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Hinter jeder Ecke verbergen sich Licher Geschichten: Der Stiftsherr wurde mit der Hübschlerin erwischt.

Kurzweilig durch die Altstadt

  • Nastasja Akchour-Becker
    VonNastasja Akchour-Becker
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»Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen«, soll Martin Luther einst gesagt haben. Auf den Mund gefallen war der Reformator nicht. Davon kann man sich bei der kostümierten Stadtführung in Lich überzeugen. Mit »Weggefährten - Gefährliche Wege« boten die Turmfreunde nach langer Corona-Pause wieder szenische Geschichten zur Reformation in Lich.

Martin Luther soll höchst selbst im Frühjahr 1521 auf seinem Weg zum Reichstag in Worms in Lich Station gemacht haben. Ein Furienzettel, der in einer Vitrine in der Marienstiftskirche ausgestellt ist, soll dies belegen: Der Beherbergungsnachweis dokumentiert die Unterbringung einer Reisegesellschaft mit 21 Personen und 89 Pferden auf Anweisung des Grafen Philipp Solms zu Lich. Und es heißt dort »Doctor Luther mitt III Pferden soll stelenn im Pfarhofe«. Man geht davon aus, dass Luther im alten Pfarramt in der Schlossgasse 16 übernachtet hat.

Das, was sich vor genau 500 Jahren in Lich zugetragen haben mochte, gibt den Rahmen für die Stadtführung »Weggefährten - Gefährliche Wege«, die die Turmfreunde Lich veranstalten. Zwölf Laiendarsteller, ausgestattet mit wunderbaren Kostümen, sorgen mit ihren kleinen Theatereinlagen und heiteren Anekdoten für einen kurzweiligen Rundgang durch die Licher Altstadt.

Hinter der Geschichte stecken Hannelore Rischmann, die die Fakten und Ereignisse recherchiert hat, und Horst Kächler, der sie in Worte fasste. »Eine Stadtführung kann mitunter langweilig sein, vor allem wenn viele Jahreszahlen genannt werden«, sagt die Licherin, die sich maßgeblich für die Sanierung und den Erhalt des Licher Stadtturms eingesetzt hat. »In Goslar hatte ich einmal an einer spannenden Führung teilgenommen. Die Stadtführerin hatte davon erzählt, wie die Menschen damals gelebt haben und zum Beispiel davon, was die Angestellten alles erlebt haben. Und so behält man es auch.«

Diese Führung war Risch- mann so in Erinnerung geblieben, dass in ihr die Idee wuchs, auch in Lich eine solche anzubieten. »So ist damals die erste Führung, ›Turmgeflüster‹, entstanden«, erzählt Rischmann. Es folgten »Wirtshausgemunkel« und »Weggefährten - Gefährliche Wege« als dritte Kostümführung durch Lich.

Los geht es am »längsten Licher«, wo wieder der altbekannte Stadtschreiber Johannes Melchior (Horst Kächler) die Gäste begrüßt. Und auch der Spießbürger (Wolfgang Reitschmidt) und die Hübschlerin (Katja Rischmann) sind wieder mit von der Partie. Nach einer kleinen Abhandlung über die Zeit und die »Dicke Anna« und die kleinere »Maria« und der dritten Glocke in Lich geht es dann 500 Jahre zurück auf Luthers Spuren.

Vorbei an sehenswerten Handwerkszeichen an den Kirchenfenstern - die Marienstiftskirche befand sich während Luthers Reise gerade im Bau, das Langhaus war bereits fertiggestellt, Chor und Sakristei wurden 1525 vollendet - geht es durch die Kirchgasse hin zur Schlossgasse und zum Pfarrhofe, wo der Reformator übernachtet haben soll. Vom heutigen Hessentagsbrunnen - damals befand sich dort der erste Marktplatz in Lich - führt die Strecke durch die Unterstadt zum Brunnen vor dem Rathaus, wo die Teilnehmer die Medizin des Stadtchirurgus (Volker Glaub) probieren konnten.

Die letzte Station ist in der Marienstiftskirche selbst, sie beherbergt unter anderem eine sehenswerte Glasmalerei der Reformatoren Luther und Melanchthon aus dem 19. Jahrhundert.

In der gut zweistündigen Führung tun sich überall Geschichten auf, und dass so manche peinliche Begebenheit für ein breites Schmunzeln sorgt, das ist den Darstellern, die alle ehrenamtlich agieren, geschuldet. Zu ihnen zählen außerdem die Schlossköchin (Erika Schilz) mit ihrem neugierigen Küchenmädchen (Lisa Rischmann), der Nachtwächter (Thomas Münch), der Student (Bennet Solan), der Stiftsherr (Christian Dörmer), der Bürger (Ernst Otto Finger) und die Bürgerin (Esther Bühn).

Und noch etwas Gutes haben die Licher Stadtführungen: Alle Einnahmen sind für den Stadtturm bestimmt.

Weitere Termine für »Weggefährten - Gefährliche Wege« werden demnächst bekanntgegeben.

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