Laut Kreishandwerkerschaft verschärft die Corona-Pandemie den Fachkräftemangel im Handwerk. (Symbolfoto)
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Laut Kreishandwerkerschaft verschärft die Corona-Pandemie den Fachkräftemangel im Handwerk. (Symbolfoto)

Corona-Pandemie

Kurzarbeit trotz voller Auftragsbücher? - Mit diesen Problemen kämpft das Gießener Handwerk

  • Lena Karber
    vonLena Karber
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Friseure, Bäcker, Kfz-Handel und nun auch das Baugewerbe - das Handwerk leidet unter der Pandemie. Dennoch bewährt sich die Branche in der Krise laut Gießener Kreishandwerkerschaft als »sicherer Hafen«.

Vielfach wirkt die Corona-Pandemie wie ein Scheinwerfer, der bestehende Probleme hervorhebt und zeigt, wo Dinge nicht gut laufen. Wäre das Stichwort bei den Schulen wohl die Digitalisierung, so ist es im Handwerk der Fachkräftemangel. »Ein Unternehmen überlegt sich wirklich zweimal, ob es einen Mitarbeiter, den es aus- oder weitergebildet hat, freisetzt«, sagt Björn Hendrischke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft in Gießen. »Und durch die Corona-Krise wird der Fachkräftemangel noch verschärft«, fügt Kreishandwerksmeister Kay-Achim Becker an.

Gießener Kreishandwerkerschaft: Corona verschärft Fachkräftemangel

So verzeichnete die Kreishandwerkerschaft bei den Ausbildungsverträgen im vergangenen Jahr einen Rückgang von 7,9 Prozent. Das sei zwar weniger als in anderen Regionen in Hessen, wo bisweilen ein Minus von über 10 Prozent zu Buche gestanden habe, aber dennoch ein Problem. »Das werden wir in den nächsten Jahren an allen Ecken und Enden spüren, denn das fängt bei den Auszubildenden an und geht über die Gesellen bis hin zu den Meistern«, sagt Hendrischke. »Das zu kompensieren, wird ein Kraftakt.«

Laut Kreishandwerkerschaft gibt es daher auch schon ein konkretes Konzept, wie man dem Fachkräftemangel entgegenwirken will. »Wir sind uns unserer Verantwortung als Institution bewusst und werden, wenn die Schulen wieder offen haben, den Fokus ganz klar auf die Berufsorientierung legen«, erklärt der Geschäftsführer. Denn aktuell sei es leider so, dass sich viele Jugendliche in einer Art »Schockstarre« befänden und sich eher für weiterbildende Schulangebote entscheiden würden. Das sei bequem und unkompliziert, während der Einstieg in das Handwerk oftmals auf persönlichen Kontakten und vor allem auf Praktika beruhe, die momentan kaum angeboten werden. »Es wird schwer, diese über Jahre gewachsene Struktur wieder aufzubauen«, meint Becker.

Verdoppelung des Holzpreises: Vor diesen Problemen steht das Handwerk im Kreis Gießen

Doch auch abseits von der Fachkräftesicherung und -gewinnung gibt es Probleme. Besonders gebeutelt seien etwa die Friseure, die auch nicht mit einem Nachholeffekt rechnen können, sagt Becker. Hinzu kämen der stationäre Kfz-Handel sowie hybride Geschäftsmodelle wie der Bäcker mit kleinem Café oder der Raumausstatter, der auch ein Ladengeschäft betreibt. Dass im Landkreis Gießen seit Mittwoch wieder das Einkaufen per »Click and Meet« erlaubt ist, kann in Bereichen mit Ausstellungsflächen nach Einschätzung der Kreishandwerkerschaft zumindest etwas Erleichterung bringen.

Allerdings hat inzwischen auch ein ganz anderer Handwerkszweig zu kämpfen, dem derartige Lockerungen nichts bringen werden. »Alles, was in diesem Bau- und Ausbau-Bereich war, hat geglaubt, recht gut durch die Krise zu kommen«, sagt Becker, der auch Obermeister der Bau-Innung im Kreis Gießen ist. Doch seit einigen Wochen mangelt es an Rohstoffen und Baumaterialen. Im Holzbereich könne man von einer Verdopplung des Preises ausgehen, doch auch andere Materialien wie Metall und Kunststoff seien betroffen. Kanalrohre, Rohrleitungen, Gips-Karton und Ständerwandkonstruktionen? Laut Becker alles Mangelware. Für Dämmstoffe gelte das sogar schon seit Jahresbeginn.

Kreishandwerkerschaft Gießen: Die Branche als „sicherer Hafen“ in der Krise?

Für die Branche bedeutet das verschiedene Probleme: Zum einen führt die oftmals recht lange Zeitspanne zwischen Angebot und Vertragsabschluss dazu, dass Kalkulationen bisweilen überholt sind. Zum anderen würden aktuelle Angebotsabfragen bisweilen deutlich höher ausfallen, sodass mit der Auftragsvergabe gezögert werde. »Das ist alles tragisch, aber noch viel kostenintensiver wird es, wenn die Projekte nicht weitergeführt werden«, sagt Becker. Durch die gute Ausgangslage hätten die Unternehmen das eine gewisse Zeit lang ausgleichen können, aber er gehe davon aus, dass das in den nächsten Monaten nicht mehr der Fall sein wird. »Ich könnte mir vorstellen, dass dadurch Firmen trotz voller Auftragsbücher irgendwann Kurzarbeit machen müssen.«

Inwiefern die Materialknappheit auf die Corona-Pandemie zurückzuführen ist, vermag Becker nicht zu sagen - die Vermutung liegt jedoch nahe. So hatten zuletzt auch die Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe sowie der Industrie- und Handelskammer das Problem mit der heruntergefahrenen Produktion in der ersten Phase der Pandemie erklärt.

In die Zukunft blicken die Vertreter des Handwerks im Kreis Gießen dennoch recht optimistisch. »Ich glaube nicht, dass es im Handwerk eine strukturelle Krise geben wird und bin zuversichtlich, dass wir Ende des Jahres wieder in normale Fahrwasser kommen«, sagt Becker.

Und auch Hendrischke sieht das ähnlich. Obwohl einige Unternehmen sehr gebeutelt seien, habe die Krise vor allem eins gezeigt: »Das Handwerk ist immer ein sicherer Hafen«. Davon will die Kreishandwerkerschaft nun auch junge Menschen überzeugen.

Kreishandwerkerschaft Gießen: Kritik an Schnelltest-Finanzierung und Impfreihenfolge

Die Schnelltests, die die Betriebe ihren Mitarbeitern nach Vorgaben des Bundes zweimal wöchentlich zur Verfügung stellen müssen, werden laut Kay-Achim Becker aktuell gut angenommen. Dass die Betriebe diese jedoch selbst finanzieren müssen, erachtet er jedoch als problematisch, da im Handwerk überwiegend kein Homeoffice möglich sei. »Gerade für die Unternehmen, die sowieso schon geschwächt aus der Krise hervorgehen, ist das ein enormer Kostenaufwand.« Unmut gibt es laut Kreishandwerkerschaft zum Teil zudem über die Impfpriorisierung. Man wolle keine Neiddebatte aufmachen, sagt Björn Hendrischke, »aber die Handwerker spielen in so gut wie keiner Priorisierungsgruppe eine Rolle, obwohl sie kein Homeoffice machen können und häufig den Tag über mit verschiedenen Kunden in Kontakt sind«. (lkl)

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