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Das Läuten in Steinbach und der Gruß der Nachbarn

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Maske hier, Abstand da - in Zeiten von Corona kommt sogar der lieb gewonnene Plausch über den Gartenzaun mit den Nachbarn zu kurz. Obendrein fällt auch der sonntägliche Kirchgang flach. Und das geht schon seit Wochen so.

Seit Wochen, genauer: seit dem 22. März gibt es aus diesen besonderen Umständen heraus in der Straße Am Weingarten in Steinbach eine ganz besondere Nachbarschaftsaktion. Da hatten Edith Engel und ihr Ehemann Franz Nuspl von der zwischenmenschlichen Leere genug und formulierten einen Aufruf, den sie in die Briefkästen "ihrer" Weingärtner steckten: "Zu Zeiten von Corona wäre es schön, wenn wir uns täglich treffen - bildlich gesehen -, aber mit Abstand. Jeden Abend, wenn die Glocken läuten, gehen wir ans geöffnete Fenster oder vor die Haustüre und winken uns zu. Danach spricht jeder für sich ein Gebet, eventuell das ›Vaterunser‹ mit anschließender Bitte an unseren himmlischen Herrn, dass er uns bald von dieser Pandemie erlöst. Macht bitte mit - gemeinsam schaffen wir das. Danke!"

Die Spannung im Hause Engel/Nuspl war groß, welche Nachbarn ihrer Idee etwas abgewinnen würden. Und siehe da: Punkt 19.30 Uhr winkte es von Balkonen, aus Fenstern, von Terrassen und Treppenstufen herab! "Hallo - schön dass ihr da seid", hallt es vom oberen bis zum unteren Weingarten und zurück.

Das ging erst mal Abend für Abend so weiter - bis Karfreitag. Dann waren die Winkenden zwar pünktlich an ihren vertrauten Plätzen - aber "von der Kirchgass" her blieb es still. Es dauerte eine Weile, bis sich herumgesprochen hatte, dass alles seine Richtigkeit hatte: An kirchlichen Feiertagen bleiben abends die Kirchenglocken stumm. So vergingen auch die Osterfeiertage ohne Glockenklang zur Dämmerung, aber mit umso herzlicherem Winken zur gewohnten Zeit.

Die nächste Bewährungsprobe bestand die Straßengemeinschaft am 1. Mai - wieder Stille vom Kirchturm zur vertrauten Uhrzeit. Nanu? Ein Anruf bei Pfarrerin Heike Düver brachte Gewissheit und die Weingärtner fortan allabendlich ein halbes Stündchen später zum Zuwinken: Am 1. Mai wird das "Gute-Nacht-Läuten" von 19.30 Uhr auf 20 Uhr verschoben - die digital gesteuerten Glocken werden an diesem Tag von Darmstadt aus auf die "kirchliche Sommerzeit" umgestellt. Fortan geht’s also pünktlich zur "Tagesschau" ans Winken.

Der schöne Brauch aus Fernwald schlug sich erst neulich auf einer der Anzeigen-Grußseiten in dieser Zeitung nieder - verbunden mit einem "Danke an unsere Steinbacher Weingarten-Nachbarn, mit denen wir uns seit der Coronakrise allabendlich beim Glockenläuten treffen (…)". Wer daraufhin neugierig geworden sein mag, hat hiermit die "Auflösung" erhalten - und vielleicht eine Idee zur Nachbarschaftsaktion in seinem eigenen Umfeld.ik/FOTO: IK

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