»Die längste Brücke der Welt«

  • vonLena Karber
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Als Christel und Manfred Wagner 1991 eine Austauschschülerin bei sich aufgenommen haben, wollten sie eine neue Kultur kennenlernen und ihre Englischkenntnisse verbessern. Dass aus dem Austausch eine innige Freundschaft zwischen Neuseeland und Bersrod entstehen würde, die über 30 Jahre währt, hätten sie sich damals nicht träumen lassen.

Als die Wagners im Januar 1991 am Gießener Bahnhof standen, um ihre Austauschschülerin abzuholen, hielten sie zwei Skistöcke in Händen. Dazwischen war eine selbstgebastelte Fahne befestigt. »Ich hatte im Lexikon nachgeschaut, wie die Flagge aussieht und dann Lackfolie besorgt«, erzählt Christel Wagner und zeigt auf das Ergebnis der Bastelaktion, das die Familie bis heute auf ihrem Dachboden aufbewahrt hat. Vier rote Sterne und der Union Jack kleben auf der dunkelblauen Folie. »Die britische Flagge gab’s hier zu kaufen«, sagt die heute 70-Jährige. »Aber Neuseeland war damals noch kein Thema.«

Auch für die Wagners aus Bersrod war Neuseeland damals ein unbekanntes Terrain. Durch einen Freund, der eine Schülerin aus Honduras zu Gast gehabt hatte, waren sie auf die Idee gekommen, sich als Gastfamilie für einen englischsprachigen Austauschschüler zu bewerben. Dass dieser vom anderen Ende der Welt kommen würde, war für die Familie jedoch eine Überraschung. Mit Hilfe eines Reiseführers bereitete sich die Familie auf die Ankunft der damals 16-jährigen Claire Charters vor.

Die Entscheidung, sich als Gastfamilie zur Verfügung zu stellen, stieß derweil nicht überall auf Verständnis, erinnert sich Christel Wagner. Schließlich waren im Rahmen des Austauschs weder ein Gegenbesuch noch eine Vergütung vorgesehen. »Viele haben nicht verstanden, wieso wir für ein Jahr kostenlos eine fremde Person bei uns aufnehmen wollen«, erzählt sie. Doch darauf habe es für sie eine klare Antwort gegeben: »Wir kriegen kein Geld, wir kriegen Kultur!«

Dass aus dem Austausch schließlich auch eine 30 Jahre währende Freundschaft mit Claires gesamter Familie hervorgehen würde, hätten sich die Wagners damals allerdings nicht träumen lassen können. Doch zwischen Neuseeland und Bersrod entstand Anfang der 1990er Jahre eine Verbindung, die Manfred Wagner heute als »die längste Brücke der Welt« bezeichnet. Sechsmal war Christel Wagner inzwischen in Neuseeland - und ihr Mann sogar neunmal.

Zu den Besuchen und Gegenbesuchen kamen außerdem im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche Reisen und Treffen rund um den Globus. Ob London, New York, Sankt Petersburg, Bratislava oder Mallorca - die beiden Familien haben schon viel gemeinsam unternommen. »Das hat einfach sofort gepasst«, sagt Manfred Wagner über die Beziehung zu Claires Eltern, die im gleichen Alter wie die Wagners sind und auch sonst einige Gemeinsamkeiten mit ihnen haben: Die Frauen waren beide Lehrerinnen, die Männer lieben den Sport. »Wir sind eine Familie«, sagt Christel Wagner. Claire, die mittlerweile Professorin für internationales Recht und Mutter zweier Kinder ist, sei damals wie eine Tochter für sie gewesen und sei das bis heute. Stolz fügt sie an: »Ihre Kinder sagen ›Oma‹ und ›Opa‹ zu uns.«

Abzusehen war das zunächst nicht. Stattdessen gab es gleich am ersten Abend nach Claires Ankunft in Bersrod einen kleinen Schockmoment: Obwohl sich die Wagners mit ihrem schönen Garten im Vorfeld für eine gute Gastfamilie gehalten hatten, wurden sie beim Ansehen von Claires Fotoalbum plötzlich blass - denn die 16-Jährige lebte in Neuseeland in einem tollen Haus direkt am Meer. »Ich habe gedacht: Oh Gott, was will das Kind denn hier?«, erinnert sich Christel Wagner.

Im Rückblick können die Wagners darüber lachen, denn es zeigte sich schnell: Claire war umgänglich, aufgeweckt und keineswegs verwöhnt. »Obwohl die Familie wohlhabend war, musste sie sehen, wie sie klarkommt«, sagt Manfred Wagner, der die Familie auch bei seinen Besuchen in Neuseeland nicht als prahlerisch empfand. Im Gegenteil: »Bei uns ist vieles so aufgesetzt, in Neuseeland sind die Leute viel lockerer«, sagt er. Den Sakko und den Schlips, den er bei seinem ersten Besuch noch im Gepäck hatte, lässt er schon lange zu Hause. »Abgesehen von der Bankenstadt Auckland laufen die Menschen eigentlich meistens mit Badelatschen und Shorts rum«, sagt er.

Dass die Wagners Land und Leute so gut kennengelernt haben, verdanken sie vor allem ihrer Beziehung zu Claires Familie. »Es ist ein großer Mehrwert, wenn man nicht nur touristisch reist, in die Herzen und Traditionen der Leute reinschauen kann«, sagt Christel Wagner. »Andere Menschen kennenzulernen und zu verstehen ist der größte Friedensbotschafter«, findet ihr Mann. Im Garten haben die beiden deswegen zum 25. Jahrestag des Kennenlernens vor fünf Jahren ein Symbol aus dem Volk der Maori, von dem Claire abstammt, verewigen lassen. »Es steht für eine immerwährende Bindung«, erklärt Manfred Wagner.

Den Abschiedsbrief, den Claire nach ihrem einjährigen Aufenthalt in Bersrod im Januar 1992 geschrieben hat, haben die Wagners gut aufbewahrt. »Ich weiß, dass wir uns wiedersehen werden«, heißt es darin. Und: Die gemeinsame Zeit mit der Familie sei nur der »Anfang« gewesen. Wie viel Wahrheit in diesen Worten steckt, hätte sich Claire damals wohl selbst nicht vorstellen können.

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