Auch in der Grünberger Buchhandlung Reinhard stehen die Zeichen nun auf Abstand. FOTO: JWR
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Auch in der Grünberger Buchhandlung Reinhard stehen die Zeichen nun auf Abstand. FOTO: JWR

Corona-Lockerungen

Läden wieder geöffnet: Ungewohnte Schritte zur Normalität im Kreis Gießen

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Auch im Kreis Gießen darf der Einzelhandel seit dem heutigen Montag wieder loslegen. Wie groß ist die Konsumlust bei der potenziellen Kundschaft? Momentaufnahmen aus Grünberg und Lich.

Die Sonne steigt über dem Grünberger Marktplatz allmählich höher. Ein zügiger Wind lässt am späten Montagvormittag den Sonnenschirm vor der Eisdiele "Venezia" klappern, doch niemand sitzt darunter. Zwar darf hier nun wieder Eis verkauft werden, wovon einige direkt Gebrauch machen. "Wir haben vor 50 Minuten aufgemacht, ein paar Kunden waren schon da", berichtet Inhaber Pablo Antuna.

Doch es ist ein Neustart unter merkwürdigen Bedingungen: Vor der Theke gibt es einen getrennten Ein- und Ausgang, an der Tür wird auf Abstands- und Hygieneregeln hingewiesen. Und wer ein Eis ergattert hat, muss erst mal das Weite suchen: Im Umkreis von 50 Metern darf das Eis nicht verzehrt werden, auch darüber informiert ein Aushang. Nicht jeder hält sich daran, aber von Menschentrauben kann auf dem Marktplatz zumindest keine Rede sein.

Antuna freut sich, dass es nun wieder losgeht. Wie viele Unternehmer hat auch er Kurzarbeit für seine Mitarbeiter beantragt. Und auch die Kundschaft sehne sich inzwischen nach Schritten hin zur Normalität: "Die Leute kommen nicht nur wegen Eis und Getränken, sondern auch wegen des Sozialkontakts", ist sich der Inhaber sicher, "das ist wichtig". Nun wirbt er augenzwinkernd für das "mit Abstand beste Eis".

Geschäfte wieder geöffnet: Offene Tür macht noch keinen Umsatz

Es ist Tag eins der gelockerten Corona-Schutzmaßnahmen. Ein Datum, das viele Ladenbetreiber und deren Mitarbeiter herbeigesehnt haben. Nach einem Monat dürfen Geschäfte mit einer Verkaufsfläche bis zu 800 Quadratmetern nun wieder öffnen.

Doch eine geöffnete Ladentür allein macht noch keinen Umsatz. Nehmen die Kunden die Wiederöffnung des Einzelhandels am ersten Tag in Anspruch? Das Beispiel Grünberg zeigt, dass viele offenbar verhalten reagieren. Vom großen Run auf kleine Läden ist noch nichts zu sehen. "Die Landbevölkerung ist meines Erachtens noch etwas vorsichtiger", sagt ein Mann mit einfacher Maske, der auf dem Marktplatz gerade auf seine Frau wartet, "da werden die Regeln eingehalten". Und daher, vermutet er, wollten es viele mit dem Bummeln in Läden nicht gleich übertreiben.

Hinzu kommt teils die Unsicherheit, wie man sich beim Einkauf nun verhält - auch wenn die Bevölkerung das inzwischen aus Supermärkten in ähnlicher Form kennt. "Guck erst, wie viele Leute da rein dürfen", raunt eine Frau ihrem Mann zu, als dieser ein Grünberger Geschäft betreten will.

Auch Ingrid Langwald hat ihr "Wäschefach" nahe dem Marktplatz am Montag erstmals wieder geöffnet. "Die letzten Wochen waren grässlich", sagt sie. Höchste Zeit, dass das Geschäft wieder Fahrt aufnimmt. "Ohne die Öffnung wäre es eng geworden - aber es wird auch so eng." Obwohl sie schon früh einen Antrag auf staatliche Hilfe gestellt habe, sei noch nichts überwiesen worden, "das ärgert mich schon".

Ohnehin sei es um die Zukunft des Einzelhandels nicht gut bestellt, sagt Langwald. "Immer mehr Geschäfte machen zu und es kommt keiner nach", beklagt sie. Für einige könne die Corona-bedingte Schließung nun der entscheidende Schlag sein.

Geschäfte wieder geöffnet: Kundenaufkommen überschaubar

Auch in der Licher Innenstadt lacht am Montagmittag die Sonne über nur mäßig belebten Straßen. Viele Inhaber haben die Chance zur Öffnung schon am ersten Tag ergriffen, doch das Kundenaufkommen ist überschaubar. In manchen Läden haben über den Vormittag nur zwei, drei Menschen vorbeigeschaut.

Monika Böhler-Stoppel, die seit zwölf Jahren bei Lederwaren Dörmer als Inhaberin fungiert, steht etwas verloren hinter der Theke ihres Ladens. Auch sie hat überlegt, erst am Dienstag zu öffnen - oder sogar erst Mitte Mai: Böhler-Stoppel sorgt sich auch um die eigene Gesundheit. "Aber finanziell brauchen wir es", sagt sie, deshalb ist die Tür nun wieder geöffnet. Und selbst, wenn das Geschäft nur schleppend anlaufe, sei die Öffnung noch aus einem anderen Grund wichtig: "Das Bild, dass wir wieder da sind, soll sich festsetzen."

Wie überall kann auch hier der Betrieb nur weitergehen, weil Schutzmaßnahmen ergriffen wurden: Klebestreifen am Boden weisen Kunden auf das Abstandsgebot hin, auch Desinfektionsmittel hat die Inhaberin kurzfristig noch bekommen. Nun fehlen nur noch die Kunden. "Ich denke, es braucht noch eine Anlaufzeit", sagt Böhler-Stoppel. Und hofft, dass diese nicht zu lange dauert.

Geschäfte wieder geöffnet: Gedämpfte Erwartung

"Ich vermisse den Kontakt zu den Leuten", äußert sich Andrea Wiedemann-Schumacher, die in ihrem Schuhgeschäft "Per Pedes" hinter einer Scheibe an der Kasse auf Kunden wartet. In den vergangenen Wochen sei sie jeden Tag in ihrem noch verschlossenen Laden gewesen, "auch wenn ich nur ein Paar Schuhe ausgeliefert habe". Etwa zehn Kunden hat sie bis Montagmittag im Laden gezählt - das sei "okay", mit mehr Andrang habe sie für den Anfang auch nicht gerechnet. Die Inhaberin lächelt freundlich, doch sie ist besorgt. "Ich erwarte nichts Gutes", sagt sie mit Blick auf die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns. "Jetzt müssen wir einfach gucken." Eine Ungewissheit, die den Einzelhandel wohl noch länger umtreiben wird.

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