Neun Männer, die stolz sind auf ihr traditionsreiches Handwerk: Die Belegschaft der Küferei Jung mit Küfermeister Karl Jung (Mitte) und dessen Sohn, der ebenfalls Karl hieß (vorne rechts). FOTO: PM
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Neun Männer, die stolz sind auf ihr traditionsreiches Handwerk: Die Belegschaft der Küferei Jung mit Küfermeister Karl Jung (Mitte) und dessen Sohn, der ebenfalls Karl hieß (vorne rechts). FOTO: PM

Die Kunst, schwere Bretter zu biegen

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Schon im 16. Jahrhundert haben die Vorfahren der Familie Jung in Lich Fässer hergestellt. Karl Jung, der letzte Küfer, ist vor drei Jahren gestorben. Aber seine Werkstatt gibt es noch. Und die alten Maschinen könnten sofort in Betrieb gehen.

An die Eingangstür ist ein kleines Metallschild geschraubt. "Karl Jung, Küfermeister" steht darauf. "Es hing da schon, als ich hierher kam", erzählt Margarethe Jung. Das ist lange her. 1962 hat die Landwirtstochter aus Eberstadt den Sohn des Licher Küfermeisters geheiratet, der Karl hieß wie sein Vater. Die letzten Jahre, in denen die Küferei im Haupterwerb betrieben wurde, hat sie miterlebt.

Wer den Backsteinbau in einem Hinterhof in der Licher Oberstadt durch das große Holztor betritt, unternimmt eine Reise zurück in eine Zeit, in der Bier nicht in Metallfässer, sondern in bauchige Eichenfässer abgefüllt wurde. Die rundliche Form war wichtig, damit sich die Behälter rollen ließen. Margarethe Jung deutet auf ein leeres, etwa kniehohes Fass. "Versuchen Sie mal, es zu anheben..." Keine Chance. Selbst unbefüllt ist es viel zu schwer.

Die Fertigkeit, Eichenbretter zu Fässern zu biegen, wurde bei den Jungs von Generation zu Generation weitergegeben. Lokalhistorikerin Inge Steul hat recherchiert, dass sich die Familie bis ins 16. Jahrhundert als Küfer nachweisen lässt. Karl Jung, der vor drei Jahren verstorbene Ehemann von Margarethe, war der Letzte in dieser langen Reihe. Sein Großvater Friedrich August hat die Werkstatt 1902 gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder, der wiederum Karl hieß, auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei eingerichtet. Der massive Backsteinbau stand da bereits. Margarethe Jung deutet nach unten. "Achten Sie mal auf den Fußboden." Der ist in der Tat bemerkenswert. Beim flüchtigen Hinschauen könnte man glauben, man stehe auf Pflastersteinen. Es sind aber hochkant gestellte Eichenklötze. Kaum einer ist beschädigt. Sie sind längst nicht die einzigen Zeugen der Vergangenheit. "Kirchner Leipzig 1878" steht zum Beispiel auf der großen Bandsäge. Möglicherweise hat sie bereits in der Schäfergasse gestanden, wo die Familie Jung ihre Küferei vor dem Umzug in die Oberstadt betrieb.

Auf dem Foto unten, das vermutlich in den 1950er Jahren aufgenommen wurde, präsentiert sich stolz die gesamte Belegschaft vor einer beeindruckenden Kulisse aufgestapelter Fässer. Im Zentrum, in Anzug und Krawatte, der Chef. Küfermeister Karl Jung, geboren 1906. Als ganz junger Mann, 1928, hatte er die Werkstatt übernommen; sein Vater war 1916 gefallen. Vor ihm, im dunklen Hemd, Karl, der Sohn, Jahrgang 1938. Und drumherum die sieben Mitarbeiter. So groß war die Belegschaft nicht mehr, als Margarethe Jung 1962 in die Oberstadt zog. Die beiden Älteren, die auf dem Foto rechts neben dem Chef sitzen, hat sie aber noch kennengelernt. "Sie waren bis zum Schluss da."

Die Arbeitsabläufe in der Küferei kann die Witwe des letzten Küfers genau schildern. Kein Wunder, sie hat mitgeholfen, so wie das früher in Handwerkerfamilien üblich war. "An die Maschinen durfte ich aber nicht", berichtet sie. "Das war zu gefährlich."

Sie kann lebhaft von früher erzählen. Etwa von den großen Eichenstämmen, die im Hof lagerten, bis sie der Länge nach geschnitten und zwei Stunden in Soda gekocht wurden, damit das Holz biegsam wurde. Der Platz der jungen Ehefrau war häufig am großen Holzofen. "Wir standen hier immer zu dritt und haben die Bretter aus dem Kessel geholt", erinnert sie sich. "Es war eine anstrengende Arbeit. Aber wir waren jung und haben das hingekriegt."

Die Küferei war noch ein echter Handwerksbetrieb. Es gab keine vorgefertigten Teile. Alles wurde selbst gemacht, die Dauben und auch die Metallreifen, die später die Fässer zusammenhielten. "Kein Fass war wie das andere", sagt die einstige Chefin und holt ein paar Bauzeichnungen aus einer Schublade. "Danach wurde das Holz geschnitten." Später wurden die Bretter mit der ausgefrästen Rundung an beiden Seiten in Klammern gespannt und gebogen.

Herzstück der Fassproduktion war die große Auftreibemaschine, die bis heute im linken Teil der Werkstatt steht. Margarethe Jung nennt sie "die Anthon", so heißt der Hersteller aus Flensburg, der noch heute solche Maschinen als Nischenprodukt für Wein oder Whisky produziert. Hier wurden die Metallreifen über die mitsamt Fassboden in Form gebrachten Dauben gestülpt und immer weiter über die Rundung getrieben, so dass sich die gebogenen Bretter fest zusammenzogen. Um das Fass abzudichten, waren die Spalten zwischen den einzelnen Dauben zuvor mit Schilf ausgekleidet worden. Schließlich mussten die fertigen Fässer außen abgehobelt, mit Schwefel ausgebrannt und noch einmal gewässert werden, um die Lohe zu entfernen.

"Wenn die Brauerei die Fässer abgeholt hat, waren sie füllbereit", berichtet Margarethe Jung und weist darauf hin, dass der Familienbetrieb Seltenheitswert hatte. "Es gab hier sonst weit und breit keine Küfer", erinnert sich die bald 80-Jährige. So produzierte die Werkstatt ihre Fässer nicht nur für die Brauerei Ihring-Melchior vor Ort, sondern auch für die Konkurrenz aus Gießen, das Brauhaus Denninghoff. Weitere Kunden waren die Brauereien Steinhäusser in Friedberg und Busch in Limburg. An der Farbe des Randes konnte man erkennen, für welche Brauerei ein Fass gedacht war. "Rot für die Licher, blau für die Gießener", weiß Frau Jung.

Bei der Arbeit war Bier tabu

Spezialistentum gab es in der Werkstatt nicht. Jeder Mitarbeiter beherrschte alle Arbeitsschritte. Die Männer kamen morgens früh um sieben. Mittags saßen sie in einem Raum gleich neben der Werkstatt zusammen und verspeisten ihre mitgebrachten Brote. Ein Schoppen dazu war allerdings tabu, trotz der vielen Bierfässer rundherum. Die Männer, die an der Säge, den großen Fräsen und Hobelmaschinen standen, mussten stocknüchtern sein. "Bier konnten sie trinken, wenn sie fertig waren", sagt die einstige Chefin. Und es gab noch eine eiserne Regel: Vor Feierabend musste die Werkstatt aufgeräumt werden. Alle Mitarbeiter hatten eigene Werkzeugschränke. Sie sind bis heute gut gefüllt. Überhaupt könnte die Küferei jederzeit wieder in Betrieb gehen. Der ältere Sohn der Eheleute Jung hat als Pfarrer zwar beruflich einen ganz anderen Weg eingeschlagen als seine Vorfahren, doch er hält die Familientradition hoch und die alten Maschinen in Schuss. "Dafür bin ich dankbar", sagt seine Mutter.

Um 1970 wurde die Küferei als Haupterwerb aufgegeben, im Nebenerwerb aber noch eine Weile weiter betrieben. In den vergangenen Jahren lockte die Werkstatt regelmäßig beim Festival "Kunst in Licher Scheunen und an anderen Orten" zahlreiche Neugierige an. Zu Lebzeiten war auch Karl Jung stets zugegen, um den Besuchern zwischen Kunstobjekten Einblicke in ein fast vergessenes Handwerk zu vermitteln. In diesem Jahr musste "Kunst in Licher Scheunen" wegen Corona abgesagt werden. An manchen Herbstwochenenden ist aber trotzdem was los auf dem Hof der Familie Jung in der Oberstadt. Nicht nur die Küferei, auch das Keltern hat hier Tradition, viele Stammkunden kommen seit Jahren mit ihrem Obst hierher. Auch jetzt warten wieder säckeweise Äpfel darauf, in der Kelter von 1953 gepresst zu werden. Und nicht nur der Saft, der so entsteht, ist ein Produkt aus der Region. Die großen Holzbottiche, in die der Most fließt, sind es auch. Hergestellt aus Licher Eichenholz in der Licher Küferei Jung.

In der Küferei Jung in Lich scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Maschinen stammen teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert. Aber sie sind betriebsbereit. FOTOS: US

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