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Blick auf die ehemalige Auskiesungfläche, die nun als »Heuchelheimer Banane« ein Naturschutzgebiet ist.

Lahn fließt schneller als Förderung

  • Patrick Dehnhardt
    VonPatrick Dehnhardt
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Bei Heuchelheim sollte eine ehemalige Kiesabbaufläche, die bereits überflutet ist, mit einem Graben an den Fluss angebunden werden. Das für Fördergeld notwendige Verfahren hat so lange gedauert, dass die Lahn den notwendigen Graben mittlerweile selbst geschaffen hat. Das spart ganz nebenbei nun Hunderttausende Euro.

Im Rahmen des »Living Lahn«-Projekts - »lebendige Lahn« - soll der Fluss in ein lebendiges Gewässer für Menschen, Tiere und Pflanzen umgewandelt werden. Unterstützt wird dies durch das »LIFE«-Förderprogramm der EU. Dass der Fluss bereits jetzt wesentlich lebendiger und vor allen Dingen schneller als das für Fördergeld zuständige Verfahren ist, das zeigt sich an dem, was sich nun an der sogenannten »Heuchelheimer Banane« ereignet hat.

Bei Heuchelheim wurde früher Kies gewonnen, auch direkt neben der Lahn. Die ehemalige Auskiesungsfläche, die sich wie ein Altarm an eine Kurve des Flusses anschließt, ähnelt auf Luftbildern einer Banane - worauf sich auch der Projektname im Rahmen des »Living-Lahn«-Projektes bezieht.

Das fast stehende Gewässer mitten im Naturschutzgebiet ist nicht nur bei Eisvögeln beliebt, auch die Nase - Fisch des Jahres 2020 -, die Barbe, das Rotauge und die Hasel (eine Karpfenart) fühlen sich dort sehr wohl. Bei der Kiesgewinnung hatte man einst allerdings andere Ziele im Kopf, als einen möglichst idealen Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten zu schaffen. Daher hatte die »Banane« noch Verbesserungspotenzial: Sie war nur flussabwärts mit der Lahn verbunden. Damit insbesondere bei Hochwasser die Fluten durch den im Kiesabbau entstandenen Arm strömen und so dem Verlanden entgegenwirken können, sollte im Rahmen des »Living-Lahn«-Projekts auch flussaufwärts eine Anbindung geschaffen werden.

Nun lässt sich nichts einfach mal so bauen, wenn dafür EU-Fördermittel fließen sollen. Gutachten und Bewertungen waren notwendig, das Verfahren brauchte seine Zeit, zudem gab es Kritik an der stofflichen Belastung durch die Gießener Kläranlage und die Mischwasserbelastung. In Sachen Kleinlindener Bach war ebenfalls nicht alles geklärt. Der Bau der Anbindung sollte nach Schätzungen einst rund 180 000 Euro kosten, durch Baupreissteigerungen wären es wohl 250 000 Euro geworden.

Gut, dass sich die Lahn nicht um Gutachten und Förderverfahren schert: Bei den letzten Hochwassern hat der Fluss selbst eine Rinne ins Gelände gespült. Experten rechnen damit, dass diese sich bei weiteren Hochwassern noch vergrößern wird. Der Fluss spart dadurch also Hunderttausende Euro ein.

Die zuständigen Behörden wollen die Lahn an der »Banane« weiter gewähren lassen. »Das ist definitiv die günstigere Variante«, sagt Marlene Höfner, Projektmanagerin des Regierungspräsidiums Gießen für »Living-Lahn«. Das Geld soll nun in andere Projekte entlang der Lahn umgeleitet werden. Davon gibt es noch viele.

So ist etwa geplant, bei Lahnau eine Flutmulde zu bauen. Westlich des Bieberbaches wurde begonnen, Gräben, die mittlerweile ganzjährig trocken sind, wieder in einen Zustand zu versetzen, dass zwischenzeitlich Wasser hindurchfließt.

Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit dem Lahn-Aal. Bislang sei am Fluss die EU-Aalschutzverordnung nur marginal umgesetzt worden, sagen Fachleute. Ziel ist es, dass die Tiere möglichst ungehindert wandern können und nicht in den Turbinen der Wasserkraftwerke enden. Daher wolle man - bundesländerübergreifend - mehr über die Wanderbewegungen der Tiere erfahren. Für die Studie wurden besonders »wanderwillige Aale« gesucht. Diese erhielten einen Sender. Wenn sie an Wehren vorbeischwimmen, senden sie an dort angebrachte Mikrofone Signale. So lässt sich auswerten, wo wie viele Aale gerade unterwegs sind. Das Projekt wird jedoch noch einige Jahre dauern, denn bislang hat sich nur ein Fünftel der 250 besenderten Aale auf den Weg gemacht.

Ein zentrales Element des »Living-Lahn«-Projekts ist die Erstellung eines Lahnkonzeptes. Denn rund um den Fluss gibt es viele Interessengruppen: Von Naturschützern über Angler bis hin zu Wassersportlern, Kanuverleihern, Landwirten und vielen mehr. Zudem ist die Lahn in diesem Bereich eine Bundeswasserstraße, was die Möglichkeiten des Naturschutzes ebenfalls einschränkt.

Mit zahlreichen »runden Tischen« wurde versucht, die Interessen und Ziele all dieser Gruppen herauszufinden, schildert Höfner. Bis daraus ein Konzept wird, werde es wohl noch fünf Jahre dauern. Hauptziel sei nicht, die Menschen vom Fluss fernzuhalten: »Die Leute schützen nur die Natur, wenn sie sie wertschätzen und sich dort aufhalten können.«

Umweltstaatssekretär Oliver Conz informierte sich zur Halbzeit des »Living-Lahn«-Projektes über den Fortschritt. Dass es an verschiedenen Stellen Kritik gibt - etwa wenn Landwirte Flächen für Uferrandstreifen abtreten sollen - wundert ihn nicht. Bei vielen Naturschutzprojekten, aber auch dem Ausbau der erneuerbaren Energien wie dem Bau von Windkraftanlagen, gebe es massive Kritik. Dies liege vor allen Dingen daran, dass die Politik zu lange untätig gewesen sei: »Wir sind viel zu spät dran. Wir könnten gelassener agieren, wenn wir die Themen vor Jahren angepackt hätten.«

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