkan und die Türkei sollte es bis nach Israel gehen. Etwa zur Halbzeit, im Juli 2019, berichtete die GAZ davon. Damals war das Paar gerade in Slowenien, kurz vor der kroatischen Grenze. Am 9. Dezember erreichten sie ihr Ziel.

Finden wir immer den richtigen Weg? Kommen wir an genug Essen? Sind wir sicher und ist es überhaupt möglich, so weit zu laufen? Diese Fragen beschäftigte das Paar vor seiner Reise. "Wir haben uns unglaublich viele Gedanken und auch viele Sorgen gemacht", gesteht der Atzbacher, "aber am Ende ist davon wirklich nichts eingetroffen." Nicht einmal Schwierigkeiten an irgendeiner Grenze habe es gegeben, obwohl auch in dieser Hinsicht Warnungen aus dem Bekanntenkreis ausgesprochen wurden.

Zu gut, um wahr zu sein - so scheint es fast, wenn Weberling von der achtmonatigen Reise spricht. Zu glatt lief alles, zu viel Glück hatte das Paar. Ein Umstand, der auch den Deutschen und die Französin zunächst irritierte. "Aus den Medien bekommt man eigentlich immer nur zu hören, wie schlecht und bedrohlich die Welt ist", sagt Weberling, "wir wurden vom Gegenteil überzeugt. Wir sind fast umgekippt, als wir erfahren haben, wie nett, hilfsbereit und gastfreundlich die Menschen sind." So konnte das Paar fast ausschließlich in den Gärten Einheimischer schlafen und wurde darüberhinaus öfter zum Essen oder auf eine Dusche eingeladen.

Keine Pilgerreise

Wenn Weberling von der Tour spricht, findet er oft nicht die richtigen Worte. Keine, die angemessen wären, das Erlebte zu beschreiben. Die acht Monate hätten viel in ihnen verändert, sagt er. "Wenn man den ganzen Tag läuft, hat man viel Zeit zum Nachdenken" - auch, wenn es keine Pilgerreise war, wie er betont. Die Zeit auf den Wanderstrecken habe ihre Beziehung vertieft und ihnen ein neues Vertrauen geschenkt - in die Menschheit aber auch in sich selbst. "Man lernt viel über seine eigenen Stärken und Schwächen. Vor allem, wenn es ums Aufgeben geht", sagt Weberling. An diesem Punkt seien sie mehrmals gewesen. Vor allem während des Marschs an der kroatischen Autobahn. "Wir waren so geschlaucht, dass Audrey krank wurde", erzählt er. Eine einwöchige Zwangspause sei dann nötig geworden.

Über sich hinausgewachsen

"Aus eigener Motivation hätten wir die Reise nicht fertig gemacht", sagt der 25-Jährige heute. Es seien die Menschen, die Reise an sich gewesen, die für den nötigen Antrieb sorgten. "Der Weg ist das Ziel - das habe ich nie verstanden", sagt er, "jetzt tu ich es." Konrad Weberling und Audrey Pouillon sind während der Wanderung über sich hinausgewachsen. Zu Beginn starteten sie mit zehn bis fünfzehn Kilometer am Tag, zum Ende hin schafften sie fast doppelt so viel. Sie dachten, sie würden neun Monate brauchen, dabei waren es nur acht. Kalkuliert wurde mit zehn Euro für Verpflegung pro Tag und Person. Davon sei nun noch mehr als die Hälfte übrig.

"Das nächste Mal würde ich es noch blauäugiger angehen", sagt Weberling. Alles, was es wirklich brauche, das sei Zeit. "Es ist krass, was einem in den Schoß fällt, wenn man sich einfach treiben lässt", sagt er. Nur Glück oder eine positive Lebenseinstellung?

Weberling und Pouillon haben eines für sich festgestellt: "So bedrohlich ist es da draußen nicht. Die Welt ist ein guter Ort."

Warum Jerusalem?

Konrad Weberling (25) und Audrey Pouillon (27) haben sich 2015 in Jerusalem kennengelernt. Weberling hat dort nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr im St. Louis Hospiz gemacht, die Krankenschwester Pouillon hat ein halbes Jahr später dort angefangen. Bereits als sie zurück in der Heimat waren, schmiedeten sie Pläne zur Rückkehr. "Die Zeit dort war so besonders für uns, dass wir auch die Rückkehr besonders machen wollten", sagt Weberling. Aktuell arbeiten die beiden im St. Louis Hospiz, im März treten sie die Heimreise an. Dann wollen sie zusammen nach Freiburg ziehen, wo Weberling im April sein Masterstudium antreten und Pouillon Deutsch lernen will.

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